Es heißt einfach, am Ball zu bleiben

Die Arbeit der aufsuchenden neutralen Kontaktstelle für Menschen mit Demenz in Murrhardt wird fortgesetzt

In einer schnelllebigen, stark von der Individualisierung geprägten Zeit kann es von immenser Bedeutung sein, sich gezielt Wissen abzuholen. Dies betrifft insbesondere Kranke und Angehörige, wenn es um Hilfe im Alltag geht. Diese Unterstützung möchten Ute Guggenmos und Patricia Wirth von der aufsuchenden neutralen Kontaktstelle für Menschen mit Demenz in Murrhardt leisten – weiterhin.

Patricia Wirth und Ute Guggenmos (von links) im Begegnungscafé: Dort besteht alle 14 Tage die Möglichkeit, zum Angehörigencafé dazuzustoßen, um sich zu informieren oder einen ersten Kontakt zu knüpfen. Angesprochen sind Angehörige, Betroffene und Interessierte. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Als sich die Volkshochschule und die Koordinationsstelle für bürgerschaftliches Engagement Murrhardt dem Thema Demenz annahmen, standen in einem ersten Projekt zunächst die Angehörigen im Mittelpunkt. In einem zweiten wandte sich das Projektteam an die Betroffenen und wollte vor allem sozial weniger eingebettete und umsorgte Erkrankte erreichen. Ansprechpartnerinnen waren Ute Guggenmos und Patricia Wirth, die über die aufsuchende neutrale Kontaktstelle für Menschen mit Demenz Öffentlichkeitsarbeit leisteten und Informationsgespräche anboten. Diese Arbeit kann nun fortgesetzt werden. Bei dem Folgeprojekt bis Jahresende, das das Landratsamt finanziell und ideell unterstützt, werden nun beide Ansätze wieder ein Stück weit zusammengeführt. „Anker für Demenz“ will für Erkrankte Anlaufstelle sein und dabei auch Angehörige ansprechen.

Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass sich Betroffene und Angehörige oft erst dann kümmern, wenn sie mit der Krankheit konfrontiert sind. „Das Problem ist, dass es dann sehr schnell gehen muss“, sagt Birgit Wolf, Leiterin der Volkshochschule und Koordinationsstelle für bürgerschaftliches Engagement, wo das Projekt seinen Sitz hat. Insofern sei eine generelle Sensibilisierung fürs Thema und eine Öffentlichkeitsarbeit weiterhin von zentraler Bedeutung. Hinzu kommt, dass die Erkrankung an Demenz immer noch tabubehaftet ist.

Erkrankung an Demenz ist

immer noch tabubehaftet

In ihrem Vortrag zum Auftakt von „Anker für Demenz“ hat Demenzfachberaterin Monika Amann über die Kommunikation mit Erkrankten gesprochen. Ute Guggenmos und Patricia Wirth betonen, dass genau hier auch ein Ansatzpunkt liegt, weil er an der konkreten Alltagssituation anknüpft. Alle, die mit Erkrankten zu tun haben, profitieren von neuen Erkenntnissen, Tipps und Erfahrungen der Fachleute. „Es geht letztlich auch darum, kontinuierlich zu informieren, will heißen, das ist ein Stück weit Bildungsthematik“, sagt Birgit Wolf. Patricia Wirth, Krankenschwester und Pflegedienstleiterin, und Ute Guggenmos, Altenpflegerin und Kauffrau im Gesundheitswesen, sind weiterhin die beiden Fachfrauen vor Ort, um generell über Unterstützungsmöglichkeiten und zum Thema zu informieren. Insbesondere richtet sich ihr Angebot an alleinlebende, immobile Menschen sowie Mitbürger mit Migrationshintergrund. Gespräche können auch im häuslichen Umfeld geführt werden. „Für uns geht es darum, die Menschen zu finden, die Unterstützung brauchen und sie an die bestehenden Hilfesysteme heranzuführen“, erklärt Monika Amann, die das Team weiterhin unterstützt. Am Anfang hätten bei Pflegedienstleistern gewisse Bedenken bestanden. „Aber wir wollen ja keine Parallelangebote schaffen und stellen auch keine Konkurrenz dar.“ Vielmehr habe man sich die Aufgabe gestellt, Betroffenen die verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen, was aber voraussetzt, aktiv auf sie zugehen zu können, sprich eine Kontaktmöglichkeit herzustellen. Als nicht ganz einfach erwiesen hat sich das Ziel des Vorgängerprojekts, erkrankte Menschen zu erreichen, die aufgrund ihrer Lebensumstände keine Beratung aufsuchen oder aufsuchen können. Das Team vermutet, dass das Umfeld – Nachbarn, Bekannte und nahestehende Personen – Hemmungen hatten, Betroffene konkret zu benennen beziehungsweise einen Kontakt zu vermitteln. Kam er dennoch zustande, beispielsweise durch Angehörige, wurden Gespräche vor Ort dankbar angenommen, so Ute Guggenmos und Patricia Wirth. Der damit verbundene Einblick ins häusliche Umfeld der Ratsuchenden habe es ermöglicht, an anderer Stelle zu weiterer Begleitung aufmerksam zu machen und gezielte Vorschläge zur Verbesserung der Lebenssituation zu machen. Generelle Ziele von „Anker für Demenz“ sind die Stabilität im direkten Umfeld der Menschen, die mit der Diagnose Demenz leben müssen, zu fördern und zu erhalten sowie das Miteinander von Erkranken und Nicht-Erkrankten zu unterstützen. Ein regelmäßiges, neues Angebot ist das Angehörigencafé, das alle 14 Tage im Begegnungscafé der Kirche vor Ort stattfindet. Es steht Angehörigen, Betroffenen genauso wie am Thema Interessierten offen und wird jeweils von einem Projektmitglied begleitet. „Wir sind auch immer noch dabei, gemeinsam zu überlegen, wo man Betroffene oder auch Menschen, die deren Vertrauen haben, im Alltag treffen könnte, um entsprechende Brücken für mögliche Informationsgespräche bauen zu können“, sagt Monika Amann. Denn zum einen weiß sie, dass es einen langen Atem braucht, um Angebote wie eine Kontaktstelle bekannt zu machen und zu etablieren, zum anderen ist das Thema Demenz komplex. Die Fachberaterin ist überrascht, wie ungebrochen das Informationsbedürfnis auch nach Jahren ist. Bei ihren Vorträgen erlebt sie es immer wieder, dass Zuhörer weitere Anreisen auf sich nehmen. Wertvoll findet sie, was im Zuge der Murrhardter Projekte entstanden ist, und dass sich in der Stadt auch Ehrenamtliche beispielsweise beim Gesprächskreis für Angehörige oder Bewegungsangebot Fünf-Esslinger engagieren.