„Rettungswesen ist kein Notfallpatient“

Alarmierende Statistik über Hilfsfristen im Kreis – Verantwortliche verweisen auf ein Bündel an flankierenden Maßnahmen

Die Statistik ist alarmierend: Kreisweit ist der Notarzt nur in 92,5 Prozent der Fälle innerhalb der gesetzlichen Hilfsfrist von 15 Minuten vor Ort, gefordert wird eine Quote von 95 Prozent. Besonders kritisch sieht es dabei in den nordöstlichen Gebieten zwischen Murrhardt und Spiegelberg aus. Die Verantwortlichen für das Rettungswesen haben jetzt einen Gutachter eingeschaltet, um Lösungen zu finden. Zugleich erklären sie, dass die Hilfsfristen aus ihrer Sicht nur einen Teil der Wirklichkeit abbilden.

Bei den notärztlichen Hilfsfristen kommt das nördliche Kreisgebiet zwischen Murrhardt und Spiegelberg besonders schlecht weg. Das zeigt diese Karte, die von der Kreisverwaltung erstellt wurde.

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. Angesichts der Zahlen reagierte das Landratsamt energisch: Die Aufsichtsbehörde mahnte dringend Verbesserungsmaßnahmen – konkret: einen weiteren Notarztstandort im oberen Murrtal – an. Ein weiteres Abwarten sei nicht mehr hinnehmbar, erklärte der Erste Landesbeamte Michael Kretzschmar kategorisch (wir berichteten). Denn im Notarztversorgungsbereich Backnang ist die Quote auf 92 Prozent gefallen, und im Bereich Althütte wird die Hilfsfrist nur noch zu 84,9 Prozent erreicht.

Der zuständige Bereichsausschuss für den Rettungsdienst im Rems-Murr-Kreis, dem Krankenkassen, DRK, Malteser, Arbeiter-Samariter-Bund und DLRG als stimmberechtigte Mitglieder angehören, hat inzwischen reagiert: Ein Gutachter soll die Situation analysieren und Empfehlungen aussprechen, welche Maßnahmen zu treffen sind und wie das Rettungswesen im Kreis an die aktuellen Herausforderungen anzupassen ist.

Für Eberhard Kraut, den Vorsitzenden des Bereichsausschusses, stellen die Hilfsfristen jedoch nicht das alleinige Kriterium für die Qualität des Rettungswesens dar. Sie seien eine „Orientierungsgröße“, man müsse aber die gesamte Rettungskette im Blick haben. Entscheidend sei, was am Ende beim Bürger ankommt – und da, so ist sich Kraut sicher, sei der Rems-Murr-Kreis gut aufgestellt.

„Das Rettungswesen ist kein Notfallpatient“, unterstreicht auch DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler: Dass die Quote von 95 Prozent nicht erreicht wird, bedeute nicht, dass die Bevölkerung keine gute Versorgung erhalte. Er verweist auf Maßnahmen des DRK, die die Situation verbessern, die aber nicht in die statistische Hilfsfristbetrachtung einfließen. Dazu gehört der Einsatz der rund 250 Helfer vor Ort aus den Ortsvereinen, die bei schwerwiegenden Notfällen wie Herz-Kreislauf-Stillstand oder Bewusstlosigkeit immer parallel zum Rettungsdienst alarmiert werden. Das war im vergangenen Jahr 1249-mal der Fall. Dank der örtlichen Nähe sind diese ehrenamtlichen Helfer oft schneller am Einsatzort als der Krankenwagen und können erste Maßnahmen treffen. Künftig sollen sie zusätzlich zu ihrer Ausrüstung Defibrillatoren bekommen.

Zudem ist ein Programm angelaufen, nach dem Rettungsassistenten zu Notfallsanitätern fortgebildet werden. Dabei nimmt das Rems-Murr-DRK, so Knödler, landesweit eine Spitzenrolle ein. Die inzwischen 59 Notfallsanis im Kreis können im Gegensatz zu den Rettungsassistenten auch Medikamente verabreichen. In 135 Fällen haben sie im vergangenen Jahr Notfallpatienten bis zum Eintreffen des Notarztes beziehungsweise bis zur Übergabe an einen weiterbehandelnden Arzt versorgt. Sie stehen dabei unter enger Aufsicht und ständiger Begleitung durch ärztliche Verantwortliche. Knödler: „Das ist Qualität, die ankommt.“

Wichtig sei zudem die Ausstattung. Im Kreis wurde ab 2015 eine neue Generation von Rettungswagen eingeführt. Die rollenden Intensivstationen sind inzwischen flächendeckend unterwegs und verfügen unter anderem über hochwertige EKG- und Beatmungsgeräte. Hinzu kommt die Einführung einer strukturierten Notrufabfrage in der integrierten Leitstelle. Diese dient dazu, Notfallbilder mit einer hohen Einsatzpriorität besser identifizieren zu können.

Weitere Maßnahmen, die das DRK, die AOK und der Landkreis vorgenommen haben, betreffen die Notaufnahme am Klinikum in Winnenden und die Versorgungsabläufe im Rettungsdienst und in der Klinik. Bundesweit einmalig ist die Aktion „Gemeinsam gegen Herzinfarkt“, eine gemeinsame Präventionsinitiative des Kardiovereins, des DRK, der Rems-Murr-Kliniken, des Landkreises, der AOK und der Sparkassenstiftung. Ebenfalls bundesweit einmalig ist der derzeit laufende Aufbau einer Datenbank in der Leitstelle. Sie soll die Standorte öffentlich zugänglicher Defibrillatoren erfassen, um Anrufer im Notfall gezielt auf den nächsten Defi hinzuweisen.

Verbesserungen verpuffen

mit steigenden Anforderungen

Auch der Bereichsausschuss als solcher hat in den vergangenen Jahren Verbesserungen getroffen. So wurde die Rettungswache in Backnang aus der Stadtmitte in die Lerchenäcker an der B14 verlegt, um rascher zu den Einsatzorten zu kommen. Zudem gibt es dort seit 2015 einen Schwerlast-Rettungswagen. In Althütte wurde überhaupt erst ein Notarztstandort geschaffen, ebenso wurde in Sulzbach an der Murr eine neue Rettungswache eröffnet. In Backnang, Waiblingen, Schorndorf und Welzheim wurden überdies die Fahrzeugbestände aufgestockt. In der Leitstelle wiederum wurde die Disponentenzahl erhöht.

All das hat aber nicht ausgereicht, um die Werte bei den Hilfsfristen stabil zu halten. Die Gründe dafür sind vielfältig. So nennt Knödler als Erstes den demografischen Wandel mit einem steigenden Altersdurchschnitt. Die über 80-Jährigen haben derzeit einen Anteil von fünf Prozent an der Bevölkerung, aber sie lösen 23 Prozent der Notarzteinsätze aus. Zugleich beobachtet Knödler ein höheres Anspruchsverhalten – auch in weniger gravierenden Fällen werde die 112 gerufen. Dazu trage auch bei, dass sich die ärztliche Versorgung mit Nacht- und Wochenendbereitschaften verändert habe – die Entfernungen seien größer geworden. Und schließlich, so Kraut, spielen gesellschaftliche Veränderungen eine Rolle: Gerade auch bei den Älteren nehme der Trend zu Singlehaushalten zu. Jüngere Angehörige, die sich kümmern könnten, leben oftmals weit weg.

So nimmt unterm Strich die Zahl der Einsatzfahrten ständig zu – in einem Umfang, mit dem die Vorhaltung im Rettungsdienst kaum Schritt halten kann.

Bei alledem, so Knödler, sei aber beispielsweise bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand „die Person entscheidend, die neben einem steht“. Er selbst konnte das Leben eines Nachbarn retten, indem er als Helfer vor Ort entschlossen handelte.