Minderjährigen Drogen angeboten

32-jähriger Gelegenheitsarbeiter zu neun Monaten Gefängnis verurteilt – Jugendliche Zeugen widersprechen sich

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG. Es ist an einem Augustabend des vergangenen Jahres. Gegen 23 Uhr ist eine Gruppe Jugendlicher in Backnang entlang des Murrufers unterwegs. Man hat etwas getrunken und ist unschlüssig, wie es weitergehen soll. Da treffen die vier jungen Frauen und der eine junge Mann, alle zwischen 16 und 17 Jahren alt, auf zwei Herren reiferen Alters. Man kommt ins Gespräch. Und die jungen Leute erfahren auch einiges von ihrem Gegenüber: dass der 32-Jährige aus Köln stammt, momentan in Steinbach wohnt und auch, in welchem Betrieb er seinen Lebensunterhalt verdient.

Der gebürtige Kölner, der als Angeklagter vor dem Backnanger Amtsgericht steht, gibt die Begegnung freimütig zu. Die Jugendlichen hätten ihn sodann nach Drogen gefragt, ihm einen Zwanzigeuroschein als Vorauskasse geradezu aufgedrängt. Er sei mit dem Geldschein verschwunden und nicht wiedergekommen. Die Jugendlichen erzählen die Sache andersherum. Dieser Mann habe ihnen „Pep“, also Amphetamine, angeboten. Wobei der Anbieter die Wirkung des Mittelchens wärmstens empfahl. Die Jugendlichen lehnten ab und man trennt sich. Den jungen Leuten ist die Begegnung nicht ganz geheuer. Sie informieren die Polizei. Ein Polizeibeamter nimmt sich der Sache an und vernimmt in den Folgetagen jeden Einzelnen der Gruppe. Durch die Angaben, die der Unbekannte gegenüber den Jugendlichen gemacht hat, wird dieser ermittelt. Aus der nächtlichen Begegnung wird für den 32-Jährigen eine Anklage wegen Abgabe von Betäubungsmitteln an Minderjährige.

Vor ihrem Auftritt vor dem Amtsgericht unterhalten sich die jungen Leute nochmals, sodass sie dann bei ihrer Vernehmung mit der überraschenden Aussage auftreten: Also der, der da als Angeklagter sitzt, war es nicht. Der vorsitzende Richter des Schöffengerichts hat seine Mühe mit den jungen Leuten, die sich immer wieder zu den Ausreden flüchten. Aber stets, wenn der Richter aus den Vernehmungsprotokollen vorliest, kommt die Erinnerung wieder etwas deutlicher. Aber dass es der hier anwesende Angeklagte sei, leugnen sie. Ob sie denn selber Erfahrungen mit Drogen hätten, was wiederum die Version des Angeklagten stützen könnte? Kleinlaut geben dies zwei zu. Aber es sei Marihuana gewesen.

Für den Staatsanwalt ist der Fall klar. Der Angeklagte hat in besagter Nacht Amphetamine angeboten. Und hätte auch erkennen müssen, dass die Gesprächspartner noch nicht volljährig waren. Es sei wohl nur ein versuchter Verkauf gewesen. Und die Menge des Rauschgifts klein (0,5 Gramm). Aber gegen den Angeklagten spreche sein umfängliches Vorstrafenregister. Elf Eintragungen hatte der Richter aufgelistet. Darunter die Veräußerung von Rauschgift an Minderjährige in Schwäbisch Hall. Da der Angeklagte unter Bewährung stand, lautet die Forderung: ein Jahr Gefängnis.

Der Verteidiger ist anderer Ansicht. Für ihn sind die Vorwürfe durch die Zeugenaussagen nicht erwiesen. Der drogenerfahrene Begleiter der jungen Damen wollte nach Alkoholgenuss noch etwas zum Rauchen haben. Auch der Ort des Geschehens, ein bekannter Drogenumschlagplatz, spreche für den Kaufwunsch der Jugendlichen. Er plädiert auf Freispruch. Nach kurzer Beratungszeit verurteilt das Schöffengericht den Angeklagten wegen unerlaubter Abgabe von Betäubungsmitteln an Minderjährige zu neun Monaten Gefängnis. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Zeugen sich abgesprochen haben. Sie wollten den Angeklagten nicht reinreiten. Deshalb komme den Aussagen bei der Polizei mehr Gewicht zu. Der Verurteilte nimmt das Urteil mit Entsetzen zur Kenntnis, spricht etwas von Wahnsinn und dass er unbedingt in Berufung gehen wolle. Als er das Gerichtsgebäude verlassen hat, hat er sich noch nicht beruhigt. Und krakeelt auf dem Stiftshof herum.