Kühe vom hohen Besuch kaum beeindruckt

Politik trifft Praxis: Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch zu Gast auf dem Betrieb der Familie Schwaderer im Stiftsgrundhof

Zum Austausch mit jungen Landwirten kam gestern Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch nach Backnang. Die Landtagsabgeordnete war zu Gast bei Dennis Schwaderer und ließ sich dort seinen Milchviehbetrieb erklären.

Betriebsleiter Denis Schwaderer (rechts) erläutert der Landtagsabgeordneten Friedlinde Gurr-Hirsch (Mitte) seine Milchvieh-Wirtschaft. Foto: A. Becher

Von Ute Gruber

BACKNANG. Warm eingepackt in ihren Teddyfell-Mantel steht die elegante Staatssekretärin auf dem zugigen Futtertisch und lauscht interessiert den Erläuterungen des jungen Betriebsleiters Denis Schwaderer. Links und rechts mampfen derweil die Kühe und Rinder genüsslich ihren Eintopf aus Gras und Mais, völlig ungerührt ob des hohen Besuches. Ob es denn in dem offenen Stall keine Probleme mit der Kälte gegeben habe, letzte Woche, fragt die Landtagsabgeordnete, die selbst von einem kleinen Landwirtschaftsbetrieb in Untergruppenbach stammt. „Kaum“, meint der Landwirtschaftsmeister, „nur ein paar eingefrorene Tränkebecken. Die Kühe sind das gewohnt, die haben ihr Winterfell.“ Den Melkroboter habe man vor Jahren schon frostsicher gemacht.

Selbiger wird denn auch mit großem Interesse in Aktion bewundert, bevor man sich in der herrlichen Frühlingssonne vor dem Stall zur Gesprächsrunde trifft. Mit dabei einige Junglandwirte aus der Gegend, Nicole Schneider vom Beratungsdienst, MdL Siegfried Lorek und Landwirtschaftsamtsleiter Georg Enssle, der das Ganze moderiert. Es geht um die Qualität der Ausbildung, den Sinn und Unsinn von Förderungen, bessere Vermarktung in der Region, Qualitätslabel, überzogene Hygienevorschriften und das Image der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit, aktuell um die Diskussion um Glyphosat und Anbindehaltung.

Die jungen Betriebsleiter fühlen sich gut gerüstet durch ihren intensiven Unterricht an der Landbau-Akademie in Kupferzell: Jeder hat einen Aspekt aus seiner landwirtschaftlichen Meisterarbeit in die Tat umgesetzt. Darüber freut sich besonders Georg Enssle, der sie damals in Betriebswirtschaft unterrichtet hatte. „Schwierig ist das für die Mitschüler, die keinen Betrieb zu Hause haben“, gibt Simon Braun vom Ungeheuerhof zu bedenken. Ein fremder Lehrherr rücke intime Betriebsdaten ungern heraus. „Der Aufwand für den Betriebsleiter ist da nicht zu unterschätzen“, weiß Ferkelerzeuger Andi Müller vom Stiftsgrundhof aus eigener Erfahrung. Gurr-Hirsch nimmt hier die Anregung mit, nach geeigneten Modellbetrieben für diese Kandidaten zu suchen, denn der Erhalt der übrig gebliebenen landwirtschaftlichen Schulen liegt ihr offenbar sehr am Herzen.

Gurr-Hirsch, die bereits von 2004 bis 2011 Staatssekretärin am baden-württembergischen Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum war, kennt „durchaus die Nöte, die es für Landwirte am Markt gibt“, und setzt mit der Kampagne ‚Natürlich von daheim‘ auf mehr regionale Vermarktung, zum Beispiel durch die ‚Hofladen-App‘ auf der Homepage des Ministeriums, die Anbieter und Verbraucher zusammen bringt. Freilich weiß sie: „Hofläden funktionieren vor allem im Speckgürtel der Großstädte“. Im Backnanger Raum findet man dafür immer häufiger Selbstbedienungsautomaten. Auch Stefan Heller aus Steinbach verkauft seine Eier aus dem dekorativen Hühnermobil am Ortseingang erfolgreich über einen Regiomat: „Da können die Leute rund um die Uhr einkaufen und ich kann trotzdem meine Arbeit machen.“ Eine wichtige Zielgruppe für regionale Produkte seien laut Gurr-Hirsch Gastronomen, die sogenannte Convenience-Produkte lieferten. „Die Außerhaus-Verpflegung liegt derzeit bei 40 Prozent, Tendenz steigend. Die müssen wir gewinnen.“ Nach dem abgewandelten Motto: „Gucke derfsch, aber gessa wird von daheim!“

„Ohne die EU-Gelder wäre Baden-Württemberg heute verwildertes Ödland“

Uneinheit herrscht in der Runde zum Thema Fördermittel/Subventionen. Infolge stetig fallender Preise für ihre erzeugten Produkte machen diese inzwischen einen unverzichtbaren Anteil am Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe aus. Die Bauern fühlen sich durch die damit verbundenen Auflagen einerseits gegängelt und gleichzeitig gesellschaftlich geächtet. „Ohne die EU-Gelder wäre Baden-Württemberg heute keine Kulturlandschaft, sondern verwildertes Ödland“, ist Gurr-Hirsch jedoch überzeugt, „wir können hier mit Weltmarktpreisen nicht konkurrieren“. Auch die ausufernde Bürokratie belastet die Landwirte.

Heftig echauffieren sich die jungen Landwirte über üble Stimmungsmache, potenziert noch durch soziale Medien, von Bauern-Bashing sei die Rede: „Da gibt es nur noch ‚gutes Bio‘, der Rest verpestet die Umwelt“, stellt Seniorchefin Siglinde Schwaderer fest. Das Thema Glyphosat sei ein Politikum, ohne Sachverstand emotional diskutiert: „Da beklagt sich einer über üblen Gestank und schiebt es aufs Glyphosat. Dabei ist das geruchlos.“

Denis Schwaderer stellt in diesem Zusammenhang fest: „Wenn ich einen Baumstreifen mit der Hacke frei halte statt mit Roundup, zerstöre ich nicht nur die Pflanzen, sondern auch noch die Regenwürmer. Und am Hang spült es noch dazu den Boden weg.“

Aber wer weiß denn (noch), wie es in einem Kuhstall wirklich aussieht? „Früher hatte eben jeder noch einen Opa oder Onkel mit Landwirtschaft“, sagt Gurr-Hirsch, „heute hat kaum noch jemand echten Kontakt dazu.“ Da auch Pädagogen als Multiplikatoren oft wenig Ahnung hätten und eventuell ideologisch vorbelastet seien, sei es an den Landwirten, hier die Stalltüren zu öffnen. ‚Lernort Bauerhof‘ und das Kooperationsprojekt ‚Landwirtschaft macht Schule‘ zwischen der PH Ludwigsburg und der Landwirtschaftsakademie in Kupferzell sind laut Georg Enssle gute Ansätze.

Nach fast zwei Stunden verabschiedet sich die gut gelaunte Staatssekretärin mit Dank für die vielen Anregungen: „Seid stolz auf eure große Fachkompetenz und macht sie bekannt, haltet Kontakt und versorgt uns weiter mit guten Ideen, mit Kritik, gerne auch mit Lob.“