Einstieg ins Gigabit-Zeitalter rückt in Sichtweite

Landkreis will mit dem Bau der Datenautobahn bis Ende August beginnen – Ziel bis 2030: Glasfaser in 90 Prozent der Haushalte

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. Der lang erwartete Bau der Datenautobahn im Kreis rückt nun näher. Bis Ende August dieses Jahres sollen die ersten drei Teilabschnitte in Angriff genommen werden. Es handelt sich dabei zum einen um ein Stück bei Heutensbach. Dort soll die Kreisstraße1841 zwischen der L1080–Heutensbach und Cottenweiler saniert und bei dieser Gelegenheit das Glasfaserkabel verhältnismäßig günstig mitverlegt werden. Die Strecke ist etwa 1,2 Kilometer lang, die Kosten betragen rund 130000 Euro.

Zum anderen geht es um die Backbone-Verbindungen Welzheim–Rienharz und Rienharz–Pfahlbronn, von denen die Stadt Welzheim und die Gemeinde Alfdorf gleichzeitig profitieren. Die erste Strecke ist 2,9 Kilometer lang und kostet etwa 540000 Euro, die zweite misst 2,6 Kilometer und kostet 395000 Euro. Dieser Abschnitt des Backbone-Netzes kann durch den unmittelbaren innerörtlichen Ausbau rasch in Betrieb gehen.

Die Detailplanungen für die jeweiligen Abschnitte wurden bereits in Auftrag gegeben beziehungsweise mit den Gemeinden abgestimmt. Die Arbeiten sollen demnächst ausgeschrieben und dann an den wirtschaftlichsten Bieter vergeben werden, damit ein Baubeginn vor dem 31.August möglich ist. Dieser Termin steht für das Auslaufen der Markterkundungsphase. Würde er versäumt, müsste das Verfahren neu aufgerollt werden. Zu den Investitionen in Höhe von insgesamt fast 1,1 Millionen Euro erhofft sich der Landkreis Zuschüsse in Höhe von 420000 Euro. Der Kreis selbst muss 642000 Euro finanzieren.

Deutschland hinkt in Europa und das Ländle in Deutschland hinterher

Im Umwelt- und Verkehrsausschuss stimmten die Kreisräte bei einer Enthaltung dieser Vorgehensweise zu. Allerdings ging dem eine streckenweise skurril anmutende Diskussion voraus. Dabei stellte zunächst Kreiswirtschaftsförderer Timo John die Rahmenbedingungen vor, wonach Deutschland in Europa eines der am schlechtesten mit Glasfaser versorgten Länder ist – weit hinter den baltischen und skandinavischen sowie einigen osteuropäischen Ländern. Innerhalb von Deutschland wiederum hinke Baden-Württemberg hinterher. Aber immerhin findet sich das Wort Digitalisierung 90-mal im neuen Koalitionsvertrag – so oft war davon noch nie die Rede.

John machte deutlich: „Wir wollen die Sache selbst in die Hand nehmen. Wir wollen in die Gigabit-Gesellschaft einsteigen.“ Dies auch in Anbetracht der hohen Frustration, die mittlerweile bei Firmen und in der Bevölkerung herrscht. Ziel sei es, bis zum Jahr 2025 in der Region Stuttgart alle Gewerbegebiete und mindestens die Hälfte der Privathaushalte mit einem gigabitfähigen Glasfaseranschluss zu versorgen. Bis 2030 sollen es dann 90 Prozent der Haushalte sein.

Um den Ausbau zu koordinieren, soll auf regionaler Ebene eine Kompetenz-GmbH gegründet werden, in der die Landkreise dann mittels eigener GmbHs oder Zweckverbände Mitglied werden. „Eine gemeinsame gute Lösung“ werde angestrebt, sagte Landrat Richard Sigel, der sich bei dem Thema in einem Spagat findet: Einerseits müsse der Landkreis aufs Gaspedal drücken, andererseits aber immer eine Hand an der Bremse halten, weil es in der politischen Diskussion und damit in Finanzierungs- und Förderfragen laufend Änderungen gibt.

„Geschlossenes Auftreten bringt Bewegung in den Markt“, warb er für die angedachten Strukturen. Wobei freilich der innerörtliche Ausbau die eigentliche Mammutaufgabe darstelle – sie muss von den Gemeinden geleistet werden. In Sachen Organisationsstruktur sind zwei Bürgermeisterversammlungen und diverse weitere Beratungsrunden geplant, ehe der Kreistag am 9. Juli über die organisatorischen Punkte entscheidet.

Beim Breitbandausbau, so spottete Christoph Jäger (CDU), sei es fast wie bei den Olympischen Spielen: „Hauptsache, noch vor Österreich.“ Er geißelte mangelnde Absprachen zwischen Bund, Land und Unternehmen und warnte davor, Doppelstrukturen zu vergraben. Bedenken hegt auch sein Fraktionskollege Hermann Beutel: Man dürfe nicht die Kosten sozialisieren und andere die Gewinne erzielen lassen. Anders Gudrun Wilhelm (FDP/FW): „Wir müssen schneller handeln.“ Wichtig sei, dass das Gleis einmal liegt – egal, wer darauf fährt. „Sonst sind die Firmen weg.“ Auch Thomas Berger (SPD) mahnte: „Jetzt muss man Gas geben. Was spricht dagegen, einfach mal anzufangen?“ Horst Metzger (CDU) befürchtet: „Wir diskutieren so lang, bis der Zug naus isch.“ Auch Jürgen Hofer (FDP/FW) forderte: „Butter bei die Fische.“ Glasfaser müsse so schnell wie möglich realisiert werden, der Landkreis müsse die Vorreiterrolle übernehmen und dabei die Kommunen mit ins Boot holen. Von weiterem Zuwarten hielt auch Albrecht Ulrich (Freie Wähler) nichts.

Der Landrat stellte am Ende klar: Das Backbone werde in drei, vier Jahren fertig sein. 2030 sei die Zielmarke für Glasfaser in (fast) jedem Haus.