Zwischen Begeisterung und Bauchgrimmen

Vertreter der SPD aus dem Raum Backnang zeigen sich erleichtert über das „Ja“ der Mitglieder zur Großen Koalition

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Das Mitglieder-Votum der SPD hat ein klares Ergebnis zugunsten der Großen Koalition gebracht. 66 Prozent der Wählenden sprach sich dafür aus. Aber nicht alle haben diese Entscheidung aus Überzeugung getroffen., für manche war dies das kleinere Übel. SPD-Vertreter aus dem Raum Backnang erklären, was sie davon halten.

Christian Lange, MdB: Ich bin begeistert über die hohe Wahlbeteiligung von 78 Prozent und über das eindeutige und klare Ergebnis. Es ist eine Sternstunde der parteilichen Demokratie und ich bin stolz auf meine SPD. Ich glaube, dass wir aus diesem Mitgliederentscheid gestärkt hervorgehen werden. Nun gilt es, die SPD in der Regierungsverantwortung zu erneuern. Ein erster Schritt wird sein, auf dem Sonderparteitag im April zum ersten Mal in der 155-jährigen Geschichte der Partei eine Frau – nämlich Andrea Nahles – zur Parteivorsitzenden zu wählen. Und in der Folge ist es unsere Aufgabe, die SPD auch in der Regierungsverantwortung zu profilieren. Dafür werden wir alles geben.

Jürgen Hestler, Kreisvorsitzender der SPD Rems-Murr: Jubelsprünge werde ich keine machen. Ich fühle eine Mischung aus Erleichterung, etwas Stolz aber auch Sorge. Einerseits freue ich mich über das Ergebnis und bin stolz auf das, was in den letzten Wochen in der SPD gelaufen ist. Hier wurde sachlich und emotional zugleich diskutiert, das ist eine gute Sache und sollte anderen als Beispiel dienen. Ich bin auch zuversichtlich, dass die GroKo-Gegner in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Ihre Einwände haben ja auch ihre Berechtigung. Sorge macht mir, ob es von allen akzeptiert wird, dass wir als Partei nun mal Kompromisse machen müssen. Ich habe viel Verständnis dafür, dass vor allem die Jüngeren in der Partei den großen Wurf wollen, aber oftmals geht es eben nur in kleinen Schritten. Damit eine Neuerung gelingt, gilt es, wichtige Dinge zu klären und so manches Trauma beiseitezuschaffen. Bei Themen wie dem Umgang mit Flüchtlingen oder Armut – also Themen, die die Leute umtreiben – müssen wir Klarheit schaffen. Wenn uns das gelingt, können wir uns profilieren. Ob dafür aber in der Großen Koalition genügend Platz bleibt, bereitet mir Bauchweh. Am besten sollten wir bei jeder Entscheidung den Koalitionsvertrag daneben legen und vergleichen, was erreicht wurde und was nicht. Es gibt viel zu tun.

Gernot Gruber, MdL: Ich bin erleichtert, dass es eine klare Mehrheit für die Regierungsbeteiligung gegeben hat. Nun hoffe ich, dass die SPD auch gute personelle Entscheidungen trifft. Die Große Koalition ist eine Vernunftehe, aber in dieser Situation halte ich sie für die richtige Entscheidung. Die FDP hat bei der Wahl an Stimmen zugelegt und somit vielleicht eher den Auftrag der Bevölkerung, zu regieren. Sie hat sich aber aus der politischen Verantwortung gestohlen. Die Gefahr, dass die Verdienste der SPD in der Regierung nicht anerkannt werden, sehe ich. Ich hoffe einfach, dass die Wähler etwas mehr Dankbarkeit zeigen und dass die SPD die eigenen Erfolge klarer hervorheben kann. Die Erneuerung innerhalb der Partei gelingt nur durch gute Arbeit und Glaubwürdigkeit in der Regierung. Vor Ort gelingt sie durch die Nähe zu den Bürgern.

Heinz Franke, SPD-Fraktionschef im Backnanger Gemeinderat: Persönlich war ich ursprünglich bestimmt, mit „Nein“ zu stimmen. Ich habe mich aber davon überzeugen lassen, dass es nichts bringt, in der Opposition eine Erneuerung zu versuchen. Wir hatten gesagt, wir gehen in die Opposition und es hat mich geärgert, dass die FDP die Koalitionsverhandlungen abgebrochen hat. Politik ist immer ein Konsens, man kann nicht alles durchsetzen. Der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und der SPD zeigt deutlich unsere Handschrift. Jetzt müssen wir unsere Erfolge auch in der Öffentlichkeit vermitteln und nicht nur die Themen besetzen. Eine Neuwahl würde meiner Meinung nach dazu führen, dass wir noch mehr abgestraft werden. Deswegen habe ich zwar nicht mit vollster Überzeugung für die GroKo gestimmt, finde aber, dass es die bessere Option ist als ein „Nein“ mit all seinen Risiken.