„Ohne die anderen geht es nicht“

Bodo Klein ist auch als Ehrenvorsitzender der Gartenfreunde Robert-Kaess-Siedlung Backnang noch ehrenamtlich unterwegs

Samstagmorgens in der Robert-Kaess-Siedlung in Backnang. Bodo Klein und seine Frau Gudrun verteilen Backwaren. Ehrenamtlich. Ein Nachbarschaftsdienst, der den Zusammenhalt der Bewohner fördert. Gemeinsam etwas auf die Beine stellen, das wurde von den Siedlern seit jeher großgeschrieben. Bodo Klein, langjähriger Funktionsträger der Gartenfreunde Robert-Kaess-Siedlung, der jüngst von der Stadt Backnang ausgezeichnet wurde, spielte dabei lange eine Hauptrolle. Doch nicht nur die Gartenfreunde sind sein Hobby.

Sie pflegen gutnachbarschaftliche Beziehungen: Seit rund zehn Jahren bringen Gudrun und Bodo Klein samstags Backwaren direkt an die Haustür der Siedler. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

BACKNANG.Im Wohnzimmer hängt er, der Backnanger Teller, den Bodo Klein beim Neujahrsempfang aus den Händen von Oberbürgermeister Frank Nopper erhalten hat. „Im Juni wird Bodo Klein 75. Nach meiner Meinung ist eine städtische Ehrung überfällig“, so Nopper im Januar. Heute noch engagiert sich Klein bei den Gartenfreunden und ist obendrein zweiter Bezirksvorsitzender der Gartenfreunde im Altkreis Backnang.

„1937/1938 sind die Häuser gebaut worden“, weiß Bodo Klein. Seit 1969 lebt er in der Robert-Kaess-Siedlung. Acht Jahre später war er zweiter Vorsitzender der Gartenfreunde Robert-Kaess-Siedlung, die damals noch Verein der Siedler und Kleingärtner hießen und erst mit der Umbenennung ein eingetragener Verein wurden. Weitere zehn Jahre später, 1987, wurde er zum ersten Vorsitzenden gewählt. Sechs Mark und 37 Pfennige waren damals in der Kasse, erinnert sich der Senior noch genau. Viel habe man damals nicht gebraucht. Ungefähr umgerechnet 3 bis 4 Euro Portogebühren, ein wenig Geld für die Weihnachtsfeier, den Jahresausflug und vielleicht noch für ein weiteres Fest.

Rund ein Vierteljahrhundert stand Bodo Klein dem Verein vor. In dieser Zeit wurde die Siedlerstube im Kindergartengebäude umgebaut (1991 bis 1992). Viel Eigenleistung der Siedler steckt da drin. Die Veranstaltungsreihe zu unterschiedlichen Themen mit zwölf Terminen im Jahr wurde ins Leben gerufen. Die Mitgliederzahl verdoppelte sich in Kleins Amtszeit von 28 auf mehr als 80.

2013 war es für Bodo Klein nach unzähligen Stunden ehrenamtlichen Einsatzes dann an der Zeit, den Vorsitz in jüngere Hände abzugeben. Der Verein hatte im Jahr zuvor sein 75-Jahr-Jubiläum gefeiert, Klein hatte davon 35 Jahre aktiv mitgestaltet. Nun ist er Ehrenvorsitzender der Gartenfreunde. Kerstin Titze wurde seine Nachfolgerin.

Sowohl die Geschichte der Siedlung als auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bewohner sind etwas Besonderes. „Ohne die anderen geht es nicht“, sagt Klein. Als Werksiedlung der Lederfabrik Carl Kaess entstand vor dem Zweiten Weltkrieg an einem Hang westlich der Stadt ein ansehnliches Wohngebiet mit 32 kleinen, aber feinen Häusern. Die Abwicklung übernahm die Württembergische Heimstätten GmbH. Carl Kaess gab der Siedlung den Namen seines Vaters Robert, der auch Initiator des Projekts war. Die heute vielfach umgebauten und erweiterten Häuser wiesen dieselben Grundtypen wie die Sachsenweiler-Siedlung auf und waren Firmenangehörigen vorbehalten, die über den vollen Baupreis zinslose Darlehen der Lederwerke Backnang erhielten. 8000 Reichsmark habe ein Häusle damals gekostet, weiß Bodo Klein.

Robert Kaess hatte großen Anteil an der Entwicklung des städtischen Lebens. 1932 war er beispielsweise gemeinsam mit Eduard Breuninger Stifter des Bürgerheims in Backnang. Die Umsetzung seiner Siedlungspläne im Backnanger Westen erlebte der Lederfabrikant, Kommerzienrat, Ehrenbürger der Stadt Backnang und Landtagsabgeordnete allerdings nicht mehr. Er starb 1934.

Die Gärten um die Häuser gestalteten die Siedler mit viel Herzblut mit Blumen, Bäumen und Sträuchern. Für einen Zusammenschluss hatten sie gute Gründe: Durch Sammelbestellungen bekamen sie günstigere Konditionen beim Kauf von Torf, Samen und Heizöl, erzählt der gebürtige Breslauer.

Die Siedlung ist bis heute

etwas ganz Besonderes

Auch auf Pflanzenarten im Garten und seine Blumenwiese kommt Bodo Klein zu sprechen. Wenn man den Siedler mit Leib und Seele darüber reden hört, erinnert man sich unwillkürlich an Empfehlungen von Naturschutzorganisationen, die statt streng geschnittener Thujen- oder Kirschlorbeerhecken heimische Sträucher favorisieren. „Buchenhecke war Vorschrift“, so Bodo Klein.

Freilich musste in den vergangenen Jahren so manche Buchenhecke in der Siedlung einer trendigen Grundstücksbegrenzung weichen. Die Gartenkultur hat heute auch in der Robert-Kaess-Siedlung viele Gesichter. Genauso wie die nachbarschaftlichen Beziehungen.

Dies spiegelt sich leider auch in einer rückläufigen Mitgliederzahl der Gartenfreunde, die Klein aktuell mit 72 angibt. Das ist der Lauf der Dinge. Doch bis heute hat der Name Robert-Kaess-Siedlung einen guten Klang. Etliches ist noch beim Alten. Zum Beispiel die Vorträge. Über die vielfältigen Möglichkeiten, Kohl zu genießen etwa. Oder über Kürbisse. Während solcher Vorträge zaubert das Küchenteam im Hintergrund ein komplettes Menü. Gesetzt ist obendrein das Platzkonzert des Städtischen Blasorchesters mit Frühschoppen vor der Siedlerstube der Gartenfreunde. Legendär sind die Faschingsfeiern in der Siedlung. Auch beim städtischen Blumenschmuckwettbewerb mischte der Verein schon mit. Selbst bei der Pflege der städtischen Grünflächen gab es in der Vergangenheit besondere Einsätze der Siedler.

Neben Haus und Garten und dem Siedlerverein hat Bodo Klein noch weitere Hobbys – eines davon ist die Musik. Vor vielen Jahren war er Mitglied beim städtischen Blasorchester und spielte Klarinette und Saxofon. Außerdem kennen die älteren Backnanger ihn noch als Mitglied der Partyband Flamingo-Sextett. Dort spielte Klein nicht nur Klarinette und Saxofon, sondern auch E-Bass und Mundharmonika und sang. Das Ensemble trat oft am Straßenfestfreitag auf dem Stiftshof auf („da war die Bude immer knallevoll“) und begleitete von 1974 bis 1983 die Interpreten beim alljährlichen Nachwuchsfestival beim Straßenfest. Als das vorbei war, saß Bodo Klein in der Jury. Beim Schlagerwettbewerb 1978 wurden die Flamingos wegen ihrer hervorragenden musikalischen Leistung vom damaligen Oberbürgermeister Martin Dietrich spontan zum „Städtischen Tanzorchester“ ernannt, wie der frühere Kulturamtsleiter der Stadt Backnang in seinem Buch „Backnanger Straßenfest – Erfolgsgeschichte des ersten deutschen Straßenfests“ schreibt. Klar, dass die Musiker beispielsweise auch nach Annonay mitreisten, wenn mit den französischen Freunden ein Jubiläum gefeiert wurde.

Neben Bodo Klein waren bei den Flamingos außerdem mit dabei: Wolfgang Eminger (Bass, Gitarre, Gesang), Wolfgang Schettler (Keyboard, Klavier), Walter Schmidinger (Schlagzeug, Xylofon, Flöte), Helmut Alznauer (Gitarre, Gesang) und Willi Wellschmidt (Saxofon, Akkordeon, Keyboard). Und dann kam noch Margit Schettler mit Gesang und Percussion dazu. An Silvester 1992/93 gaben sie ihr letztes Konzert. „Es war zu viel“, bemerkt Klein. Schließlich waren die Musiker noch in ihren beruflichen Positionen gefordert. Klein arbeitete beim Baumaschinen-, Motoren- und Nutzfahrzeughersteller Kaelble – bis zum Niedergang des Unternehmens.

Noch heute gibt Bodo Klein Schülern Unterricht in Klarinette und Saxofon. Außerdem ist er Mineraliensammler und Mitglied im Stuttgarter Mineralienverein. „Ich gehe selbst nicht mehr sammeln, aber die Faszination der Steine lässt einen nicht mehr los.“ Und da wäre noch der Bahnenthusiast Klein. Auch als Ruheständler wird ihm wohl nie langweilig werden.