„Bei uns zählt, wer bedürftig ist“

Tafel bezieht Stellung zu Aufnahmestopps für Ausländer in Essen – Im Backnanger Laden sollen weiterhin alle willkommen sein

Die Tafel in Essen bevorzugt Kunden mit deutschem Pass. Seither steht die Einrichtung in der Kritik. Auch Heinz Franke, der die Backnanger Tafel betreut, hält das Vorgehen seiner Kollegen für falsch. Verurteilen will er sie aber nicht, denn auch in Backnang sind 70 Prozent der Tafelkunden Ausländer. Dass das nicht für Probleme sorgt, sei vor allem dem hiesigen Konzept zu verdanken.

Ob junge Familien, Rentner oder Hartz-IV-Empfänger: Die Backnanger Tafel will ihre Türen auch in Zukunft für alle öffnen, die bedürftig sind – ganz unabhängig von der jeweiligen Nationalität – ein offenes Ohr gibt es bei Leiterin Daniela Kramm und ihrem Team gratis dazu. Foto: A. Becher

Von Bianca Walf

BACKNANG. Die Bilder aus der Essener Tafel, die im Lauf der Woche durch die Medien geisterten, erinnern fast schon an die Nachkriegszeit: Riesige Menschenansammlungen, die in Reih und Glied für Nahrungsmittel Schlange stehen, aufgebracht gestikulierende junge Männer, Familien mit Kindern, die unverrichteter Dinge wieder gehen müssen. Die Entscheidung der Verantwortlichen, den Zuständen durch einen Aufnahmestopp für Neukunden ohne deutschen Pass zu begegnen, sorgt deutschlandweit für Empörung. Das Argument, die vielen Ausländer würden deutsche Rentner und Alleinerziehende als Kernzielgruppe der Tafeln verdrängen, scheint dabei ungehört zu verhallen.

„Auch wir merken, dass Stammkunden wegbleiben“

Auch die Macher der Backnanger Tafel, der Vorstandsvorsitzende des Trägervereins für Kinder- und Jugendhilfe, Heinz Franke, sowie die Leiterin des Tafelladens, Daniela Kramm, stehen der Vorgehensweise ihrer Essener Kollegen kritisch gegenüber. „Die Zielgruppe der Tafeln ist für mich ganz klar: Bei uns zählt, wer bedürftig ist“, betont Franke. Die Entscheidung, bestimmte Personengruppen zu benachteiligen, halte er in diesem Sinne nicht für richtig. Verurteilen wolle er sie aber auch nicht: „Es war eine Reaktion aus der Hilflosigkeit heraus. Jedem, der sich darüber empört, empfehle ich, mal ein paar Stunden in der Essener Tafel zu verbringen. Vielleicht ändert das seine Meinung.“

Obwohl die Backnanger Tafel, die seit 2014 in den Gebrauchtwarenladen des neuen Familienzentrums Famfutur in der Theodor-Körner-Straße integriert ist, auf den ersten Blick ein äußerst harmonisches Bild abgibt, sind einzelne Facetten des Problems auch dort bekannt. „Auch wir haben unter unseren Kunden 70 Prozent Ausländer“, erklärt Heinz Franke. Ohne Frage habe der Anteil im Zusammenhang der aktuellen Asylproblematik zugenommen. Das tägliche Miteinander werde durch Verständigungsprobleme und kulturelle Unterschiede natürlich nicht unbedingt erleichtert, räumt Daniela Kramm ein: „Auch wir merken, dass Stammkunden wegbleiben.“ Eine
80-Jährige schwäbische Rentnerin fühle sich vielleicht tatsächlich unwohl unter lauter jungen Leuten, deren Sprache sie nicht versteht, mutmaßt Daniela Kramm. Sicher wisse sie es aber nicht. Direkt geäußert habe sich keiner. „Die Leute kommen dann eben einfach nicht mehr. Aber das sind bei uns definitiv Einzelfälle.“ Alles in allem gebe es sehr wenig Konfliktpotenzial.

„Das liegt sicherlich auch an unserem speziellen Konzept hier in Backnang“, ergänzt Heinz Franke. „Im Gegensatz zu anderen Tafelläden, die komplett auf sich allein gestellt sind, hatten wir die Chance, uns ins Familienzentrum zu integrieren. Personell und strukturell hat uns das enorme Vorteile gebracht.“ So ist der Backnanger Tafelladen als Teil des Gebrauchtwarenhauses „SoWas“, in dem Menschen aller sozialen Schichten einkaufen, an sechs Tagen die Woche geöffnet. Die meisten Tafeln in Deutschland können hingegen nur einmal wöchentlich Lebensmittel ausgeben – so auch die Essener Tafel.

„Wer bei uns einkauft, muss nicht öffentlich Schlange stehen und dabei Angst haben, zu kurz zu kommen“, erklärt Daniela Kramm. „Unsere Kunden wissen, dass wir nicht alles auf einmal verkaufen, sondern uns bemühen, die Waren gerecht zu verteilen. Wer nachmittags kommt, findet weitestgehend das gleiche Angebot vor, wie jemand, der schon morgens vor der Tür steht.“ Auch die Angst, stigmatisiert zu werden, falle weg. „Bei uns mischen sich die Menschen mit Tafelausweis mit den Kunden des Gebrauchtwarenhauses. Wer wo einkauft, ist von außen nicht ersichtlich.“

Diese Faktoren tragen laut Heinz Franke erheblich dazu bei, die Lage zu entspannen. „Dazu kommt, dass wir, seit es in Backnang kein Sozialamt mehr gibt, eine wichtige Anlaufstelle für unsere Kunden geworden sind.“ So helfen Daniela Kramm und ihr Team auch mal beim Ausfüllen eines Kindergeldantrags, bei Streit mit dem Vermieter oder bei einem unverständlichen Rentenbescheid weiter. „Wir kennen unsere Kunden und pflegen mit den meisten über längere Zeit einen guten Kontakt. Wenn Konflikte auftreten, stehen sie uns zur Seite.“

Unbelehrbare gebe es natürlich immer und ganz unabhängig von der Nationalität, ergänzt Heinz Franke: „Wer sich bei uns nicht benehmen kann, wird ermahnt. Wenn das nicht funktioniert, zeigen wir ihm die Tür.“ Notwendig sei das selten bis nie. Daniela Kramm betont: „Meist reicht es, wenn man freundlich und vernünftig mit den Leuten spricht, wenn man mit einem Lächeln auf sie zugeht und sich erklärt.“ Das funktioniere zur Not auch mit Händen und Füßen.