Die Lust am Finsteren

34 Positionen der „Neuen Schwarzen Romantik“ in der Galerie der Stadt Backnang und im benachbarten Helferhaus

Sie schwimmen auf einer schwarzen Welle, die 34 Künstler, die mit Werken aus dem Bereich der Neuen Schwarzen Romantik in die Galerie der Stadt Backnang und ins Helferhaus eingezogen sind. Die Bilder, Objekte, Installationen und Videos kommen finster daher, wirken zum Teil verstörend und bewegen sich zwischen Wahnvorstellungen, Zitaten aus der Kunst- und Kulturgeschichte und Todesmotiven. Aber auch reale gesellschaftliche Diskussionen wie der Klimawandel werden angestoßen.

Kunst aus der Gruselperspektive: Der Blick der Frau lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Eine Arbeit von Iris van Dongen aus Pastell, Reißkohle und Gouache auf Papier. Fotos: P. Wolf

Von Ingrid Knack

             

BACKNANG. Dark Wave. Da denkt man an Musik oder Mode, an die Gothic-Szene, an popkulturelle Phänomene, an das Vampirfilm-Revival oder an zahlreiche Hollywood-Blockbuster, in denen gruselig-lustvoll mit dem Horror gespielt wird. Doch auch in der aktuellen bildenden Kunst gibt es eine Schwarze-Romantik-Strömung. Wobei es freilich nicht neu ist, dass sich Künstler unterschiedlicher Genres mit den Mächten der Finsternis befassen. Bereits seit dem 18. Jahrhundert finden wir in der Kunst derart Abgründiges. „Schwarze Romantik: Von Goya bis Max Ernst“ hieß eine Sonderausstellung, die 2012 im Frankfurter Städel-Museum gezeigt wurde. Scharen von Schaulustigen haben sich die Exponate aus der Geisterbahn der Kunstgeschichte angeschaut.

Das Besondere an der vom Berliner Künstlerhaus Bethanien konzipierten und von Christoph Tannert kuratierten Wanderausstellung ist, dass die zeitgenössischen Tendenzen der Schwarzen Romantik in der bildenden Kunst zuvor noch nicht so umfassend präsentiert wurden. Die Schau war passenderweise zuerst im Nationalen Kunstmuseum in Bukarest zu sehen – Rumänien und der Dracula-Mythos sind untrennbar miteinander verbunden. Weitere Ausstellungsorte waren die Stadtgalerie Kiel und das Künstlerhaus Bethanien in Berlin. Nach der Station Backnang geht die Schau nach Bregenz. Und dann nach Prag, in das Zentrum der Schwarzen Magie. Filmkurator ist Robert Seidel.

In der Backnanger Ausstellung in zwei Häusern mit 66 Arbeiten von 34 zeitgenössischen, internationalen Künstlern aus Deutschland, Rumänien, Österreich, Tschechien, Russland, Dänemark, Norwegen, den Niederlanden, Spanien, und den USA haben wir es mit Gemälden, Grafik, Objekten und Videos zu tun, die uns in eine eigenartige Dunkelwelt mitnehmen, vor der wir uns aber nicht fürchten müssen. Wir wissen ja von der antiken Tragödie, welch kathartische Wirkung es haben kann, wenn wir uns auf derlei Welten einlassen.

Die Vanitas-Symbolik, die Vergänglichkeit alles Irdischen, begegnet uns in den Bildern wie in den Videos. Die spanische Künstlerin Greta Alfaro zeigt zum Beispiel einen Film, dessen Dramaturgie darauf abzielt, eine Idylle langsam zum Schreckensort werden zu lassen. In einer schönen nordspanischen Landschaft ist zunächst ein reich gedeckter Tisch zu sehen. Doch laben sich aber nicht fröhliche Menschen an dem Mahl, sondern Geier, die schließlich alles zerstören. „In Ictu Oculi“, so der Titel. In einem Augen- beziehungsweise Wimpernschlag. Die Szenerie ist als Allegorie entfesselter Macht zu verstehen. Mit dem Titel verweist Alfaro zudem auf eine der bekanntesten Vanitas-Darstellungen des spanischen Barockmalers Juan de Valdés Leal.

Der eiskalte Blick, das Eismeer

und die „Beasts“, die etwas ganz anderes austreiben als den Winter

Vordergründig harmloser kommt da das Bild mit einer Frau im Morgenmantel vor einem Pferd daher. Iris van Dongen, die 1975 in den Niederlanden geboren wurde, hat der jungen Frau aber einen Blick verpasst, bei dem es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft. Die Künstlerin sieht in ihren Figuren etwas Abstraktes und rückt sie in die Nähe von mythologischen Gestalten.

Mit der Ausstellung wird auch das Nebeneinander unterschiedlicher Techniken, Stile und Richtungen in der aktuellen Kunstszene vor Augen geführt. Gewollt abstoßend wirkt die Bodeninstallation „Nothing Good“ von Krištof Kintera (Prag) mit einem Benzinkanister, der an Brandanschläge denken lässt. Auch zukunftspessimistische Töne, zum Beispiel in Form von dystopischen Landschaften, werden in der Schau angeschlagen. Bei Philip Topolovac aus Würzburg schwingt bei aller dystopischen Romantik dabei sogar mit, eine reale Diskussion zum Klimawandel anstoßen zu wollen. „Envisat“ heißt seine Installation im gotischen Chor der Galerie, die aus einer Postkarte mit Eismeermotiv von Caspar David Friedrich, einem Bronzeskulptur-Satelliten und einer Bildprojektion besteht. Die Aufnahmen des Satelliten von Gletscherzonen der Erde treten in Dialog mit Friedrichs „Eismeer“. Zu den wichtigen Künstlern der Gegenwart gehört beispielsweise auch Martin Eder, der 1968 in Augsburg geboren wurde und heute in Berlin lebt. Eher klassisch ist sein blumiges „memento mori“, ein Stillleben.

In eine verrückte Bergwelt entführt uns der Tscheche Jan Vytiska. Seine „Beasts“ treiben nicht den Winter aus, wie man vielleicht beim ersten Anblick meinen könnte. Vielmehr sind sie aufgeladen mit Todessymbolik wie der Tollkirsche, mit der man sich um die Ecke bringen kann, oder dem Drudenfuß.

Der aus Pirna stammende und in Berlin lebende Maik Wolf zeigt in seiner Prognostikon-Serie Wanddurchbrüche, die auf etwas Fantastisches da draußen hinweisen. Ein Spiel mit verschiedenen Ebenen. „Diese Werke sind auch formal eine Konstruktion des Romantischen: Während der Blick von den Rändern zur Mitte konzentrisch immer tiefer ins Bild führt, öffnet er zugleich den Bildraum in eine romantische Unendlichkeitsfantasie“, heißt es in dem Katalog, der für sich – ganz in Schwarz und mit Silberschnitt – schon etwas Besonderes ist.

Die teilnehmenden Künstler sind: Greta Alfaro / Alexandra Baumgartner / Berthold Bock / Roland Boden / Sven Drühl / Martin Eder / Axel Geis / Anders Grønlien / Bertram Hasenauer / Susann Maria Hempel / Gregor Hildebrandt / Tommy Høvik / Lisa Junghanß / Krištof Kintera / Andrey Klassen / Michael Kunze / William Lamson / Bill Morrison / Nik Nowak / Markus Proschek / Adam Saks / Sándor Szász / Jan Šerých / Moritz Stumm / Jan Švankmajer / László Szotyory / Philip Topolovac / Iris Van Dongen / Fabrizia Vanetta / Quay Brothers / Ruprecht Von Kaufmann / Jan Vytiska / Maik Wolf / Ralf Ziervogel.