Wertvolle Tipps vom Ex-Weltmeister

Serie: Zwei Generationen, ein Sport TSG-Fechttalent Vincent Rhiemeier zeigt schon ähnlichen Siegeswillen wie Michael Flegler

„Weltmeister auch? Das habe ich nicht gewusst.“ Vincent Rhiemeier staunt Bauklötze, als er von Michael Fleglers größtem Erfolg hört. Dem neunjährigen TSG-Fechttalent war nur klar, dass sein Trainer mehrmals den Backnanger Degen gewonnen hat, „und ich glaube, er war auch deutscher Meister“. Stimmt. Ein Könner also, was dem Lob für seinen Schützling besonderes Gewicht verleiht: „Vincent ist sehr engagiert, hat viel Mut und keine Angst, auch gegen größere Gegner anzutreten. Es macht Spaß, ihm zuzugucken.“

Vincent Rhiemeier zählt zu den TSG-Talenten, die vom reichhaltigen Erfahrungsschatz ihres Trainers Michael Flegler profitieren.Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Für Gunter Piesch, den Abteilungsleiter der TSG-Fechter, ist es „wie ein Sechser im Lotto“, dass ein früherer Spitzenfechter wie Michael Flegler nicht nur wegen des Berufs vor 14 Jahren nach Backnang zog, „sondern auch noch gerne mithilft“. Jeden Donnerstag kommt der 45-Jährige in die Halle, um mit dem Nachwuchs zu arbeiten und damit Chefcoach Valentin Pora zu unterstützen, den Piesch ebenso einen „Glücksfall“ für den Verein nennt.

In der Hochburg der Klingenkreuzer in Tauberbischofsheim geboren, war es fast logisch, dass Flegler mit diesem Sport begann: „Alle Kumpels sind zum Fechten, aber nur ich blieb dabei.“ Anfangs stand er mit dem Florett auf der Planche, dann kam der Degen dazu, und später „habe ich mir angeschaut, wo ich die besseren Erfolgschancen habe“. Die Wahl fiel auf den Degen, was sich als goldrichtig erwies. Michael Flegler räumte auf nationaler sowie auf internationaler Ebene viele Siege und Topplatzierungen ab, an der Spitze dieser Liste stehen die beiden Weltmeistertitel im U-20-Einzel im Jahre 1992 sowie mit dem deutschen Degenteam im Jahre 1995.

Michael Flegler gibt in Teilen weiter,

was er von Emil Beck gelernt hat

„Das Modell Tauberbischofsheim war einzigartig“, schaut der Wahl-Backnanger auf seine Karriere zurück und bescheinigt einer Trainerlegende besondere Verdienste. „Ich bin durch den Fechtstil von Emil Beck groß geworden.“ Die sogenannten Tauberbischofsheimer Lektionen, die der Mentor vieler Olympiasieger wie Matthias Behr oder Anja Fichtel entwickelt hat, „gebe ich heute noch in Ansätzen weiter“, verrät Flegler. „Ich habe es gelernt, kann es und will es an die Jungs vermitteln.“

Einer von ihnen ist Vincent Rhiemeier. Der Neunjährige, der zuvor in Großaspach turnte, entdeckte vor einem guten Jahr in der Schule einen Flyer, „mit dem für einen Anfängerkurs geworben wurde. Ich habe es ausprobiert und bin dabei geblieben.“ Damit erfüllte der aufgeweckte Bursche zugleich mit Verspätung einen Wunsch der Oma: „Sie wollte, dass mein Vater fechtet. Ihm war es damals aber zu gefährlich, weil er von einem tödlichen Unfall durch eine kaputtgegangene Maske gehört hatte.“ Ein Risiko, das nach diesem tragischen Vorfall durch modernere Klingen, Anzugmaterialien und Masken minimiert wurde.

Diese Veränderungen, die Sicherheitsaspekten gehorchten, waren nicht die einzigen im Laufe der Zeit. Flegler kann sich zum Beispiel noch gut daran erinnern, wie es im Training oder bei Jugendwettkämpfen keine elektronische Trefferanzeige gab: „Es brauchte fünf Kampfrichter, um Treffer zu erkennen.“ Ohne dieses technische Hilfsmittel auskommen zu müssen, hört sich für Jungspunde wie Rhiemeier nach Steinzeit an. „Das klingt komisch“, sagt er und schüttelt ungläubig den Kopf. Nicht so revolutionär waren die Umstellungen in der Zählweise, die sein Trainer miterlebte. „Früher hat man auf 5 Treffer gefochten, dann auf 10, jetzt auf 15 – und zwischendurch gab es mal zwei Gewinngefechte.“

Von Fleglers Erfahrungsschatz profitieren die TSG-Talente, die unter ihm üben. Wie Vincent Rhiemeier, der neugierig zuhört, wenn sein Coach von früheren Zeiten erzählt. Viel wichtiger für seine sportliche Zukunft sind allerdings die Tipps, die ihm der mit allen Wassern gewaschene Routinier mit auf den Weg geben kann. Wie den, „immer an den Sieg zu glauben, immer zu kämpfen, immer weiterzumachen, egal wie es steht“. Er habe es erlebt, wie wichtig das ist, als ihm im Achtelfinale der Junioren-WM das Aus drohte. Er wendete es ab und holte später den Titel. Vielversprechende Ansätze dieses ausgeprägten Siegeswillens erkennt Flegler bei Rhiemeier: „Er ärgert sich, wenn er verliert. Das ist gut, ein gesunder Ehrgeiz ist wichtig.“ Kurzum: Dem früheren Nationalfechter gefällt es, dass es sein Schützling „doof“ findet, den Kürzeren zu ziehen. Das ändere aber nichts daran, dass auch Verlieren gelernt sein will, weil es zum Sport dazugehört. „Man muss nur schauen, dass man öfter gewinnt als verliert“, sagt Flegler und schmunzelt.

Diesen Grundsatz hat Vincent Rhiemeier verinnerlicht, wie sein Rückblick aufs erste Jahr als Fechter zeigt: „Es war mal mein Ziel, im Training fünfmal hintereinander zu gewinnen – das habe ich geschafft.“ Dabei soll es nicht bleiben, doch Backnangs Nachwuchshoffnung hält auch nichts davon, zu weit nach vorn zu blicken und von WM-Titeln oder einem Olympiastart zu träumen. Er steckt sich lieber kleinere Ziele, der Rest kommt vielleicht von alleine. Fürs Erste wünscht sich der Schüler etwas anderes: „Ich würde gerne mal nach Frankreich in den Urlaub und an einem Turnier teilnehmen, weil Fechten dort Nationalsport ist.“ Was den Urlaubsort betrifft, muss Vincent Rhiemeier seine Eltern überzeugen, für den Rest darf er auf den Trainer setzen. „Ich würde dir helfen, dort einen Verein in der Nähe zu finden“, verspricht Flegler. „So viele Connections habe ich.“ Verbindungen eines Weltmeisters, die dem TSG-Nachwuchs zugutekommen.

  Im Rahmen dieser Serie bittet unsere Zeitung Vertreter verschiedener Generationen aus einer Sportart zum Erfahrungsaustausch.