Inklusion geht durch den Magen

Spitzenkoch Alexander Munz bereitet im Waldhorn Däfern zusammen mit behinderten Menschen ein viergängiges Menü zu

Eigentlich machen die „Cool Chickpeas“ ja Musik: Seit 2014 ist die Backnanger Band, in der junge Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren, ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Am Sonntag haben sich11 der insgesamt 13 Bandmitglieder auf einem neuen Terrain versucht und gemeinsam mit Küchenmeister Alexander Munz die Gäste im Restaurant Waldhorn in Auenwald-Däfern bekocht.

Eddie Schatz (rechts) und Moritz Hohnerlein servieren den Gruß aus der Küche: Salat von Zuckerschoten mit Fischtatar. Fotos: A. Becher

Von Kornelius Fritz

AUENWALD. Noch eine halbe Stunde, dann kommen die Gäste. Doch in der Küche des Waldhorn kommt keine Hektik auf. Die „Cool Chickpeas“ und das Küchenteam haben sogar noch Zeit für ein Gruppenfoto mit den neuen Schürzen, die sie eigens für diesen Tag haben besticken lassen. Dann geht es an die letzten Arbeiten: Carmen Koblinger füllt Lachstatar in runde Ausstecherformen und Tim Dörfler drückt es von oben fest. Nebenan waschen Steffen Leonhardt und Steffen Heinisch den Spinat und kurbeln die Salatschleuder, um ihn wieder zu trocknen. Das Dessertteam ist mit seiner Arbeit schon fertig: Die Crème brûlée gart im Ofen und Orangen und Grapefruits für den Zitrusfrüchtesalat sind bereits geschnitten.

Alexander Munz schmeckt gerade noch die Suppe ab und nickt zufrieden: „Im Prinzip läuft es wie bei jedem anderen Kochkurs“, sagt der Küchenchef. Nur ein bisschen mehr Zeit als üblich hat er eingeplant, damit seine Helfer nicht in Stress geraten. Das Menü hat Munz passend zum Bandnamen ausgewählt. „Chickpeas“ ist nämlich das englische Wort für Kichererbesen, weshalb die Maispoulardenbrust als Hauptgang auf Kichererbsenpüree mit Schnippelbohnen und Falafel serviert wird.

Unter den Gästen sind

bekannte Gesichter

Für den Landgasthof, dessen Küche sogar im berühmten Guide Michelin gelobt wird, ist die Kochaktion mit den geistig behinderten Menschen eine Premiere. Zustande kam die Kooperation durch die Freundschaft zwischen der Familie Munz und Birgit Kneiser. Die Sonderpädagogin, die an der Murrhardter Bodelschwinghschule unterrichtet, betreut auch die „Cool Chickpeas“ unter dem Dach der Lebenshilfe Rems-Murr. Gemeinsam kamen beide auf die Idee für die kulinarische Aktion: „Es heißt ja, kochen verbindet“, sagt Alexander Munz. Ein Satz, der sich an diesem Sonntag in eindrucksvoller Weise bestätigt.

Gefordert sind die „Cool Chickpeas“ nicht nur in der Küche, sondern auch beim Eindecken und Servieren. Für die meisten der jungen Leute im Alter zwischen 17 und 25 Jahren sind es ganz neue Erfahrungen. Franziska Tyburzy ist fürs Zwiebelschneiden eingeteilt: „Es hat gleich geklappt“, berichtet sie stolz. Felix Walter hat schon etwas mehr Erfahrung: „Das Schnippeln kenne ich schon“, erzählt der 23-Jährige, der eine Festanstellung in einer Bäckerei hat. Neu ist für ihn das Tischdecken, zumindest in der Praxis: „Im Fernsehen habe ich das alles schon mal gesehen.“ Birgit Kneiser weiß, wie wichtig es für das Selbstbewusstsein der jungen Menschen ist, wenn sie alleine etwas auf die Beine stellen können. Ganz bewusst sind die Eltern der Behinderten deshalb auch zu Hause geblieben: „Es ist wichtig, dass die jungen Erwachsenen selbstständig agieren können.“

Inzwischen ist es halb sechs und die ersten Gäste kommen an, darunter auch etliche bekannte Gesichter. Der Auenwalder Bürgermeister Karl Ostfalk ist ebenso gekommen wie der SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber und der frühere Backnanger Erste Bürgermeister Michael Balzer. Auch Robert Antretter ist da: Der SPD-Politiker, der bis 2012 Bundesvorsitzender der Lebenshilfe war, ist regelmäßiger Gast im Waldhorn und freut sich, dass sich sein Stammlokal nun auch für die Integration behinderter Menschen einsetzt: „Wichtig ist, dass Inklusion nichts Konstruiertes, sondern etwas Selbstverständliches ist“, sagt Antretter. Deshalb mischen sich die „Cool Chickpeas“ auch beim Essen unter die Gäste, später wird gemeinsam getanzt.

„Es war ein ganz besonderer Abend“, stellt Birgit Kneiser am Ende zufrieden fest. Und die Freude wird über den Tag hinauswirken: Für das viergängige Menü haben die Wirtsleute Munz nämlich kein Geld verlangt, sondern um freiwillige Spenden gebeten, die in voller Höhe der Arbeit der „Cool Chickpeas“ zugutekommen. 2000 Euro sind so zusammengekommen, und Birgit Kneiser weiß auch schon, wofür das Geld verwendet werden soll: „2020 wollen wir mit der Band zu einem Festival nach Südkorea reisen.“