Hitzige Diskussion um Glyphosat

SPD-Fraktion will das Unkrautvernichtungsmittel ganz verbannen – Landratsamt legt Aktionsplan mit Selbstverpflichtung vor

Glyphosat erhitzt die Gemüter – auch an Rems und Murr. Die SPD-Kreistagsfraktion möchte das Unkrautvernichtungsmittel am liebsten ganz aus dem Landkreis verbannen. Die CDU hingegen lehnt eine Gängelung der Landwirte ab. Das Landratsamt hat derweil einen Aktionsplan vorgelegt, der eine Selbstverpflichtung zum Verzicht auf den Einsatz des problematischen Mittels vorsieht.

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. „Mich ärgert, dass wir über einen Antrag diskutieren, für den der Kreis gar nicht zuständig ist“, schimpfte Christoph Jäger. Der Christdemokrat meinte damit den Ruf der SPD nach einem glyphosatfreien Landkreis. Sie will einen runden Tisch mit Bauernverbänden und Umweltorganisationen einrichten, um Anbaumethoden zu entwickeln, die ohne Umweltgifte wie Glyphosat auskommen. Dieses steht im Verdacht, Krebs auszulösen und das Erbgut zu schädigen.

Die Kreisverwaltung sieht dabei allerdings rechtliche Probleme: Ein generelles Verbot für die Anwendung von Glyphosat innerhalb des Kreisgebiets könne nicht angeordnet werden, weil das Mittel EU-weit für weitere fünf Jahre zugelassen wurde, erklärte der Erste Landesbeamte Michael Kretzschmar im Umwelt- und Verkehrsausschuss. Nur auf nationaler Ebene könnte der Gebrauch eingeschränkt werden. Zum Einsatz kommt das Mittel in ganz unterschiedlichen Bereichen. Wegen der vielfältigen landwirtschaftlichen Struktur wird es im gesamten Rems-Murr-Kreis angewendet: im Ackerbau ebenso wie im Obst- und Weinbau. Davon ausgenommen sind Betriebe, die nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus arbeiten, aber auch Streuobstwiesen, die nach Ökorichtlinien zertifiziert sind. Unterm Strich sind damit, wie Kretzschmar ausführte, elf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Kreis glyphosatfrei.

Darüber hinaus wird das Herbizid auf Bahntrassen eingesetzt, um die Gleise von Bewuchs frei zu halten – im Interesse der Betriebssicherheit. Glyphosat ist aber auch in privaten Hausgärten ein willkommener Helfer, um Moosbildung zu unterdrücken. Zwar sind nur speziell gekennzeichnete Produkte für nicht gewerbliche Anwender zugelassen. Aber die sind im Gartenmarkt leicht zu haben.

Kretzschmars Fazit: „Wir wollen da was machen, wo wir können.“ Im Rahmen einer Selbstverpflichtung will das Landratsamt beispielsweise bei der Pflege der kreiseigenen Liegenschaften auf Glyphosat verzichten und auch private Dienstleister darauf verpflichten. Desgleichen bei der Unterhaltung von Bundes-, Landes- und Kreisstraßen. Dort, wo es unbedingt nötig sei, Pflanzen zu entfernen, sollen andere Methoden zum Zug kommen – „mechanische und thermische Verfahren“, wie Kretzschmar sagte. Zudem sollen die kommunalen Bauhöfe in das Konzept eingebunden werden, etwa durch Schulungen für die Mitarbeiter.

Geplant ist ferner, die Bevölkerung über Aktionen und Veranstaltungen zu sensibilisieren. Als Beispiel nannte Kretzschmar das Bienenjahr 2017 im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald. Im Kontext der Landesgartenschau 2019 im Remstal soll dann auch über das Thema Biodiversität, also die biologische Vielfalt, informiert werden.

„Da brauche ich keinen

Antrag von der SPD“

„Wir wünschen uns alle glyphosatfreie Lebensmittel“, konstatierte Christoph Jäger. Man müsse die Dinge aber zu Ende denken: „Wir wollen keine Gängelung der Landwirtschaft in einem Bereich, wo wir nicht zuständig sind“, sagte der CDU-Kreisrat und führte Ertragsausfälle ins Feld, Preissteigerungen und das Problem des Welthungers. Der Großerlacher Bürgermeister fügte an: „In meinem Bauhof wird kein Glyphosat eingesetzt, da brauche ich keinen Antrag von der SPD.“ Und weil er schon mal in Fahrt war, verwahrte er sich gegen eine „Scheindiskussion im Kreistag“ und setzte hinzu: „Wir sind nicht blöd.“

Dr. Astrid Fleischer (Grüne) gab zu bedenken, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen, der Pestizideinsatz aber kräftig gestiegen sei. Was ihr wegen des Vergleichszeitraums Kritik eintrug: In den Siebzigern seien chemische Mittel erst aufgekommen. Fleischer beharrte aber darauf: Es gelte, das Bewusstsein für Alternativen zu schärfen.

Peter Treiber (FDP/FW), selbst Landwirt, wollte das Thema „praktisch beleuchten“, wie er sagte. „Ganz ohne Glyphosat geht es auch nicht“, konstatierte er und wies darauf hin, dass es da auch ums Geld gehe. „Der Aufwand ohne Glyphosat ist deutlich höher“, warf Werner Hundt (CDU) ein. Der Weinbaumeister hält einen Verzicht nicht für jeden Betrieb für möglich. Es sei aber ein Mehraufwand, der sich lohnt, entgegnete Markus Heid (Freie Wähler).

„Ich wehre mich gegen Gängelei und den erhobenen moralischen Zeigefinger“, machte sich der Landwirt Hermann Beutel (CDU) Luft: „Die Kollegen brauchen keine Belehrung vom Oberlehrer.“ Klaus Riedel (SPD) hielt jedoch fest: „Der Antrag war notwendig.“ Als Vertreter der Bürgerschaft sei man in der Pflicht, den Bewusstseinswandel anzustoßen.

In der hitzig gewordenen Diskussion versuchte Landwirtschaftsamtsleiter Georg Enssle, sachliche Information einzustreuen: In der Tat habe der ökologische Landbau etwa 30 Prozent weniger Ertrag und etwa 20 Prozent mehr Arbeitsaufwand. Im Vergleich habe der Landkreis aber schon die meisten Ökobetriebe, und es sei ein beständiger Prozess mit Betrieben, die umsteigen. Am Ende wurde der Aktionsplan bei zwei Gegenstimmen und drei Enthaltungen angenommen.