Junge Männer am Steuer: Hohes Risiko

Führerscheinneulinge dürfen sich weniger erlauben als andere Verkehrsteilnehmer – Weniger Unfälle im Langzeitvergleich

Junge Männer am Steuer gelten als Hochrisikogruppe. Sie alle als dem Alkohol zugeneigte Bleifußfraktion zu verunglimpfen, wäre unfair. Dennoch: Fahranfänger sind vergleichsweise häufig in schwere Unfälle verwickelt. Obwohl sie den Führerschein zunächst nur auf Probe erhalten und für Anfänger die Nulltoleranzgrenze bei Alkohol gilt. Ob’s was nützt?

Fahrschule absolviert, Führerschein in der Tasche: Nun folgen die sieben risikoreichen Jahre in der Autofahrerkarriere. Foto: B. Büttner

Von Andrea Wüstholz

WAIBLINGEN. Fakt ist: Die Zahl der Unfälle mit Fahranfängern geht seit Jahren deutlich zurück. „Die Probezeit hat sich bewährt“, heißt es beim Kraftfahrtbundesamt. Fakt ist laut der Behörde aber auch: 20000 Fahranfänger verlieren in Deutschland pro Jahr ihre Fahrerlaubnis vor Ablauf der Probezeit.

Mit welchen Konsequenzen ein 18-jähriger Golf-Fahrer rechnen muss, der kürzlich in Fellbach filmreife Szenen hingelegt hat, ist noch offen. Der junge Mann war in eine Verkehrskontrolle geraten, hielt aber nicht an. Er quetschte sich mit seinem Wagen an einem Metallpfosten vorbei, hängte die Polizei vorerst ab und blieb schließlich im Garten einer Kindertagesstätte stehen.

Von solchen Fällen erfährt prompt die Führerscheinstelle. Ein Fahranfänger muss sich erst zwei Jahre bewähren, bevor er wie alle anderen Autofahrer behandelt wird. Flucht vor der Polizei trägt während der Probezeit (und auch sonst) nicht zur Vertrauensbildung bei.

Auf Schwere und Anzahl

der Verstöße kommt es an

Ob ein junger Fahrer seinen Führerschein gleich wieder abgeben muss, hängt von Schwere und Anzahl seiner Verstöße ab: Zur Nachschulung muss, wer sich eines schwerwiegenden Verstoßes schuldig macht. Handy am Steuer gilt als schwerwiegendes Fehlverhalten, ebenso Alkohol oder 20 Stundenkilometer zu schnell. Als weniger schwerwiegend gilt beispielsweise, wenn die Reifen abgefahren sind oder das Auto keinen Tüv mehr hat. Verstöße dieser Art darf sich ein Fahranfänger zweimal leisten, bevor er zum Aufbauseminar geladen wird. Leistet sich der junge Autofahrer danach noch mal einen schwerwiegenden oder zwei weniger schwerwiegende Verstöße, folgt eine Verwarnung samt Aufforderung, sich – freiwillig – einer psychologischen Beratung zu unterziehen.

Wer sich danach erneut etwas zuschulden kommen lässt – verliert den Lappen. Frühestens nach drei Monaten gibt die Führerscheinstelle das Dokument wieder heraus. Zudem verlängert sich die Probezeit um weitere zwei Jahre.

Im Jahr 2017 mussten im Rems-Murr-Kreis laut Landratsamt 22 Fahranfänger ihren Führerschein abgeben (freiwilliger Verzicht miteingerechnet). Im Jahr davor war’s einer mehr. Zum Aufbauseminar beordert wurden im vergangenen Jahr 385 Fahranfänger im Rems-Murr-Kreis, 17 weniger als 2016.

Die Aufbauseminare unterscheiden sich. Verkehrspsychologen leiten kleine Gruppen von Delinquenten, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss Auto gefahren sind. Dreimal drei Stunden sind zu absolvieren. Fahrlehrer diskutieren in den gewöhnlichen Aufbauseminaren Ursachen fürs Fehlverhalten, und die Teilnehmer müssen sich in einer Fahrprobe bewähren. Laut Landratsamt wird die Art der Verstöße, deretwegen Fahranfänger zur Nachschulung müssen, nicht statistisch erfasst. Genaue Daten gibt’s zu den Ursachen, die zu Unfällen der Fahranfänger führen.

Die ADAC-Unfallforschung nennt diese häufigsten Unfallursachen: mangelnde Fahrpraxis beziehungsweise fehlende Routine in Grenzsituationen, Fehleinschätzung der Verkehrssituation, unangepasste Geschwindigkeit. Typisch für Fahranfänger seien Alleinunfälle vor allem in Kurven.

Das Risiko, als junger Verkehrsteilnehmer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren getötet zu werden, sei mindestens doppelt so hoch, verglichen mit dem Risiko aller anderen Autofahrer. Nicht nur die Fahrer, auch die Fahrzeuge spielen eine Rolle: Laut Statistiken steuert ein Anfänger einen Wagen, der mehr als zehn Jahre alt und deshalb in Sachen Sicherheit nicht auf dem neuesten Stand ist. Dringend rät der ADAC, grade am Anfang der Autofahrerkarriere ein Fahrzeug mit ESP zu wählen. ESP steht für elektronisches Stabilitätsprogramm und soll verhindern, dass ein Auto ins Schleudern gerät und der Fahrer daraufhin die Kontrolle verliert. Front-, Seiten- und Kopfairbags sollten außerdem vorhanden sein. Junge Männer sind laut Statistischem Bundesamt deutlich stärker gefährdet als junge Frauen, tödlich zu verunglücken: 73,2 Prozent der tödlich verletzten jungen Insassen in einem Auto waren 2016 Männer, knapp 27 Prozent Frauen.