Hoffnung auf ein Wiedersehen

Jasmin Schwarz möchte nach 22 Jahren ohne Kontakt ihren Vater treffen – Er liegt jedoch nach einem Unfall in Ägypten im Koma

22 Jahre lang hat Jasmin Schwarz ihren Vater nicht gesehen. Als sie es endlich schafft, wieder Kontakt zu ihm herzustellen, nimmt das Schicksal eine tragische Wendung: Bei einem Autounfall in seiner Heimat Ägypten verletzt sich Mohamed H. schwer, er liegt seitdem im Koma. Seine Tochter versucht nun, ihn zurück nach Deutschland zu holen.

Als sie vier Jahre alt war, hat Jasmin Schwarz ihren Vater zuletzt gesehen. Foto: privat

Von Lorena Greppo

BURGSTETTEN. „Anfangs war ich einfach nur traurig, da konnte ich keinen Lichtblick sehen“, beschreibt Jasmin Schwarz ihre Verfassung, nachdem sie vom Autounfall ihres Vaters erfahren hat. Ein Wiedersehen mit ihm nach 22 Jahren Trennung war zum Greifen nahe, telefonisch hatten beide sogar schon Kontakt aufgenommen. Die Vorfreude wurde jäh zerstört, als sich das Auto ihres Vaters auf dem Weg zum Flughafen in Ägypten überschlug. Nun liegt Mohamed H. in einem Krankenhaus, er wurde in ein künstliches Koma versetzt. Ihr Vater habe mehrere Brüche erlitten, hatte eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in Kairo Jasmin Schwarz am Telefon erklärt. Auf dem Weg ins Krankenhaus sei die Sauerstoffzufuhr zwischenzeitlich unterbrochen gewesen. Was seinen geistigen Zustand angeht, könnten die Ärzte keine Aussagen machen. „Da wurde es erst so richtig real“, sagt die Burgstettenerin, die zu jenem Zeitpunkt im neunten Monat schwanger war. „Mir wurde erst so richtig bewusst, was das alles bedeuten kann.“ Möglicherweise würde sie nie wieder mit ihrem Vater sprechen, ihn nie mehr zu Gesicht bekommen. In jenem Moment musste ihr Freund Hans-Georg W. das Telefon übernehmen.

Neue Hoffnung schöpfte Jasmin Schwarz durch den Zuspruch und die Unterstützung ihrer Freunde. Ein Freund habe ihr eine schöne Nachricht geschrieben, in der er ihr und ihrem Vater „noch viele schöne, gemeinsame Jahre“ gewünscht hat. „Das ist jetzt mein Ziel, dass wir uns wiedersehen und viel gemeinsame Zeit verbringen können“, sagt die 26-Jährige. Zuletzt gesehen hat Jasmin Schwarz ihren Vater vor 22 Jahren. Daran kann sie sich aber gar nicht mehr erinnern, denn als ihre Eltern sich getrennt hatten, war Jasmin Schwarz gerade mal vier Jahre alt. Der Kontakt zu Mohamed H. brach daraufhin völlig ab. Familiäre Schwierigkeiten hätten es ihm damals schwer gemacht, mit seiner Tochter in Verbindung zu bleiben. „Bei meiner Mutter ist schon vor meiner Geburt Multiple Sklerose diagnostiziert worden. Als ich in dem Alter war, wo ich sie nach meinem Vater gefragt habe, hat sie bereits Probleme mit dem Erinnern gehabt“, erklärt die Burgstettenerin. Ohne einen Vater aufzuwachsen, sei für sie normal gewesen. Auch habe sie angenommen, ihr Vater sei nach der Trennung zurück nach Ägypten gezogen. Erst Jahre später habe sie Interesse an der ägyptischen Kultur entwickelt und sich auf die Suche nach ihren Wurzeln gemacht.

Als Jasmin Schwarz in der zehnten Klasse einen Antrag auf Schüler-BAföG stellte, wurde sie eines Besseren belehrt. Auf dem zuständigen Amt sollte sie Angaben zu ihren Eltern machen. Als sie sagte, sie kenne ihren Vater nicht, habe die zuständige Mitarbeiterin ungläubig geschaut. So hat die heute 26-Jährige erst erfahren, dass Mohamed H. nicht nur in Deutschland wohnte, sondern gar nicht weit entfernt in Waiblingen. „Ich war perplex, schockiert“, erinnert sich Schwarz. Sie habe seine Adresse erfragt und ihm einen Brief geschickt. Keine Antwort. Auch als sie hinfuhr: Fehlanzeige, Mohamed H. wohnte nicht dort. Erst im vergangenen Jahr ergab sich eine neue Spur für sie. Über das Einwohnermeldeamt erhielt sie eine neue Adresse ihres Vaters – erneut in Waiblingen. Aber auch dort hatte sie erst einmal kein Glück. Die Namen ihres Vaters und ihres Halbbruders Sherif waren auf dem Klingelschild durchgestrichen worden. Sie waren kurz zuvor erneut umgezogen. Glücklicherweise half eine Nachbarin weiter, sodass Jasmin Schwarz und Ihr Freund sich kurze Zeit später im Wohnzimmer ihres Halbbruders wiederfanden.

„Die Krankenversicherung deckt Ägypten nicht ab“

„Der Moment, in dem er vor mir stand, war unbeschreiblich“, sagt sie heute. Die ganze Zeit hatte sie sich nur auf die Suche nach ihrem Vater konzentriert. Dass sie stattdessen den Bruder zuerst finden würde, damit habe sie nicht gerechnet. Und mit Überraschungsmomenten war es damit noch nicht vorbei. „Ich habe erfahren, dass ich neunfache Tante bin“, erzählt die 26-Jährige. Dann klingelte das Telefon, Mohamed H. war dran. „Ich habe nur gesagt: ,Hallo, hier ist Jasmin, deine Tochter.‘ Zuerst hat er das gar nicht geglaubt.“ Letztlich habe der Vater nur noch geschluchzt und ihren Namen gesagt. Zu diesem Zeitpunkt war Mohamed H. bereits auf Besuch in seiner Heimat Ägypten. „Er hat mich prompt auch eingeladen, zu kommen“, erzählt Schwarz. Da sie jedoch im neunten Monat schwanger war, sei das nicht infrage gekommen.

Am 7. Januar dann erhielt die Burgstettenerin einen Anruf mit der traurigen Nachricht des Unfalls. Die Kommunikation mit der Familie in Ägypten sei schwierig, da sie selbst kein Arabisch spreche, erzählt Jasmin Schwarz. Deshalb habe sie anfangs selbst nicht genau gewusst, wie es um ihren Vater bestellt war. Weil die Krankenhäuser in Ägypten oftmals nicht besser ausgestattet seien als eine deutsche Hausarztpraxis, ihr Vater aber eine konstante Sauerstoffzufuhr benötige, sei Mohamed H. in ein privates Krankenhaus gebracht worden. Dieses koste gut 450 Euro am Tag, hinzu kämen die Kosten für mehrere Operationen. „Mein Vater ist deutscher Staatsbürger, er ist hier auch krankenversichert. Aber die Versicherung deckt Ägypten nicht mit ab“, erklärt Schwarz. Der Plan sei deshalb, Mohamed H. nach Deutschland zu transportieren – die Überführung koste voraussichtlich 25000 Euro. Mit den Übersetzungen der Rechnungen helfe ihr die deutsche Botschaft, Geld könne sie von dort jedoch keines erwarten.

Zwar habe ihr Onkel einen Kredit aufgenommen, das reiche jedoch nicht aus. Jasmin Schwarz, seit zwei Wochen Mutter einer kleinen Tochter, wollte nicht untätig sein. Auf der Online-Plattform GoFundMe startete sie eine Spendenkampagne mit dem Aufruf „Vereint Papa und Tochter“. Schon knapp 6000 Euro sind dadurch bislang zusammengekommen. „Ich bin so froh, dass ich eine Möglichkeit gefunden habe, zu helfen“, sagt die junge Frau. Weil das für die frisch gebackene Mutter jedoch anstrengend ist, unterstütze ihr Freund Hans-Georg W. sie dabei maßgeblich. Hilfe hat sie auch vom Jugendzentrum Backnang erhalten, das zu ihren Gunsten eine Solidaritätsparty veranstaltete und dort 800 Euro eingenommen hatte. All das helfe ihr, die Hoffnung nicht zu verlieren, sagt Jasmin Schwarz. „Gemeinsame Zeit mit meinem Vater zu verbringen, ist mein Ziel.“