Inklusion kommt nur langsam voran

Im Rems-Murr-Kreis besucht nur jeder achte Schüler mit Behinderung eine Regelschule – Es gibt zu wenig Sonderpädagogen

Seit drei Jahren haben Eltern das Recht, ein Kind mit Behinderung auch auf eine Regelschule zu schicken. Im Rems-Murr-Kreis machen im Moment allerdings nur 12,5 Prozent davon Gebrauch. Die Rektoren beklagen, dass die Lehrer zu wenig Unterstützung durch Sonderpädagogen erhalten.

Gelebte Inklusion an der Backnanger Mörikeschule: Im Naturwissenschaftsunterricht experimentieren die Schüler gemeinsam mit Kindern mit geistiger Behinderung von der Murrhardter Bodelschwinghschule. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. „Für uns war es schon ein Wurf ins kalte Wasser“, sagt Karin Moll, Rektorin an der Mörikeschule. Als die Backnanger Gemeinschaftsschule erstmals Schüler mit Behinderung aufnahm, wussten die Lehrer nicht genau, was auf sie zukommt. „Und wir konnten auch nicht gleich alle Kollegen auf Fortbildungen schicken“, erzählt Moll. Mit viel Engagement und gutem Willen habe man die Situation damals aber gemeistert. Heute gehört Inklusion an der Mörikeschule zum Alltag: Insgesamt 25 Kinder mit Beeinträchtigungen nehmen in fast allen Klassenstufen am normalen Unterricht teil und Rektorin Moll sagt: „Ich sehe das als Bereicherung.“ Immer wieder erlebe sie schöne Szenen, wenn etwa die stärkeren Schüler den schwächeren helfen und die Unterschiede im Schulalltag kaum noch eine Rolle spielen.

Im gesamten Rems-Murr-Kreis gehen derzeit 210 Schülerinnen und Schüler mit Behinderung auf eine Regelschule. Die weitaus größere Zahl, nämlich 1471 Kinder, besucht allerdings ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ), wie die ehemaligen Sonderschulen nun offiziell heißen. Der Anteil der behinderten Kinder, die eine Regelschule besuchen, liegt bei 12,5 Prozent und damit weit unter dem Landesdurchschnitt von 28 Prozent. Bundesweit besuchen sogar 41 Prozent der Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule.

Vor allem für Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen sei das SBBZ oft der bessere Lernort, weil dort eine viel intensivere Betreuung möglich sei, erklärt Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Staatlichen Schulamtes in Backnang. Gemeinsames Lernen ist aber auch in sogenannten Außenklassen möglich. So werden etwa an der Mörikeschule und an der Grundschule Maubach Kinder mit geistiger Behinderung von Lehrern der Murrhardter Bodelschwinghschule unterrichtet. Wo immer es möglich ist, findet der Unterricht gemeinsam mit den Regelschülern statt. Kreisweit werden derzeit 78 Kinder mit Behinderung in solchen Kooperationsmodellen unterrichtet, offiziell gelten sie aber als Schüler des SBBZ.

Kinder können in

ihrer Klasse bleiben

Etwas anders sieht es bei Kindern mit Lernschwierigkeiten aus, die oft erst während der Schulzeit erkannt werden. In diesen Fällen hätten sich die Eltern früher oft vehement gegen einen Wechsel auf eine Förderschule gewehrt, aus Sorge, ihr Kind könnte abgestempelt werden, berichtet Hagenmüller-Gehring. Nun könnten die Kinder in ihrer Klasse bleiben und trotzdem die notwendige sonderpädagogische Unterstützung erhalten. Vielen Eltern falle dadurch die Zustimmung leichter: „Der Schritt anzuerkennen, dass das für das Kind auch eine große Chance sein kann, ist für die Eltern kleiner geworden“, sagt Hagenmüller-Gehring. Annedore Bauer-Lachenmaier, Rektorin an der Backnanger Plaisirschule, kann das bestätigen. „Wir hätten diese Kinder sowieso“, sagt sie. Weil gegen den Willen der Eltern schon eine sonderpädagogische Diagnostik kaum möglich ist, habe man früher Schüler mitschleppen müssen, bei denen eigentlich klar war, dass sie keinen normalen Abschluss schaffen. „Das ist natürlich auch für die Kinder keine schöne Schulbiografie, weil sie ständig Misserfolge verkraften müssen“, sagt Bauer-Lachenmaier. Jetzt gebe es die Möglichkeit, diese Kinder in ihrem gewohnten Umfeld zu belassen, aber nach eigenen Lernplänen auf einem niedrigeren Niveau zu unterrichten. Dafür werden die Lehrer im Unterricht von Sonderpädagogen unterstützt.

Was in der Theorie gut klingt, scheitert in der Praxis aber oft an den personellen Kapazitäten. „Das Problem ist, dass wir zu wenige Lehrkräfte für Sonderpädagogik haben“, erklärt Claudia Dippon vom Staatlichen Schulamt. Das Ziel, dass in Inklusionsklassen möglichst immer ein zusätzlicher Lehrer anwesend ist, der sich um die Schüler mit Behinderung kümmert, bleibt deshalb oft nur ein frommer Wunsch. In der bisher einzigen Inklusionsklasse an der Plaisirschule ist lediglich in 8 von 25 Wochenstunden eine Sonderpädagogin mit dabei. „Und wenn die mal krank ist, bekommen wir auch keinen Ersatz“, sagt Rektorin Bauer-Lachenmaier. So seien es am Ende dann doch oft wieder die Klassenlehrer, die die derzeit fünf lernschwachen Schüler an ihrer Schule mitbetreuen müssten.

Im Kultusministerium sind die Probleme bekannt: Im jüngsten „Bericht zum Sachstand der Inklusion“, den Ministerin Andrea Eisenmann (CDU) im vergangenen Oktober vorgelegt hat, ist von einem „Mehrbedarf von insgesamt 1353 Lehrerstellen bis zum Schuljahr 2022/23“ die Rede. Um diesen zu decken, hat das Land unter anderem die Zahl der Studienplätze an den Pädagogischen Hochschulen erhöht und will außerdem 800 Haupt- und Werkrealschullehrer sonderpädagogisch weiterqualifizieren.

Doch bis diese Maßnahmen Wirkung zeigen, werden noch Jahre vergehen. Auch deshalb tritt das Staatliche Schulamt in Backnang beim Thema Inklusion im Moment eher auf die Bremse als aufs Gas. „Es ist wichtig, dass man das Thema mit Bedacht angeht“, erklärt Sabine Hagenmüller-Gehring. Denn sie weiß, dass es mit der Offenheit für die Inklusion, die sie bis jetzt in den meisten Schulen erfährt, schnell vorbei sein könnte, wenn sich die Schulen überfordert fühlen. Und noch etwas ist der Amtsleiterin wichtig: Inklusion sei kein Thema für einzelne Schulen oder Schularten. „Da wird keine Schule außen vor gelassen.“