Tierarztnotdienst wird selbst zum Notfall

Immer weniger Tierärzte im Rems-Murr-Kreis bieten an den Wochenenden Bereitschaftsdienste an

Kiara hat Durchfall, Benny wurde gebissen, Siggi am Hinterbein verletzt und Turbo bekommt eine Spritze – das sind die ersten tierischen Patienten, die an diesem Samstagvormittag in der Backnanger Praxis von Sabrina Hohberg behandelt werden. Die 37-Jährige hat Tierarztnotdienst. Sie ist eine der Ärzte, die einen Bereitschaftsdienst an Wochenenden absolvieren. Von 24 niedergelassenen Praxen übernehmen derzeit nur 6 einen solchen Dienst.

Sabrina Hohberg untersucht Kater Siggi, der alles über sich ergehen lässt. Er hat wohl in der Nacht mit einem anderen Kater gerauft und ein paar Kratzspuren davongetragen. Foto: J. Fiedler

Von Yvonne Weirauch

BACKNANG. Es ist kurz vor 10 Uhr und im Wartezimmer der Tierarztpraxis von Sabrina Hohberg maunzt, miaut und bellt es. Am frühen Morgen hatte schon das ein oder andere Herrchen angerufen und einen Notfall angemeldet. „Wir haben die Termine so alle Viertelstunde getaktet“, sagt Sabrina Hohberg. Die 37-Jährige hat die Praxis im vergangenen Jahr von Dr. Michael Trah übernommen und hat an diesem Wochenende ihren ersten Tierarztnotdienst in Backnang vor sich.

Erste Patientin: Kiara. Sie hat Durchfall. „Die Beschwerden hat sie schon seit Monaten, mal mehr, mal weniger. Jetzt soll die Frau Doktor mal gucken, gell Kiara?“, das Backnanger Ehepaar hat seine zwölfjährige Katze in einer Kiste transportiert. „Es ist so wichtig, dass es einen Tiernotfalldienst gibt“, sagt das Frauchen. Tierklinken seien zwar wichtig, aber für solche „kleinen Dinge“ ist ein Tierarzt vor Ort das Richtige. Und außerdem: „Solch eine Kiste, eine lange Autofahrt – da bekommen die Tiere ja noch mehr Panik als nötig. Deshalb ist ein Arzt in der Nähe immer von Vorteil.“

Sabrina Hohberg untersucht die maunzende Kiara gründlich. Blut wird abgenommen, eine Infusion verabreicht. „Dann wird sich das beruhigen“, sagt die Tierärztin. Im Wartezimmer wartet schon der nächste Patient: Benny. Der Kater sei morgens mit einer dicken Pfote nach Hause gekommen, berichten die Besitzer: „Wahrscheinlich gab es eine Keilerei.“ Spritze, Antibiotikum und Pfote versorgt – Benny blickt aus seiner Katerkiste etwas müde, aber zufrieden drein.

„Alles kleinere Notfälle, die sich in einer Tierarztpraxis schnell behandeln lassen können“, sagt Sabrina Hohberg und nimmt Stellung zu dem Missstand, dass immer weniger Tierärzte im Rems-Murr-Kreis an den Wochenenden Notdienste anbieten. Seit diesem Jahr haben sich Veränderungen ergeben.

Gemäß der Berufsordnung müsste jede Praxis einen Notdienst regeln. Will sie keinen eigenen Notdienst anbieten, müsste sie an einem geregelten Notdienst im Praxenverband teilnehmen. Doch die Lage ist derzeit eine andere: Außerhalb der Öffnungszeiten sollen die Tierärzte im Land ihre Notdienste „kollegial“ selbst organisieren. Im Kreis Ludwigsburg klappt das, im Rems-Murr-Kreis dagegen gibt es ein Problem: Von den 24 niedergelassenen Tierarztpraxen im Rems-Murr-Kreis übernehmen aktuell nur noch 6 Ärzte den Notdienst, 2017 waren es noch 11. 1988 waren es sogar 14 Praxen, die sich die Arbeit aufgeteilt haben. „Nun sind wir sechs Ärzte natürlicher häufiger mit einem Notdienstrhythmus dran“, sagt Sabrina Hohberg. Warum sich so viele aus dem Notdienst zurückgezogen haben, kann sie nicht mal erahnen: „Ich weiß es nicht. Aber es wäre natürlich einfacher, wenn mehr Ärzte im Notdienst Bereitschaft zeigen würden, sodass sich die Arbeit besser verteilt.“

Koordiniert und organisiert wird der Tierarztnotdienst im Rems-Murr-Kreis seit gut zehn Jahren von Wolfgang Nehls, der eine tierärztliche Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau Isabella in Weinstadt betreibt. Auch Nehls sagt, dass früher fast alle Praxen dabei gewesen wären, sodass man mit dem Notdienst nur „alle paar Monate mal dran war“. Sabrina Hohberg: „Soweit ich weiß, gestalten inzwischen viele niedergelassene Kollegen die Notdienst- und Bereitschaftsverordnung individuell.“ Viele Veterinäre schickten die Patienten außerhalb der eigenen Öffnungszeiten in die nächstgelegene Tierklinik. „Aber das ist bei solch kleinen Behandlungen gar nicht nötig“, sagt Hohberg. Bei schwereren Verletzungen oder gar einer schwerwiegenden Vergiftung könnte der Tierarzt Erste Hilfe leisten und dann das Tier immer noch in die Klinik einweisen.

Tierarztnotdienst soll ein

Service für den Kunden sein

„Ich sehe diesen Tierarztnotdienst auch als einen Service für den Kunden an“, so die 37-Jährige. Nicht jeder könne mit seinem Tier in einer der nahe gelegenen Kliniken für Kleintiere – beispielsweise in Leutenbach oder Ludwigsburg – fahren. Man müsse auch bedenken, was diese langen Fahrten für die Tiere bedeuten.

Der nächste Notfallpatient lässt an diesem Tag nicht lange auf sich warten: „Heute scheint Katzentag zu sein“, sagt die Tierärztin, blickt zur Tür und lacht. Denn auch der nächste Fall macht sich durch lautes Miauen aus der Kiste bemerkbar: „So laut haben wir ihn noch nie gehört“, sagt das Herrchen. Seit Oktober habe man den etwa elfjährigen Kater: „Er ist uns zugelaufen. Wir haben ihn Siggi getauft.“ Er sei humpelnd von seinem nächtlichen Ausflug nach Hause gekommen, wird der Ärztin erzählt. Sabrina Hohberg entdeckt Kratzspuren: „Siggi, du hast dich wohl gerauft, was?!“ Auch dieser Kater lässt sich bereitwillig auf dem Behandlungstisch eine Spritze verpassen.

Von wegen Katzentag: Turbo flitzt von Frauchen zum Stuhl und wieder zurück, wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und zittert leicht am ganzen Körper. Der Jack Russell Terrier ahnt, was ihm blüht. „Er hat nur einen schnellen Termin und bekommt eine Spritze“, sagt das Frauchen. Das Telefon klingelt. Ein weiterer Notfall meldet sich an. Mittlerweile haben sich die Stühle im Wartebereich geleert. Nur noch Efes sitzt mit seinem Frauchen da und wartet. Der elfjährige Schnauzer ist noch etwas wackelig auf den Beinen, er hat am Tag zuvor Zähne gezogen bekommen. Jetzt muss noch mal nachgeschaut werden. „Der Name Efes ist Türkisch und bedeutet Weizenbier“, lacht sein Frauchen und erzählt weiter, dass sie schon mehrere Hunde hatte und seit gut 20 Jahren in diese Tierarztpraxis käme. Sie betont, dass das bedauerlich sei, wenn viele Tierärzte sich aus diesem Notdienst zurückziehen: „Nicht nur für den Menschen ist ein Notdienst wichtig, auch fürs Tier.“