Gelbe Karte für Lärmsünder

Der Landkreis will gegen übermäßige Schallemissionen im Straßenverkehr vorgehen – Kreisräte stimmen der Konzeption zu

Der Landkreis will verstärkt gegen den Verkehrslärm vorgehen. Er setzt dabei einerseits auf vermehrte Polizeikontrollen, vor allem während der Motorradsaison, und andererseits auf eine Kampagne „Lärm macht krank“, mit der die Verkehrsteilnehmer sensibilisiert werden sollen. Zudem prüft das Landratsamt, ein sogenanntes Lärmdisplay mit Blitzfunktion für den Kreis anzuschaffen und Sündern Gelbe Karten auszustellen.

Eine Ansicht aus Bayern, die schon bald auch im Schwäbischen Wald Wirklichkeit werden könnte: Eine Lärmtafel fordert Verkehrsteilnehmer auf, die Drehzahl ihres Motors zu reduzieren und leiser zu fahren – aus Rücksicht auf lärmgeplagte Mitmenschen. Foto: Bayerisches Polizeiverwaltungsamt

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. Anna Katharina Maier vom Amt für Recht und Ordnung stellte gestern das Maßnahmenpaket vor, mit dem der Landkreis gegen unnötigen Verkehrslärm zu Felde ziehen will. Und die Kreisräte im Umwelt- und Verkehrsausschuss befanden die Konzeption für gut.

Maier machte allerdings deutlich, dass die Möglichkeiten für den Landkreis eingeschränkt sind. So liegt der vom Straßenverkehr verursachte Lärm in den allermeisten Fällen im Rahmen des Erlaubten, weil die Fahrzeuge die für sie geltenden Grenzwerte einhalten und demzufolge diese Geräusche grundsätzlich zulässig verursachen. Hinzu kommt, dass Motorradfahrer bei Verstößen gar nicht so leicht zu identifizieren sind: Ihr Schutzhelm verdeckt das Gesicht.

Fahrvergnügen auf landschaftlich reizvollen Strecken

Klar ist andererseits, dass Verkehrslärm eine gesundheitliche Belastung darstellen kann – das haben, wie die Amtsleiterin ausführte, repräsentative Studien des Umweltbundesamts immer wieder gezeigt. Und: der Rems-Murr-Kreis mit seinem landschaftlich und topografisch reizvollen ländlichen Raum, von den Weinbergen im Remstal bis zu den Höhen des Schwäbischen Waldes, bietet zahlreiche attraktive Strecken für Freizeitausfahrten. Biker und Pkw-Lenker gleichermaßen sind dort werktags ebenso wie an den Wochenenden zuhauf unterwegs und pflegen ihr Vergnügen.

Dabei prallt der Fahrspaß, den die einen auf ihrer motorisierten Tour empfinden, bei vielen Mitmenschen auf das Bedürfnis nach Ruhe. Verkehrslärm ist deshalb vielerorts zu einem Reizthema geworden, aber auch zu einem Problem, für das es bislang in anderen Landkreisen und Städten keine Patentlösung gibt. „Wir wollen etwas tun, auch wenn es schwierig ist“, erklärte deshalb Anna Katharina Maier und listete die Punkte aus ihrem Maßnahmenplan auf – „ein Update“, wie Landrat Richard Sigel sagte, auf die Konzeption zu geschwindigkeitsdämpfenden Maßnahmen, die der Umwelt- und Verkehrsausschuss bereits im Jahr 2008 verabschiedet hat.

Erster Punkt in dem Paket ist eine Ausweitung der gemeinsamen Kontrollen mit der Polizei. Dabei sollen während der Motorradsaison künftig verstärkt Lärmverursacher angehalten und ihr Fahrgerät auf bauliche Veränderungen hin überprüft werden. Vermehrte Kontrollen hatte auch bereits die SPD gefordert.

Weiter will das Landratsamt eine öffentlichkeitswirksame Kampagne unter dem Motto „Lärm macht krank“ starten. Ziel ist es, die Verkehrsteilnehmer zu sensibilisieren und eine allgemeine präventive Wirkung zu erzielen.

Überlegt wird ferner, ein Lärmdisplay zu beschaffen und an wechselnden Standorten aufzustellen. So eine Tafel würde Verkehrsteilnehmer auffordern, leiser zu fahren, also die Drehzahl ihres Motors zu reduzieren. Zudem kann die Anlage mit einer Blitzfunktion ausgestattet werden. Die Kosten für das Display allein belaufen sich auf 15000 Euro.

Im Rems-Murr-Kreis war ein derartiges System schon einmal im Einsatz: Das Verkehrsministerium testete das Gerät in Weinstadt-Schnait und einigen anderen Orten im Land von 2014 bis 2016 und zog eine positive Bilanz. Es zeigte Wirkung, wobei das Ergebnis in Schnait weniger deutlich ausfiel als etwa in Finsterrot. Im Schnitt ging der Anteil der am lautesten am Messpunkt vorbeifahrenden Motorräder um 40 Prozent zurück.

Fallen Fahrzeuge durch übermäßige Geräuschemissionen auf, will die Amtsleiterin künftig die Gelbe Karte zücken: Der Fahrer oder – falls nur das Kennzeichen bekannt ist – der Halter des Fahrzeugs erhält dann ein „Gefährderanschreiben“, das ihn auf seine Sünde aufmerksam macht. Wie beim Fußball droht ihm im Wiederholungsfall Ungemach – die Behörde nimmt dann seinen Führerschein unter die Lupe. Unter Umständen kann ihm auch das Führen eines Fahrtenbuchs auferlegt werden.

Rückbau der Applauskurve und Rüttelstreifen für Blockhauskurve

Neben alledem empfiehlt die Amtsleiterin den Städten und Gemeinden zum einen, eigene Lärmtafeln zu beschaffen, und zum anderen, Lärmaktionspläne aufzustellen. Letztere richten sich allerdings nicht gegen den Motorradlärm, sondern betreffen eher die Belastungen durch nächtlichen Durchgangsverkehr.

Darüber hinaus kündigte Maier zwei Vorhaben für die B14 zwischen Sulzbach und Großerlach an – eine Strecke, die mit ihrer Steigung und ihren Kurven Motorradfahrer von weit her anzieht und herausfordert. Ziel ist es, die Attraktivität der Strecke herabzusetzen, auf der auch immer wieder schwere Unfälle passieren. So ist ein Rückbau der sogenannten Applauskurve am Waldrand bei Sulzbach angedacht. Dort halten sich häufig Biker auf, um auf ihre Motorradfreunde zu warten und deren Performance zu beklatschen. Deshalb soll die Ausstattung des Parkplatzes reduziert werden – eine Idee, die Christoph Jäger (CDU) wenig gefiel. „Da blutet mir das Herz“, bedauerte er, weil sich auf der kleinen Anlage gerne auch andere Leute aufhalten. Karl Ostfalk (Freie Wähler) wiederum würde das Geld lieber für Maßnahmen ausgeben, von denen die Bewohner in den Orten direkt etwas haben. Denn „da draußen“ gebe es kein Lärmproblem.

Weiteres Vorhaben: Vor der unfallträchtigen Blockhauskurve soll eine Agglomerat-Markierung angebracht werden – ein Rüttelstreifen vor der Kurve und eine Mittelmarkierung in der Kurve. Jäger zeigte sich darüber besorgt: Man dürfe kein Leben aufs Spiel setzen. Stefan Hein vom Straßenbauamt hingegen unterstrich, diese Form der Markierung sei zulässig und mit Polizei, Ministerium und Regierungspräsidium abgestimmt.