Tagesklinik ist ständig ausgelastet

Das Interview: Zwei Jahre nach der Eröffnung der Kinder- und Jugendpsychiatrie am ZfP Winnenden wirbt Oberarzt Joachim Diessner für den Ausbau des Angebots

Die Eröffnung der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Winnenden vor zwei Jahren war ein Meilenstein bei der medizinischen Versorgung im Rems-Murr-Kreis. Schließlich gab es auf diesem Gebiet in der Vergangenheit im Landkreis einen weißen Fleck. Dr. Joachim Diessner äußert sich in einem Interview über die Bedeutung des Angebots, das Erreichte, die Arbeit der Tagesklinik und seine Wünsche an die Politik.

Joachim Diessner wirbt für die frühzeitige Kontaktaufnahme bei psychischen Problemen. Ansonsten kann der Leidensdruck ins Unermessliche steigen. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

Seit zwei Jahren gibt es die Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Winnenden. Wie sieht dieses Angebot aus?

Wir haben hier ein ambulantes und ein teilstationäres Angebot – die Tagesklinik. Bei der Tagesklinik kommen die Kinder und Jugendlichen morgens von zu Hause in die Klinik und gehen am Nachmittag wieder dahin zurück. Man kann sich das von den Zeiten wie bei einer Ganztagsschule vorstellen. Wir haben täglich von Montag bis Freitag geöffnet, nur nicht am Wochenende oder an Feiertagen.

Wie viele Kinder und Jugendliche finden einen Platz in der Tagesklinik?

Es stehen zehn tagesklinische Plätze zur Verfügung, aber wir sind meist mit zwölf Plätzen belegt. Darüber hinaus betreuen wir 150 bis 200 Patienten ambulant.

Wie kommt die Einrichtung Tagesklinik an, was Akzeptanz und Auslastung angeht?

Wir haben im Dezember 2015 mit den ersten Patienten gestartet und sind seit 2016 durchgehend voll belegt. Wir haben immer eine Warteliste von in der Regel sechs bis acht Wochen. Das ist in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine relativ kurze Wartezeit.

Wie lange besuchen die Kinder und Jugendlichen durchschnittlich die Tagesklinik?

Die durchschnittliche Behandlungsdauer ist plus, minus drei Monate. Wir achten darauf, dass die Behandlung in der Tagesklinik nur so lange wie nötig ist und möglichst frühzeitig wieder in eine ambulante Behandlung übergeleitet werden kann. Abhängig von der Diagnose und dem Schweregrad der Erkrankung kann die Tagesklinikbehandlung auch länger dauern, zum Beispiel bei einer schweren Bindungsstörung oder bei einer Psychose.

Blicken wir einmal zurück. Welche Hilfen hatten Kinder und Jugendliche und deren Eltern vor der Eröffnung der Tagesklinik?

Ich weiß, dass es damals einen in Teilzeit niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater im Rems-Murr-Kreis gab, aber selbst der ist inzwischen im Ruhestand. Mit unserer Institutsambulanz sichern wir die Fortführung der kinder- und jugendpsychiatrischen ambulanten Versorgung im Landkreis. Eine teilstationäre heimatnahe Versorgung im Rems-Murr-Kreis gab es vor unserer Tagesklinikeröffnung schlichtweg nicht.

Im Gegensatz zu früher gibt es jetzt dieses Angebot. Welche Vorteile bietet diese Nähe Ihrer Meinung nach?

Wir haben immer wieder Familien, die zuvor beispielsweise in der Ambulanz in Weinsberg waren. Der Rems-Murr-Kreis ist in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung geteilt. Ein Teil ist dem Klinikum Weissenhof in Weinsberg, ein Teil dem Klinikum Stuttgart zugeordnet. Es gibt etliche Familien, die ambulant in Weinsberg waren und diese weiten Wege hatten, und jetzt die kürzeren Wege sehr zu schätzen wissen. Zum Teil können die Jugendlichen auch eigenständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem ambulanten Termin kommen, was jetzt zum Beispiel für das Klinikum am Weissenhof undenkbar ist, da muss immer die Familie fahren.

Aber genau eine gewisse Regelmäßigkeit ist wichtig bei solchen Störungen.

Das kommt immer aufs Störungsbild an und auf den Auftrag, den wir von den Patienten und den Familien erhalten. Wir arbeiten auftragsorientiert. Das heißt: Es wird schon geschaut, was für ein Bedarf ist da. Es gibt Jugendliche, die haben sich zwar psychisch in voll- und teilstationärer Behandlung stabilisiert, da geht es noch darum, die Medikation und den Verlauf ambulant zu begleiten. Möglich sind in dem Fall ambulante Termine mit Abständen von sechs bis acht Wochen. Es gibt aber auch andere Patienten, bei denen von der Intensität der Betreuung engmaschigere Termine notwendig sind. Aber das ist sehr abhängig von der Symptomatik.

Warum Tagesklinik? Ist ein vollstationärer Aufenthalt nicht sinnvoller?

Der große Vorteil der Tagesklinik ist, dass die Patienten nicht ganz aus dem familiären Rahmen herausgelöst werden. Die völlige Herauslösung aus dem familiären Kontext ist zwar bei bestimmten Krankheitsbildern und Symptomen wie zum Beispiel Suizidalität erforderlich, aber immer, wenn dies nicht notwendig ist, wenn jemand trotz der psychischen Erkrankung noch zu Hause wohnen und schlafen kann, wenn es sogar gut für die Behandlung ist, einer Vereinstätigkeit oder Hobbys weiter nachzugehen und den Kontakt zu Freunden zu pflegen, dann ist die Tagesklinik die erste Wahl. Wir haben beispielsweise eine Patientin, die geht am Freitagnachmittag reiten. Das ist etwas ganz Wichtiges und Stabilisierendes. All diese Dinge sind im teilstationären Rahmen möglich, im vollstationären hingegen fast nie.

Diese Teilnahme am Leben ist wichtig, um die gefürchtete Stigmatisierung zu verhindern?

Auf jeden Fall. Und trotzdem ist die Stigmatisierung selbst für Kinder und Jugendliche in der Tagesklinik noch ein Thema. Sie sind während ihres Aufenthalts in der Tagesklinik auch in der Klinikschule. Und die ist ein ganz wichtiger Baustein in der Behandlung, schließlich endet die Schulzeit und Schulpflicht ja nicht hier mit der Behandlung, sondern die Kinder besuchen im Anschluss wieder ihre alte Schule. Die Eltern und Kinder gehen ganz unterschiedlich damit um. Wir empfehlen immer so viel Transparenz wie möglich. Aber wenn es Dinge gibt, die man nicht sagen will, dann haben alle auch das Recht, zu sagen, da möchte ich nicht drüber reden.

Werden die Kinder während der Behandlung ausschließlich in der Klinikschule unterrichtet?

Nicht unbedingt. Es gibt auch eine Übergangszeit. Dass sie zum Beispiel morgens zwei Stunden in ihre alte Schule gehen, dann vier Stunden, sechs Stunden, aber sie kommen anschließend noch in die Tagesklinik. In diesem Übergang begleiten wir die Patienten sehr intensiv mit unserem Sozialdienst, den Krankenpflegerinnen und Erzieherinnen. Es geht für die Kinder und Jugendlichen um Fragen wie: Was sage ich alles? Wie gehe ich mit diesem Thema um? Was für Fragen kommen? Und die Erfahrungen sind meistens nicht so schlimm wie erwartet, aber trotz allem kommen natürlich Fragen von den Mitschülern: Was heißt Klinik? Wie ist es da? Wir von der Tagesklinik müssen Übersetzungsarbeit leisten und die Kinder und Jugendlichen in den ersten Stunden mitbegleiten. In der Grundschule geschieht dies oft in Form eines Stuhlkreises, dann sitzt auch der Therapeut oder der Betreuer von der Station mit dabei.

Mit welchen Problemen oder Krankheiten kommen die Menschen zu Ihnen?

Wir haben Erkrankungen aus dem ganzen kinder- und jugendpsychiatrischen Spektrum. Angefangen von den Aufmerksamkeitsstörungen und Störungen des Sozialverhaltens über Angst- und Zwangsstörungen bis hin zu Depressionen. Wir haben momentan einige Kinder mit Zwangsstörungen da. Das ist schon ein wichtiges Feld. Statistisch dauert es – wenn man Kinder und Erwachsene zusammennimmt – 7,5 Jahre, bis jemand Hilfe in Anspruch nimmt. Das ist eine lange Zeit und ein riesiger Leidensdruck. Ich denke da an einen 17-Jährigen mit Waschzwang, der jeden Abend eine Stunde im Bad verbringt und nochmals eineinhalb Stunden lang duscht und noch andere Rituale hat. Das heißt, jeden Abend geht ein Zeitfenster von drei bis vier Stunden flöten. Das kann zu so einem Leidensdruck führen, dass man sagt, ich will gar nicht mehr leben.

Was raten Sie Betroffenen mit solchen Symptomen und den Angehörigen?

Die Gefahr einer Chronifizierung bei solchen Zwängen und Ängsten ist sehr groß. Und sie wird größer, je länger man wartet. Deshalb werben wir auch dafür, frühzeitig – zumindest ambulant – Diagnostik machen zu lassen. Viele psychische Erkrankungen können ambulant diagnostiziert und behandelt werden. Aber bei dem erwähnten Beispiel des Zwangskranken würde eine ambulante Behandlung nicht ausreichen, oder wenn Ängste etwa so groß sind, dass jemand wochenlang nicht mehr zur Schule geht, dann kommt man ambulant auch nicht weiter.

Welche Verfahren wenden Sie an?

Wir haben Einzel- und Gruppentherapie und arbeiten multimodal, das heißt, wir bieten ein breites Spektrum an Behandlungsmethoden an. Angeboten werden Verhaltenstherapie, Familientherapie, systemische Therapie, Bewegungs- und Musiktherapie, soziales Kompetenztraining, Aufmerksamkeits- und Konzentrationstraining sowie Entspannungstraining. Das sind alles verschiedene Bausteine. Es wird aber immer individuell geschaut, welche Symptomatik vorliegt und welche Therapie passt.

Aber allen gemein ist, dass die Eltern miteinbezogen werden. Wie wichtig ist das?

Genau. Das ist ganz, ganz wichtig. Wir arbeiten eng mit den Familien zusammen und haben regelmäßige Familientermine. Wir haben einen Baustein, der nennt sich Multi-Familientherapie. Das heißt: donnerstags, vierzehntägig kommen sechs, sieben Familien hierher. Dann stehen Interaktionen im Mittelpunkt. Es geht nicht darum, dass Ärzte oder Psychologen in dieser Therapie den Familien zeigen, was gut für sie ist, sondern dass die Familien moderiert durch die Therapeuten sich untereinander austauschen, in Kontakt kommen, sich spiegeln und voneinander lernen.

Was ist das besonders Hilfreiche an diesen Treffen?

Man hinterfragt sich: Wie ist das bei uns? Wie ist es bei anderen? Die Familien merken, uns geht es nicht alleine so. Es gibt auch andere Familien, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen und mit dieser oder jener Erkrankung konfrontiert sind. Und wir erleben bei den meisten Familien, dass sie am Ende dieser Zeit sagen, sie profitieren sehr von dieser Therapieform. Eltern altersentsprechend miteinbeziehen ist eine Voraussetzung unserer Behandlung. Wir klären die Eltern stets über die Notwendigkeit ihrer aktiven Beteiligung auf und fordern diese in der Therapie auch ein. Eltern, die ihr Kind quasi zum Reparieren bei uns abgeben wollen, können wir kein Therapieangebot machen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft auch vonseiten der Politik, vom Kostenträger, von Ihrer Verwaltung?

Wir wünschen uns hier den Ausbau unserer Institutsambulanz. Weil wir in der ambulanten Versorgung merken, dass ein größerer Bedarf da ist, den wir momentan nicht abdecken können. Wir sind noch nicht an dem Punkt, dass wir sagen können, das ist für den Rems-Murr-Kreis eine ausreichende, gute Versorgung. Vonseiten der Kassenärztlichen Vereinigung würden wir uns wünschen, für eine stabile ambulante Versorgung der Patienten eine längere Zulassung als bisher zu erhalten. Die Zulassung ist eine Art Betriebserlaubnis. Leider müssen wir diese alle zwei Jahre neu beantragen. Bisher hat das zwar geklappt, aber eine dauerhafte Zulassung würde nicht nur die bestehende Versorgung sichern, sondern auch die personelle Aufstockung der Ambulanz erleichtern und damit das Versorgungsangebot erhöhen.

Welche Größe wäre in Ihren Augen das Optimum? Denken Sie beispielsweise an eine Verdopplung der Kapazität?

Wenn wir die zwei Jahre zurückblicken, so gibt es immer Spitzen und Wellen. Ruhiger ist es in den Sommerferien, da sind viele im Urlaub und der Belastungsfaktor Schule fällt weg. Aber insgesamt haben wir immer weiter steigende Anfragen. Momentan kategorisieren wir die Anfragen nach Schweregrad und verweisen die leichter Betroffenen dann etwa an Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Erziehungsberatungsstellen oder an niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater in anderen Landkreisen. Wir müssten mehr Diagnostik und Therapie anbieten. Aber wir sind mit unseren Kapazitäten in der Ambulanz am Anschlag. Wir bräuchten einen weiteren Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Ambulanz und zusätzlich zwei bis drei weitere Psychotherapeuten und Co-Therapeuten.