Die württembergischen Templer in Palästina

206. Altstadtstammtisch des Heimat- und Kunstvereins Backnang: Vortrag von Jakob Eisler stößt auf großes Interesse

Hexenwerk oder Innovation: Erste Windmühle bei Haifa im Jahr 1872. Foto: privat

Von Uta Rohrmann

BACKNANG.Schon eine Viertelstunde vor Beginn des 206. Altstadtstammtisches des Heimat- und Kunstvereins Backnang waren die meisten Plätze im Helferhaus belegt, die letzten Besucher fanden auf den Treppenstufen noch einen Sitzplatz. Der Vortrag von Dr. Jakob Eisler von der Evangelischen Landeskirche zum Thema „Die württembergischen Templer und ihr Beitrag zur Industrialisierung und Landwirtschaft im Heiligen Land“ stieß bei den rund 80 Zuhörern auf großes Interesse. Mit seinen klaren und kurzweiligen Ausführungen, veranschaulicht durch zahlreiche historische Bilder seiner Powerpoint- Präsentation, gelang es Eisler, die Teilnehmer in erstaunliche Entwicklungen in Palästina mit hineinzunehmen, die ihre Blütezeit vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatten.

Doch alles begann nicht im Nahen Osten, sondern im Kirschenhardthof (Burgstetten), der „Weltzentrale“ der Templer seit 1856, so Eisler. Die Gruppe um Christoph Hoffmann, Tübinger Theologe und Abgeordneter des ersten deutschen Parlamentes 1848/49, die im weitesten Sinn den pietistischen Strömungen Württembergs zugerechnet werden könne, habe die Idee verfolgt, einen „geistigen Tempel in Jerusalem“ zu gründen. 1868 begann die Auswanderung, zunächst mit den Vorreitern Hoffmann und Georg David Hardegg in Haifa, damals Teil von Großsyrien.

Der Referent zeigte, wie Siedlungen der Tempelgemeinschaft sehr viel Know-how ins damalige Osmanische Reich, in die Provinz Palästina, brachten, die für die Region noch heute von Bedeutung seien. Siedlungsorte waren neben Haifa (1869) auch Jaffa (1869), Sarona (1871), Jerusalem (1873), Wilhelma (1902) sowie Bethlehem-Galiläa (1906). Etwa 2500 württembergische Templer hätten bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Heiligen Land gelebt.

Die heutige nordisraelische Stadt Haifa zähle 350000 Einwohner. Im Jahr 1868 lebten gerade mal 4000 Menschen dort, 1915 bereits 22000. Dies war kein Zufall. Die Fläche der Kolonie sei größer als die ursprüngliche Stadt gewesen. Familie Appinger habe als erste Kutschen im Heiligen Land eingeführt. Aus dem europäischen Mittelmeerraum wurde Holz importiert, es entstand das erste Sägewerk des Landes, eine Unternehmungsgründung, die fast 50 Mitarbeitern Arbeitsplätze bot, berichtete Eisler. Die schwäbischen Siedler betrieben Pensionen und bauten Straßen aus, wie die nach Nazareth und zum Kamelzentrum. So sei Haifa zum Umschlagplatz für die Warenströme aufgestiegen, die aus dem palästinensischen Hinterland für den Export nach Europa bestimmt waren.

Ein Novum war auch die erste Windmühle, die die Schwarzwälder Familie Kaltenbach eingeführt habe, und die wegen ihrer unglaublichen Effektivität im Vergleich zu den alten Steinmühlen von den Einheimischen zunächst als „Hexenwerk“ angesehen worden sei. Große Bedeutung erlangte zudem die Seifenfabrik der Familie Struve. Die Produkte wurden bis nach New York verkauft, als „carmel soap from the Holy Land“. Sarona war dagegen eine landwirtschaftliche Kolonie, drei Kilometer nordöstlich von Jaffa, die heute im Gebiet der 1909 gegründeten Stadt Tel Aviv liegt. Durch das dort bislang unbekannte Prinzip der Veredelung seien die weltweit bekannten Jaffa-Orangen entstanden. Auch hätten die Württemberger hier erstmals Bananen gezüchtet. Das Prinzip der Düngung war unter den Einheimischen bis dato ebenfalls unbekannt. Über 40 landwirtschaftliche Dörfer wurden später von Juden gegründet, die die Anregungen aufnahmen.

Die größten Unternehmer zur Zeit der ausgehenden osmanischen Herrschaft wurden die Gebrüder Wagner aus Mägerkingen (Schwäbische Alb), die in der Jaffaer Zweigniederlassung Walhalla über 100 Mitarbeiter beschäftigten: Juden, Christen und Muslime. Sie besaßen eine Eisengießerei und importierten Dutzende Gas- und Petroleummotoren aus Köln-Deutz.

Bis 1939 habe es dort auch die Zementfabrik der Gebrüder Wieland aus Bodelshausen gegeben, deren Gebäude danach 40 Jahre lang leer gestanden hätten. Dann erreichte Eisler ein Brief der Stadt Tel Aviv. Eigentlich sei der Abriss geplant gewesen, um dort Wohnhäuser zu bauen. Dann habe sich der Denkmalschutz eingeschaltet. Ob es richtig sei, dass hier die erste Zementfabrik im ganzen Orient gewesen sei. „Ja“, antwortete Eisler. Daraufhin hätten die Israelis das ganze Areal unter Denkmalschutz gestellt. Die Gebäude würden heute als Kaffeehaus oder Buchladen genutzt. Hier seien auch noch Kakteen zu finden, die es schon gab, als der Großvater von Sir Peter Ustinov hier lebte und das erste archäologische Museum Palästinas gründete.