Unfallfahrer soll vier Jahre ins Jugendgefängnis

20-Jähriger soll betrunkenen 22-jährigen Fußgänger in Welzheim überfahren haben – Staatsanwalt hält Plädoyer

Von Bernd S. Winckler

WELZHEIM. Der 20-Jährige, der im Juli 2017 betrunken einen 22-jährigen Fußgänger bei Welzheim-Schillinghof überrollt und tödlich verletzt haben soll, soll vier Jahre hinter Gitter. Diesen Strafantrag stellte gestern der Staatsanwalt am Stuttgarter Landgericht. Für ihn liegt nicht nur fahrlässige Tötung, sondern auch ein Verbrechen des versuchten Mordes und Unfallflucht vor.

Nach sechs Verhandlungstagen hatte nun der Staatsanwalt das Wort. Der Ankläger legte damit die in der Beweisaufnahme gewonnenen Erkenntnisse vor: In der Nacht zum 8. Juli 2017 habe der 20-Jährige auf dem Sandlandfest in Alfdorf-Hellershof reichlich tief ins Alkoholglas geschaut, und zusätzlich noch Drogen und eine sogenannte K.-o.-Substanz konsumiert, ehe er gegen drei Uhr eigentlich zu Fuß nach Hause wollte, es sich dann aber anders überlegte und mit dem Fahrzeug seiner Mutter losfuhr. Allerdings hätte er in seinem Zustand kein Fahrzeug mehr lenken dürfen. Damit habe er die erste Straftat begangen: „Trunkenheit im Verkehr“. Er hatte zudem noch drei Freunde mitgenommen, die ebenfalls keine andere Fahrgelegenheit mehr gefunden hatten.

Auf der Fahrt über die Kreisstraße in Richtung Breitenfürst befand sich zur selben Zeit das spätere 22-jährige Opfer, das von dem Fest zu Fuß unterwegs war. Er sei so stark betrunken gewesen, dass er sich auf die Straße legte. Damit, so begründete es der Staatsanwalt, trage das Opfer einen geringen Teil Mitschuld an seinem Tod. Mit rund 80 Stundenkilometern war der Angeklagte danach über ihn gerollt. Er hätte den liegenden Mann sehen müssen, sagte der Ankläger, denn im Lichtkegel seiner Scheinwerfer mit 30 Meter Reichweite seien Hindernisse sichtbar. Infolge der Fahruntüchtigkeit hielt er nicht an, sondern überrollte den 22-Jährigen.

Ohne sich um das schwer verletzte Opfer zu kümmern, sei der Angeklagte weitergefahren, und dies, obwohl er das Überrollen durch „einen Rumpler“, wie er vor Gericht selbst ausführte, bemerkt habe. Die Fahrerflucht sei damit der nächste Straftatbestand, wobei erschwerend hinzukomme, dass auch noch der Tatbestand eines versuchten Mordes aus Verdeckung vorliege. Im Bewusstsein, dass er gerade einen Mensch überfahren hatte, diesen vielleicht getötet habe, sei er weitergefahren, um nicht als Täter entdeckt zu werden. Mit diesem Verkehrsverhalten liege die Verdeckungsabsicht vor – ein „Mordversuch durch Unterlassen“, laut Staatsanwalt. Dass der Angeklagte sich an dieses Geschehen nicht mehr erinnert, nahm ihm der Staatsanwalt nicht ab und bezeichnete dies als Schutzbehauptung. Dagegen spräche nämlich auch die Tatsache, dass er etwa 200 Meter weiter angehalten hatte, um nach Spuren am Fahrzeug zu sehen, und dabei auch feststellte, dass das vordere Kennzeichen abgerissen war.

20-Jähriger war zuvor noch nie mit

dem Gesetz in Konflikt gekommen

Freilich sei das Opfer durch erste Hilfsmaßnahmen an Ort und Stelle nicht zu retten gewesen, so der Ankläger. Daher auch nur der versuchte Mord – „aber eine fahrlässige Tötung zusätzlich und obendrein die Unfallflucht“. Allein hierfür sieht das Gesetz Freiheitsstrafen im Bereich zwischen einem halben bis zu elf Jahren und drei Monaten vor.

Da der Angeklagte aber nach Jugendstrafrecht zu verurteilen sei, müsse auch Jugendstrafrecht angewendet werden. Zusätzlich berücksichtigt der Staatsanwalt auch das Ergebnis des psychiatrischen Gutachters. Trunkenheit, Drogen und K.-o.-Tropfen waren festgestellt worden. Diese sogenannte „Misch-Intoxikation“ bewirkt eine kurzzeitige erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit, zumindest nicht ausschließbar, sagte der Gutachter.

Damit liege auch eine weitere Strafmilderung vor, zumal der 20-Jährige auch bisher nie mit dem Gesetz in Konflikt kam, und die bisherige Untersuchungshaft sicherlich eine abschreckende Wirkung auf ihn hinterlassen habe. Allerdings habe er im Prozess zwar seine Schuld eingestanden, aber auch nur so weit, wie es ihm nachgewiesen war.

Mit vier Jahren Jugendstrafe und einer Führerscheinsperre von weiteren vier Jahren wegen fahrlässiger Tötung, versuchten Verdeckungsmords und Unfallflucht meinte der Ankläger den Verkehrstod des Opfers juristisch gesühnt zu wissen. Für die beiden Verteidiger liegt der Fall allerdings nicht so schwer, wie es der Ankläger sieht.

Auch sie pochen auf Strafmilde angesichts der bisherigen achtmonatigen Untersuchungshaft und der Aussage des Gutachters, wonach der 20-Jährige an sich kein Krimineller sei. Zwei Jahre Jugendstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, müssten reichen, so ihre Anträge. Das Urteil selbst soll am morgigen Donnerstag verkündet werden.