Der Finger in den Wunden des Alltags

Rüdiger Hoffmann nimmt in seinem Programm „Ich hab‘s doch nur gut gemeint“ alles und jeden aufs Korn

Die Sprechgeschwindigkeit ist zuschauerfreundlich, der Humor hingegen durchtrieben und bissig – mit seinem Programm „Ich hab‘s doch nur gut gemeint“ brachte Rüdiger Hoffmann die Besucher in der Gruschtelkammer zum Lachen. Auf den Arm genommen wurde alles vom Selbstoptimierungswahn bis zur Partnersuche.

Wenn er der Generation Y erklären muss, was Festnetz oder Papier ist, ist Kabarettist Rüdiger Hoffmann froh, nicht zu den später Geborenen zu gehören. Foto: T. Sellmaier

Von Heidrun Gehrke

AUENWALD. Jeder in der proppenvollen Gruschtelkammer wartet mit gespitzten Ohren darauf, wann er ihn endlich sagt, seinen Einstiegssatz, der das Markenzeichen von Rüdiger Hoffmann ist: „Ich weiß gar nicht, ob Sie’s wussten, aber...“ - so beginnt jedes seiner Kapitel, mit denen er für Begeisterung und Jubel sorgt.

Vor ausverkauftem Saal redet er in bedächtiger westfälischer Ruhe über Akupunktur-Apps gegen Frühjahrsmüdigkeit, imitiert schlackernd wie eine Marionette einen Wackeldackel, erzählt mit verstellter Stimme „Haddu“-Häschen-Witze, demaskiert „Garten-Nazis“, die mit der Papierschere den Rasen schneiden, analysiert die fatale Entwicklung einer Langzeit-Ehe am Beispiel eines Campingurlaubs mit Monika und Hans-Peter und er heuchelt ironisch Verständnis für den Selbstoptimierungswahn der jungen Generation: „Was sollen sie auch sonst tun, sie haben ja alles. Wir haben noch gegen Atomkraft demonstriert, ist heute ja total sinnlos, werden eh abgeschaltet.“

Nachbars Froschteich soll

kulinarisch entsorgt werden

So athletisch-durchtrainiert wie er auf der Bühne steht und die „Selbstoptimierung als neue Religion“ persifliert, sieht er selbst so aus wie jene, über die er sagt, dass sie Kalorien und die täglich zurückgelegten Schritte mit einer App zählen. „Früher hat man sicher mehr Schritte gemacht als heute, aber man hat sie nicht gezählt – das ist natürlich total sinnlos“, hält er drauf auf den modernen Lebensstil, mit trockenem Humor und mit seiner betont entspannten Sprechweise. Mit seiner sonoren Stimme, wohlkalkulierten Sprechpausen und gedehnt ausgesprochenen Vokalen erzählt er Geschichten. Sie klingen, als habe er sie eben erst erlebt: Die Partnersuche für seinen Kumpel, dem leider bei der Frauensuche seine optische Nähe zu Primaten immer in die Quere kommt.

Aus dem Leben gegriffen könnten auch die Attacken auf den Froschteich seines Nachbarn sein, die er sich bis hin zur Entsorgung als kulinarische Froschschenkel-Happen ausmalt.

Zwischen den Pointen atmet er entspannt durch die Nase aus und holt Luft für die nächste verschmitzte Lästerei: Über verkappte Vorurteile gegen Ausländer und darüber, dass unsere Selbstoptimierung immer mit der Ausbeutung anderer Menschen einhergeht. Massentierhaltung vergleicht er mit der räumlichen Enge in einem Callcenter. Und was „humanes Schlachten“ bitte sein soll, flechtet er ein süffisantes Plädoyer gegen den „Bio-Deutschen“ ein. „Heißt dann der Schlachthof künftig Gasthof zum letzten Strohhalm?“

Etwas Positives lässt sich auch der

„Belohnungsampel“ abgewinnen

Seine Figuren sind Menschen wie du und ich. Hoffmann beobachtet sie, wirkt nach außen hin wohlwollend, doch hinter jedem lakonischen Halbsatz steckt bissige Gesellschaftsbeobachtung. Jeder Satz ist Ironie, jeder auffälligen Denkpause folgt der nächste Gag. Das Publikum lacht bereits über den Kratzer im Lack seines „spritfressenden Monster“-SUVs, da legt er nach, dreht die Pointe weiter, erzählt, wie er dem Verursacher eine Dachplatte „in die Speichen seines Liegefahrrads“ rammt, worauf dieser in hohem Bogen auf die Autobahn geschleudert wird. Häppchenweise steigert er den Zynismus, spitzt weiter zu, bis die Zuschauer sich kaum mehr einkriegen - virtuos! Den Finger legt er immer schön hinein in die Wunden des Alltags, bohrt schelmisch in den Katastrophen des realen Lebens. Damit gewinnt er jedem „ökologisch interessiertem Mitbürger“ und sogar Monikas „Belohnungsampel“ noch etwas Positives ab, findet aber zwei Sätze weiter in jeder vermeintlich positiven Eigenschaft dank maßlos-guttuender Übertreibung das Haar in der Suppe.

Als er ein „Gestern – Heute“-Bild zeichnet, biegt sich das Publikum. Wie froh Hoffmann ist, nicht zu den später Geborenen zu gehören, die erst googeln müssen, was „Festnetz“ und „Papier“ gleich nochmal war. „Wir mussten früher noch richtig reden, mit dem Mund und so und mit einem eigenen Wortschatz, der mehr umfasst als gefällt mir“, wendet er sich an die Generation Y und ihre Wischkästchen. Es gab damals noch Landkarte: „Land-Karte“, spricht er das Wort übertrieben deutlich aus, „das war ungefähr so wie Google Maps ausgedruckt“. Rüdiger Hoffmann ist nicht nur Kabarettist, sondern zeigt sich dem Auenwalder Publikum auch als blödelnder Bauchredner und als temperamentvoller Tastentiger, der am Klavier lakonische heitere Stücke über das „Eimersauf-Verbot in Mallorca“ und über den „MC Obervollpfosten“ singt und spielt.