„Abstand halten und Hände waschen“

Backnanger Ärzte stellen fest: Patienten sind schlimmer und länger krank – Grippewelle hat früher begonnen und hält länger an

Husten, Fieber, Schüttelfrost: Seit Beginn des Jahres schnieft und schnupft es immer mehr in Bus und Bahn, in Büros und Kindergärten. Die Grippewelle hat ihren Höhepunkt erreicht, die Backnanger Wartezimmer sind voll.

Fieber gehört zur Grippe wie Husten und Muskelschmerzen. In diesem Jahr zählen ungewöhnlich viele junge Leute zu den Influenza-Erkrankten. Symbolfoto: Imago/Emil Umdorf

Von Sarah Schwellinger

BACKNANG. „Die Patienten sind stärker vom Virus geplagt als in den Vorjahren, aber es ist zahlenmäßig nicht merklich schlimmer.“ Nicht nur beim Backnanger Allgemeinmediziner Martin Ekert standen Patienten in den letzten Tagen Schlange am Tresen. Viele Hausarztpraxen und Notaufnahmen arbeiten am Limit, die Wartezimmer sind voll. Am vergangenen Wochenende wurde sogar die S-Bahn S5 aus dem Fahrtbetrieb genommen. Grund dafür: wenig Personal aufgrund von Krankheitsfällen.

In dieser Jahreszeit stehen Erkältungen und Grippe auf der Tagesordnung. „Vor allem die echte Grippe ist das Schlimme“, so Ekert, „denn den Patienten geht es wirklich schlecht.“ Sie plagen Fieber, Muskel- und, oder Kopfschmerzen. Oft kommt später ein trockener Reizhusten dazu. Doch nicht jeder Erkrankte verspürt dieselben Symptome, und die unterschiedlich stark. Auch die Unterscheidung zwischen Grippe und Erkältung ist oftmals nicht ganz so einfach. Beide Erkrankungen werden durch verschiedene Erreger verursacht. Die Symptome können ähnlich sein, die der Grippe sind meist heftiger, das Fieber höher.

„In den vergangenen Wochen

war es schlimm“

Der Andrang in den Praxen war groß: In den vergangenen Wochen sei es schlimm gewesen, so Ekert. Gerade Ende Februar, Anfang März erlebte die Grippewelle, die bereits Ende Dezember ins Rollen kam, ihren Höhepunkt – und das in ganz Deutschland. Bundesweit stieg die Zahl der gemeldeten Grippeerkrankungen noch einmal an. Das Robert-Koch-Institut meldet 35284 bestätigte Influenza-Fälle in dieser Zeit. Damit sind 119533 Fälle seit Anfang Oktober 2017 aufgezeichnet worden. Diese Daten zeigen bis zum aktuellen Zeitpunkt in Deutschland eine hohe Aktivität der Atemwegsinfekte insgesamt und auch der Influenza gegenüber dem Durchschnitt der letzten Jahre.

Im Rems-Murr-Kreis liegt die Zahl der Influenza-Meldungen vom 1. Januar bis zum 5. März bei 678 Fällen. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum verzeichnet das Gesundheitsamt 467 Fällen. Doch die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, geben sie schlicht die Anzahl der Meldungen von Labornachweisen wieder. Die tatsächliche Erkrankungszahl sei deutlich höher zu schätzen, da bei vielen Erkrankten kein Labor-Untersuchungsauftrag erteilt wird, was zum Beispiel der Fall ist, wenn mehrere Personen aus einer Familie erkranken.

Zu Todesfällen im Zusammenhang mit einer Grippeerkrankung liegen für den Rems-Murr-Kreis keine Meldungen vor.

Noch schwimmen wir auf einer Hochwelle der Influenza-Erkrankungen: Tatsächlich hat die Grippewelle im Vergleich zu den Vorjahren vier Wochen früher begonnen und hält länger an. Doch das sei noch völlig im Rahmen, meldet die Pressestelle des Gesundheitsamts.

Das Gefühl, dass die Grippewelle ungewöhnlich lange dauert, hat auch der Backnanger Hausarzt Karl-Martin Rösch. Vor allem die einzelnen Leute seien länger krank. „10 bis 20 Tage“, bestätigt Rösch. Und das bei einer Grippeerkrankung, die im Regelfall innerhalb von fünf bis sieben Tagen wieder besser sein sollte.

Die Grippewelle erfasst

vor allem junge Leute

Die Hauptkunden, wie Karl-Martin Rösch sie nennt, seien in diesem Jahr vor allem junge Leute zwischen 25 und 30 Jahren. „Das hat mit dem Erreger zu tun.“ Denn der Erreger, der diesen Winter durch die Lande geistert, findet vor allem in jungen Leuten seine potenziellen Opfer. Vor allem dort, wo viele Menschen zusammenkommen, entstehen Infektionsherde.

„Abstand halten und Hände waschen“, predigt Allgemeinmediziner Rösch seinen Patienten immer wieder, „das ist das entscheidend Wichtige.“ Und zwar auf beiden Seiten: um sich als Gesunder keine Erkältung oder Grippe einzufangen oder als Erkrankter keine anderen anzustecken. Währenddessen hat Martin Ekert einen weiteren Geheimtipp eines Patienten parat: Japanöl. Das hat er nun auch selbst schon ausprobiert: „Ich habe das Gefühl, das ist eine regelrechte Keule.“ Doch am allerbesten sei immer noch, sich auszuruhen, die Krankheit auszukurieren. „Das Schlimmste ist, wenn man denkt, unersetzlich zu sein“, so Ekert. So drehe sich das Ganze stets im Kreis, wie es in den Büros und öffentlichen Verkehrsmitteln oft vorkommt.

Für viele ist auch eine Grippeimpfung eine gute Möglichkeit. In dieser Grippesaison steht diese hart in der Kritik. Karl-Martin Rösch empfindet das als falsch. Er spritzt jedes Jahr rund 500 bis 700 Impfungen. Von den älteren Patienten hätte die Grippe gerade mal eine Handvoll doch erwischt. Beim Rest seien es mehr als 50 Prozent, die vom Schutz der Impfung profitierten. Hundertprozentigen Schutz gebe es keinen, da sind sich die Ärzte einig. „Es wäre verwegen zu sagen, man könnte sich so schützen, dass man es gar nicht bekommt“, so Ekert.

Wann die diesjährige Grippewelle abebbt – das können auch Ärzte nicht voraussagen.