„Smartphones sind kein Kinderspielzeug“

Medienexperte Peter Hensinger informiert am Gymnasium in der Taus über den richtigen Umgang mit digitalen Medien

Smartphones gehören nicht in Kinderhände. Bild: fotolia

Von Bianca Walf

 

BACKNANG. Chatten, snappen, googeln – gerade junge Menschen leben heute so digital wie nie zuvor. Smartphone und Tablet stehen für viele ganz oben auf der Wunschliste und werden schnell zum ständigen Begleiter. Aber: „Smartphones sind kein Kinderspielzeug“, betont Medienexperte Peter Hensinger von der Verbraucherorganisation Diagnose-Funk. Am heutigen Mittwoch informiert er Jugendliche, Eltern und interessierte Besucher im Gymnasium in der Taus. Vorab hat er mit unserer Zeitung über die Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Wunderwelt gesprochen.

Herr Hensinger, Ihr Vortrag trägt den Titel „Smartphone und Tablet-PC – unsere neuen Familienmitglieder“. Ist es wirklich schon so weit gekommen?

Bedauerlicherweise ja. Das Smartphone ersetzt Kindern heute den Teddybären und ist gleichzeitig ihre Nabelschnur zur Welt. Es bedeutet für sie Kommunikation, Information und die Möglichkeit, sich darzustellen. Es ist lesen, Musik hören und mit Freunden in Kontakt treten in einem – ein wahrgewordener Menschheitstraum, der aber leider immense Risiken birgt.

Welche Risiken sind das?

Jeder Klick hinterlässt digitale Spuren, vervollkommnet ein digitales Profil, das von durchschnittlich 50 Unternehmen pro Nutzer gespeichert wird. Mit diesen Informationen wird Handel getrieben. Wo sie am Ende überall landen, entzieht sich völlig der Kontrolle des Nutzers. Eltern geben dabei auch die Kontrolle über ihre Kinder ab, für die diese Art von Medienkonsum noch viel weitreichendere Folgen haben kann. Die negativen Einflüsse auf die Entwicklung sind nachgewiesen: Bindungsstörungen, Konzentrationsstörungen, Entwicklungsverzögerung – auch Lese- und Rechtschreibschwächen bei Kindern werden dadurch begünstigt.

Aber ist es denn nicht gerade für junge Menschen unumgänglich, den Umgang mit digitalen Medien zu beherrschen, um sich im modernen Leben behaupten zu können?

Sprächen wir ausschließlich von 12- bis 14-Jährigen und älteren Jugendlichen, könnte ich das mit Einschränkungen bestätigen. In diesem Alter ist es vernünftig, die jungen Menschen an den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien heranzuführen. Dafür ist es aber absolut nicht notwendig, sie schon im Kindesalter regelmäßig damit zu konfrontieren. Ich sage ganz deutlich: Smartphones sind kein Kinderspielzeug. Leider werden heute trotzdem bereits Kleinkinder unter drei Jahren mit Smartphones und Tablets unterhalten. Das ist gefährlich. Auch bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren haben bereits 15 Minuten am Tag erwiesenermaßen Suchtpotenzial. Spezielle Apps für Kinder sind sogar absichtlich so konzipiert, dass sie im Gehirn eine abhängigmachende Wirkung hervorrufen. Also, nein, ich finde nicht, dass Kinder heute ein Smartphone haben müssen, um später mithalten zu können.

Was ist mit Teenagern? Was können Eltern tun, um sie sinnvoll an digitale Medien heranzuführen?

Erst einmal ist es wichtig, den jungen Menschen klarzumachen, dass das Smartphone nicht ihre Realität ist. Dass Erfahrungen, die sie beim Sport, beim Musizieren oder in einer Theater-AG mit ihren Freunden machen, wichtiger und wertvoller sind als die eindimensionale Information am Bildschirm. Erst, wenn sie im echten Leben ihre Interessen und Werte herausgebildet haben, können sie den differenzierten Umgang mit digitalen Medien lernen, ohne Gefahr zu laufen, sich davon beherrschen zu lassen. Ähnlich wie beim Auto plädiere ich für einen Smartphone-Führerschein, bei dem Jugendliche Schritt für Schritt an den sinnvollen Gebrauch des Smartphones oder Tablets herangeführt werden. Außerdem sollten Eltern klare Regeln mit ihren Kindern vereinbaren und die Zeiten, in denen digitale Endgeräte genutzt werden dürfen, limitieren.

Wann wird das Smartphone zur Droge? Auf welche Warnsignale müssen Eltern achten?

Aggression ist natürlich immer ein Ausdruck von Sucht. Wenn sich Kinder vehement weigern, das Smartphone wieder abzugeben und das regelmäßig zu Streit führt, ist das auf jeden Fall ein Warnsignal. Ebenso, wenn Ängste im Zusammenhang mit dem Smartphone auftreten. Typisch ist etwa das sogenannte Fear of missing out – zu Deutsch: die Angst, etwas zu verpassen – davon spricht man etwa, wenn Betroffene es beispielsweise nicht mehr ertragen können, nicht sofort die Antwort auf eine WhatsApp-Nachricht zu bekommen. Ein weiteres Alarmsignal ist die soziale Isolation. Wer lieber stundenlang allein am Smartphone oder PC hängt, als rauszugehen und Freunde zu treffen, hat ein Problem.

Wie können Eltern ihren Kindern die Risiken verständlich machen? Sind radikale Verbote hier der richtige Weg?

Verbote sind leider nicht sehr vielversprechend. Es gibt kein Patentrezept, um Kindern den richtigen Umgang mit digitalen Medien näherzubringen. Die Industrie hat sie leider bereits unverzichtbar gemacht. Der soziale Zwang ist riesig. Sein Kind durch Verbote radikal außen vor zu lassen, kann im schlimmsten Fall leider ebenfalls zu Isolation führen. Das Problem lässt sich nicht mehr am heimischen Küchentisch lösen. Hier müssen die Schulen und auch die Politik aktiv werden, indem eine Erziehung zur Medienmündigkeit stattfindet. Übrigens: Macron hat an französischen Schulen Smartphones verboten.

Unter Pädagogen fällt immer häufiger der Begriff der digitalen Bildung . Das Lernen soll künftig digitalisiert werden – Stichwort „Lernfabrik 4.0“. Was halten sie davon?

Es spricht nichts dagegen, technische Hilfsmittel einzusetzen – vom Whiteboard und vom Beamer bis hin zum Tablet. Die Idee der „Lernfabrik 4.0“ ist aber, dass das Lernen losgelöst vom Kontakt zwischen Schüler und Lehrer und losgelöst vom Klassenverband, computeroptimiert abläuft: Eine Lernsoftware verfolgt die Fortschritte eines jeden Schülers, versorgt ihn mit Input und kontrolliert seine Leistung. Der Lehrer ist nur noch ein Lerncoach, der da weiterhilft, wo der Schüler am Computer zu scheitern droht. Als Mitglied der Initiative „Bündnis für humane Bildung“ lehne ich das ab. Wir glauben, dass das Lernen im Klassenverband erhalten bleiben muss und dass die menschliche Interaktion den wesentlichen Teil des Lernprozesses ausmacht.

Der Informationsabend zum Thema „Smartphone und Tablet-PC – unsere neuen Familienmitglieder“ mit Peter Hensinger findet am heutigen Mittwoch, 21. Februar, von 19.30 Uhr an im Gymnasium in der Taus in Backnang statt.