Gedenken – und Appell an die Vernunft

Erinnerung an die Katastrophe von Stalingrad in der Friedhofkapelle – 24 Backnanger Soldaten waren unter den Opfern

75 Jahre nach dem Untergang der sechsten deutschen Armee gedachte der Arbeitskreis Erinnern und Gedenken im Heimat- und Kunstverein Backnang in der Friedhofkapelle der Opfer. Unter ihnen waren auch 24 Backnanger. Ihre Namen wurden verlesen, und für jeden wurde eine Rose niedergelegt.

Die Namen der 24 in Stalingrad gefallenen Soldaten aus Backnang wurden vorgetragen und für jeden von ihnen eine Rose niedergelegt. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Dr. Roland Idler präsentierte 75 Jahre nach dem Untergang der sechsten deutschen Armee die Fakten und zeigte illustrierendes Material, Ernst Hövelborn verlas Texte aus Kriegstagebüchern und anderen historisch relevanten Quellen, die er unter anderem Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“ (Frankfurt am Main 2004) entnommen hatte.

Die so entstandene Mischung aus Objektivität und Emotionalität bewegte die Zuhörer in der kleinen Kapelle auf dem Stadtfriedhof und vermittelte sicher auch bislang allgemein weniger bekanntes Tatsachenwissen. So verlas Ernst Hövelborn den Wortlaut des sowjetischen Kapitulationsangebots, dessen Annahme durch die Deutschen wenigstens zuletzt „zur Vermeidung sinnlosen Blutvergießens“ beigetragen hätte. Der Vertreter des Obersten Hauptquartiers der Roten Armee, Generaloberst der Artillerie Woronow, und der Oberbefehlshaber der Don-Front, Generalleutnant Rokossowski, hatten demnach für den Fall einer Kapitulation der Deutschen nach der vollständigen Einkesselung der sechsten deutschen Armee in Aussicht gestellt:

„Wir garantieren allen Offizieren und Soldaten, die den Widerstand einstellen, das Leben und völlige Sicherheit sowie – nach Beendigung des Krieges – die Rückkehr nach Deutschland oder in ein beliebiges anderes Land, in das der Kriegsgefangene gehen möchte. Allen Angehörigen der kapitulierenden Truppen werden die Uniformen, die Dienstgradabzeichen, die Orden, das persönliche Eigentum, die Wertsachen und den höheren Offizieren die blanke Waffe belassen. Alle kapitulierenden Offiziere und Soldaten erhalten unverzüglich normale Verpflegung. Allen Verwundeten, Kranken und Soldaten mit Erfrierungen wird medizinische Hilfe erwiesen.“ Aber es kam bekanntlich anders. Am 8. Januar 1943 wurde das Kapitulationsangebot abgelehnt.

Erfolgsmeldungen und Durchhalteparolen der gleichgeschalteten deutschen Presse zeichneten bis zuletzt ein verzerrtes Bild der Lage, und Hitler untersagte trotz eindringlicher Funksprüche und Telegramme von General Paulus den Rückmarsch beziehungsweise Handlungsfreiheit für den Befehlshaber.

Am Befehl „Sieg oder Untergang“ wurde erbarmungslos festgehalten

Die sowjetische Presse brachte beißende Karikaturen. Eine davon zum Thema „Winterausrüstung für die deutschen Truppen“ zeigte Soldaten, die sich in den Völkischen Beobachter mit seinen Erfolgsmeldungen einwickelten.

Die Soldatenparole „Der Führer haut uns raus“ sollte sich nicht bewahrheiten. Im Gegenteil: Am Befehl „Sieg oder Untergang!“ von Ende Januar 1943 wurde erbarmungslos festgehalten. Und Hitler beförderte den Befehlshaber Paulus noch zuletzt zum Generalfeldmarschall – ein Hinweis, dass dieser sich, statt zu kapitulieren oder in Kriegsgefangenschaft zu gehen, umbringen solle. Was all dies für die Soldaten bedeutete, veranschaulichten Abbildungen und Schilderungen der beiden Referenten, die abschließend den Originalabzug des letzten Flugblattes der Weißen Rose sowie ein Foto von Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst einblendeten: „Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad“, heißt es dort.

Spontan ergriff darauf Jörg Trautmann das Wort und berichtete über „phänomenale Erlebnisse“, die er bei bisher drei Besuchen im heutigen Wolgograd hatte. Er verlas ein selbst verfasstes Gedicht zur Völkerverständigung und schilderte die russische Gastfreundschaft. Die Namen der 24 gefallenen Soldaten aus Backnang wurden schließlich vorgetragen und für jeden von ihnen eine Rose niedergelegt. Denn nach Hegel solle die Vernunft als die Rose im Kreuze der Gegenwart zu erkennen sein, so Ernst Hövelborn.