Wie die Wüste die Zunge ermuntert

Ein poetischer Spaziergang durch Damaskus mit dem Autor und Erzähler Rafik Schami im Backnanger Bürgerhaus

Rafik Schami im literarischen Salon der Backnanger Bürgerhaus-Reihe: 600 Besucher hörten die wunderbar blumigen Erzählungen des aus Syrien stammenden Autors über seine Heimatstadt Damaskus und das Wesen der Menschen in der arabischen Welt. Schami fesselte die Gäste in einer komplett freien Rede durch liebevoll ironische Einsichten, schön verpackte knallharte Wahrheiten und seinen knitzen Charme.

Rafik Schami erklärt, warum jeder Araber ein Stück Wüste in sich trägt. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Der Termin im literarischen Salon in Backnang mit Rafik Schami ist etwas ganz Besonderes. Hatte der Autor doch im Oktober vergangenen Jahres auf seiner Homepage angekündigt, dass er für 2018 keine Termine annimmt. „Meine Tournee, die sich von Anfang September 2015 bis Mitte Dezember 2017 ausdehnte und mit 174 Lesungen (davon über 50 Benefizveranstaltungen für die syrischen Kinder) und dazu ca. 80 Medienterminen sehr intensiv belegt war, wird am 11. 12. 17 zu Ende gehen (...). Ich muss mich nun für ein Jahr zurückziehen, um zu recherchieren und zu schreiben. Lesungen verführen mich. Ich liebe es, Menschen zu erzählen. Das birgt aber die Gefahr, dass man immer vor der mühseligen Schreibarbeit flieht, vor allem bei Durststrecken, die beim Schreiben wochenlang andauern können. Deshalb werde ich 2018 keine Ausnahmen machen. Erst Anfang 2019 werde ich wieder reisen...“

Welch ein Glück, dass der Termin am 22. Februar 2018 in Backnang schon lange ausgemacht war und es nun doch zu dieser (bisher) einzigen Ausnahme gekommen ist.

Schams (übersetzt Sonne) heißt der Verein, der zur Unterstützung von syrischen Kindern in den Anrainerstaaten Syriens 2012 auf Initiative Rafik Schamis und des Tübinger Verlegers Hans Schiler gegründet wurde. Dabei geht es vor allem um Bildung, psychosoziale Betreuung und die Förderung des kreativen Potenzials der Kinder, um sie zu ermutigen, ihr Leben und ihre Zukunft nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Nach all den Benefizaktionen mit einem Erlös von weit über 100000 Euro erklärt der Schriftsteller, der schon vor der „Lesung“ in Backnang Bücher signiert, seine Auszeit mit den Worten: „Ich bin müde.“ Davon merkt man dann aber kurz darauf nichts. „Für mich ist es rührend, so viele Menschen zu sehen, die Geschichten hören wollen“, sagt Schami, der für seinen Ausnahme-Auftritt mit einem proppenvollen Saal im Backnanger Bürgerhaus belohnt wird und höflich-charmant etwas von der Freude darüber zurückgibt: „Danke, dass Sie mir zwei Stunden Ihres Lebens schenken.“

Bevor der Schriftsteller mit seinen Geschichten über die Kultur und das Leben in Damaskus beginnt, gibt er eine Einführung in die arabische Mentalität, die von der Wüste nicht nur beeinflusst, sondern „ganz brutal geformt“ worden sei. Die Wüste sei wunderschön für Reisende, auf Dauer aber lebensfeindlich. „Und deshalb hat sie uns geformt – vor den Religionen.“ Schami weiter: „Warum malen die Araber nicht, warum machen sie keine Skulpturen? Die billige Antwort lautet: Der Islam hat es verboten. Das ist ein Schwachsinn (...). Was wollen Sie in der Wüste? 200 Kilometer Gelb, 70 Kilometer Dunkelgelb, schon wieder 140 Kilometer helles Gelb. Das Auge ruht in der Wüste.“ Es seien dagegen die abwechslungsreichen Landschaften und Wetterwechsel, die die Hand zum Gestalten anregten.

Die Wüste ist also nicht nur lebens-, sondern auch bildende-kunst-feindliches Terrain. Dafür ermuntert sie nach den Worten des Erzählers die Zunge. Woher das kommt? Der Beduine schaut sein Kamel an und denkt: Das kann ich auch anders nennen. Deshalb gibt es 90 Synonyme für das Kamel und 500 für den Löwen, weiß der Autor.

„Das Gesicht wahren

steht sehr hoch auf der Moralskala“

Rafik Schami lehrt uns: Es sind die Erzählungen, die die Wüste genauso befördert wie die Gastfreundschaft. Der Gastgeber hofft, eine neue Geschichte zu hören, die als kleines Juwel gesehen wird. Und dass der Gast später Gutes über ihn berichtet. „Das Gesicht wahren steht sehr hoch auf der Moralskala.“

Auch Rafik Schami ist ein Meister des Erzählens. Seine Geschichten kommen anfangs recht harmlos daher, werden dann immer ausschweifender, soghaft wird man fast unmerklich tiefer verstrickt in das Damaskus des Autors, das dieser sich so selbst immer wieder ganz nah herholt, zurückerobert. 1970 war Rafik Schami aus seinem Heimatland Syrien zunächst in den Libanon geflohen, ein Jahr später kam er als 25-Jähriger nach Deutschland. Sein Heimatland, in dem seine Texte zensiert wurden, hat er nicht mehr gesehen. In einem Interview mit dem Literaturkritiker Denis Scheck verriet Schami einmal, dass er 2009 ein Angebot bekommen hatte, „zurückzukehren und ein Kulturhaus in meinem Namen zu eröffnen und dann irgendwelche Empfänge zu machen“. Doch er lehnte ab. Weiter spricht er in dem Interview von Bedingungen, die Geheimdienstler an ihn gestellt haben, und dass es nicht angehe, „wegen einer Befriedigung, dass ich zurückkehren darf und dass ich in der Uni auftreten darf mit dem Goethe-Institut zusammen“, sich selbst und seine Überzeugungen zu verraten. „Und da habe ich höflich abgelehnt.“

Wenngleich das Heitere überwiegt in den Geschichten über das Flair der syrischen Metropole Damaskus, über die Menschen dort, die sich ihre Welt durch kleine Listen so bauen, wie sie ihnen besser taugt, reißt Schami auch bitterernste Themen an. Da wäre etwa die Sippe, die mehr zu einer Diktatur denn zu einer Demokratie passt, und die der Autor mit deutschem und syrischem Pass als großes Problem betrachtet. Denn das Wichtigste für die Sippe sei nicht das Überleben des Landes, sondern deren eigenes Überleben. Als Beispiele nennt Schami die Sippe Assad in Syrien und die Sippe Saud in Saudi-Arabien, die sogar das Land nach dem Namen der Sippe benannte, als sie 1932 die anderen Sippen besiegt hatte – mithilfe der Engländer. Das wäre so, als hieße die Bundesrepublik Deutschland Merkel-Republik, sagt der Erzähler.

Rafik Schami nimmt uns in das christliche Viertel seiner Heimatstadt mit – seine Familie entstammt der christlich-aramäischen Minderheit – es geht durch das Osttor und dann in die Straßen und Gassen, in die Innenhöfe und zu den markanten Gebäuden bis hin zur Paulus-Kapelle und der Moschee mit dem Jesus-Minarett, das viel über schon gelebten Frieden zwischen den Religionen aussagt. Sein Blick auf die Schwächen der Menschen ist sanft. Versteht man das alles als Mischung aus Erinnerung und Vision, könnte man sogar bei diesem imaginären Spaziergang an Friedensarbeit denken. Damaskus hat ja viele Herrscher kommen und gehen sehen.