Der Frauentag ist ein Tag der kleinen Aufmerksamkeiten

In Osteuropa wird der Weltfrauentag anders gefeiert als hier – Backnangerinnen erzählen, wie sie den Tag aus ihren Heimatländern kennen

„Es gab Blumen, kleine Aufmerksamkeiten und manchmal auch was Praktisches.“ Judit Riedel-Orlai erinnert sich an den Frauentag in Ungarn.

Von Sarah Schwellinger

BACKNANG. Andere Länder, andere Sitten heißt es. Das gilt auch für den Frauentag, der hier und da kaum eine Rolle spielt, andernorts aber sogar ganze Nationen feiern lässt. Vor allem in den Ländern Osteuropas wurde und wird er auch noch heute gefeiert. Trotzdem hat sich im Laufe der Jahre einiges geändert: Viele Länder schafften den Sozialismus ab und fanden ihren Weg zur Demokratie. Somit hat sich auch die Bedeutung des Frauentags in mehreren osteuropäischen Gebieten verändert.

„Ohne Frauen kann man nicht leben und es lohnt sich auch nicht“, lautete das Motto des Frauentags in Ungarn. Stadtführerin Judit Riedel-Orlai erinnert sich immer wieder gerne an den Frauentag in ihrem Heimatland zurück: „In den 70er-Jahren arbeitete ich als Bibliothekarin in Budapest. Immer am 8. März gab es Blumen, bezahlt aus der Staatskasse.“ Der Frauentag war ein Tag der kleinen Aufmerksamkeiten, es wurde Schokolade verschenkt, an Komplimenten nicht gespart. „Hin und wieder gab es auch etwas Praktisches“, erinnert sich Riedel-Orlai. Oft waren es Dinge für die Küche: eine Zitronenpresse zum Beispiel. Oder das Panierset, das sie erst vor einigen Jahren im Haus der Eltern wiederentdeckte. Sie zeigt ein Schmucktelegramm verziert mit edlen metallischen Elementen, das ihr einst geschickt wurde: „Mit besten Grüßen zum Frauentag.“

Die Männer seien sowieso immer sehr höflich gewesen, vielleicht ein Überbleibsel der Monarchie, vermutet die Kunsthistorikerin. In die Jacke zu helfen, den Stuhl zurechtrücken, die Türen aufhalten – alles selbstverständlich. Hin und wieder gab es sogar noch den Handkuss. „Respekt trotz Minirock“, resümiert Riedel-Orlai lachend die Zeit der 70er-Jahre.

Jedes Jahr gab es Jahrbücher für Frauen, die Themen wie Politik, Historisches, aber auch Mode und Handarbeit vereinten. In denen blättert sie heute noch manchmal gerne: „Die waren sehr beliebt“, sagt sie überzeugt. Im Fernsehen und im Radio liefen am 8. März den ganzen Tag politische Reden und Themensendungen. Seit 1948 wurde der Tag der Frauen in Ungarn gefeiert, im sozialistischen Ungarn war der Frauentag stark politisiert, Pflicht sozusagen.

Das änderte sich im Laufe der Zeit. „Schon in den 70er-Jahren war es mehr ein Akt der Höflichkeit, eher ein gesellschaftliches Ereignis.“ Heute sei der Tag eher vergleichbar mit dem Valentinstag. Es gibt kleine Geschenke, Blumen, Süßigkeiten.

In Russland hingegen ist der 8. März sogar gesetzlicher Feiertag. Während Frauen an diesem Tag die Möglichkeit haben, die Füße hochzulegen, übernehmen Männer jegliche Aufgaben, die anfallen. „Dazu gehört der Hausputz, auf die Kinder aufzupassen und zu kochen“, erklärt Nelli Airich. Sie lebt seit 1995 in Backnang, den Frauentag feiert die Familie aber trotzdem. Es ist ein Tag, an dem Familie und Freunde zusammenkommen und es sich gemütlich machen. Es gibt gut und reichlich zu essen. „Man kocht etwas, was es nicht täglich gibt, aber auch nicht allzu festlich ist“, so Airich. Suppe und Dessert gehören aber auf jeden Fall dazu. Traditionell gibt es Obstsalat, denn: „Die Winter in Russland sind kalt, der Tag bedeutet dann auch den Frühlingsanfang.“

Der 8. März ist nicht nur Feiertag der Frau, sondern läutet auch die schöne Jahreszeit ein: „Danach ist dann Frühling.“ Wohl auch deshalb bekommen Frauen – und auch Mädchen schon – Blumen. „Normalerweise schenkt man Tulpen oder Mimosen – keine Rosen.“ Die besorgen die Papas, Freunde oder Ehemänner.

Aber das ist nicht alles: Manche Männer übergeben auch kleine Geschenke. „Je nachdem, was die Frau sich wünscht.“ Oft gehören dazu Schmuck, Süßigkeiten wie Pralinen oder Sekt. „Ein No-Go sind Dinge für die Küche“, stellt Nelli Airich mit einem Lachen klar.

Die Frauen, die an diesem Tag arbeiten müssen, so wie Krankenschwestern, werden nicht vergessen. Denen werden Geschenke an den Arbeitsplatz gebracht.

Auch in der ehemaligen DDR war der 8. März der Tag, an dem am Nachmittag der Bleistift beiseitegelegt wurde und die Frauen mit Tanz- und Kulturprogramm gefeiert wurden. Zu Ehren des Schaffens gab es am Ende noch Preise für gut geleistete Arbeit.