„Glück gehabt“ bei jungen Flüchtlingen

Bei zwei von 30 Neuzugängen Altersfeststellung erforderlich – Zahl der unbegleiteten minderjährigen Ausländer geht zurück

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. Nicht nur die Zahl der erwachsenen Flüchtlinge ist rückläufig. Im Rems-Murr-Kreis kommen auch spürbar weniger Kinder und Jugendliche an, die ohne Eltern auf der Flucht sind. Lag die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Ausländer (Uma) im Herbst 2016 noch bei 303, so ist sie inzwischen auf 259 gesunken. Das berichtete Holger Gläss, der kommissarische Leiter des Kreisjugendamts, gestern im Jugendhilfeausschuss.

Wie Gläss im Detail ausführte, waren im vergangenen Jahr an Rems und Murr 30 Neuzugänge zu verzeichnen. Davon sind 19 von der zentralen Verteilstelle gekommen. Elf wurden vom Jugendamt vor Ort in Obhut genommen, unter ihnen sechs, die in Gemeinschaftsunterkünften gefunden wurden. Sie waren zunächst nicht als unbegleitete Flüchtlinge angesehen worden, weil sie zusammen mit anderen Personen gekommen waren. Dabei handelte es sich jedoch, wie sich zeigen sollte, nicht um deren Familie.

Mit der förmlichen Inobhutnahme gehen Gesundheitschecks einher. Auch Fragen des Kindeswohls werden geprüft.

„Eine große Herausforderung“ stellt, so Gläss, die Altersfeststellung dar. Dieses Thema war zuletzt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, nachdem es wiederholt zu Fehlern und Ungereimtheiten, so im Fall Kandel, gekommen war. In der politischen Diskussion darum forderte der Städte- und Gemeindebund bundesweit einheitliche Regelungen für die Altersfeststellung. Im Rems-Murr-Kreis haben sich, wie Gläss feststellte, in dieser Frage bis dato wenig Zweifel ergeben.

Bei den 19 zugewiesenen jungen Flüchtlingen aus dem Jahr 2017 hat die Prüfung bereits andernorts stattgefunden. Für das Jugendamt bestand die Aufgabe dann vor allem darin, beim Familiengericht die Bestellung eines Vormunds zu beantragen und die jungen Leute vernünftig unterzubringen. Anders bei den elf im Kreis in Obhut genommenen Personen. Drei konnten an Verwandte in Pforzheim weitergeleitet werden. Von den anderen acht hatten sechs gültige Papiere. Somit waren in zwei Fällen Verfahren zur Altersfeststellung nötig.

Für diese Aufgabe wurde im Kreis eine sogenannte Altersfeststellungskommission gebildet. Sie besteht aus Fachkräften unterschiedlicher Disziplinen, unter ihnen Pädagogen und erfahrene Kräfte aus Beratungsstellen. Im Beisein eines Dolmetschers prüfen sie vorliegende Dokumente, befragen den Geflüchteten und nehmen ihn in Augenschein, um sein Alter zu bestätigen oder neu festzulegen.

Bei so einem Verfahren bleiben allerdings Zweifel, merkte SPD-Kreisrat Alexander Bauer an, auch wenn der Kreis bisher Glück gehabt habe. Er verwies auf das Saarland, wo im Zweifel geröntgt wird, um, so die Erwartung, genauere Ergebnisse zu erzielen. Es gelte, professionell zu arbeiten, damit keinerlei Missverständnisse aufkommen. Dieses Ziel will auch Jugendamtsleiter Gläss erreichen. Er verwies aber auf rechtliche Schwierigkeiten und gab zu bedenken, dass auch die Zielgenauigkeit einer Röntgenuntersuchung eine Bandbreite von zwei bis drei Jahren aufweisen könne. Gläss überlegt stattdessen, die Expertise eines Arztes in die Kommission zu holen.

Altersentwicklung erfordert andere Unterbringungsformen

  Eine weitere Herausforderung besteht für Gläss darin, dass die jungen Schutzsuchenden nach und nach älter werden und letztlich aus der Verantwortung des Jugendamts ausscheiden. Die Zuständigkeit für sie wechselt dann vom Landkreis zu der Kommune, in der sie wohnen. Das gilt für junge Menschen, die 21 Jahre werden, aber nicht nur für sie: Schon mit Beginn der Volljährigkeit, also ab 18, können sie sich für oder gegen den Verbleib in der Jugendhilfe entscheiden.

Mit dem Älterwerden müssten daher, wie der Jugendamtsleiter erläuterte, auch die Unterbringungsformen den sich verändernden Umständen angepasst werden. Das größte Problem sieht er in der Unterbringung an sich: „Geeigneten Wohnraum zu finden stellt die Hauptschwierigkeit dar.“ Derzeit leben 44 Prozent in Formen des betreuten Jugendwohnens beziehungsweise in einer Jugendwohnwerkstatt oder -wohngruppe. Diese Formen sollen das Selbstständigwerden fördern. Solche Angebote seien auszubauen, erklärte Gläss mit Blick auf den Anteil Älterer. 37 Prozent sind in dezentralen Wohngruppen untergebracht, 11 Prozent bei Gastfamilien. 8 Prozent haben anderswo eine Bleibe gefunden, beispielsweise bei Verwandten.

Der Blick auf die Altersverteilung zeigt: 60,3 Prozent der jungen Flüchtlinge sind bereits 18 Jahre oder älter. Weitere 18,7 Prozent sind 17 Jahre. Andererseits beträgt der Anteil derer, die zwölf Jahre und jünger sind, 5,3 Prozent. Bei der Herkunft hat sich nicht viel verändert: Die meisten stammen nach wie vor aus Syrien und Afghanistan.

„Wir haben eine sehr entspannte Situation bei der Kriminalauffälligkeit“, sagte Gläss. Umas würden nicht getrennt erfasst. Die Erfahrungen der Fachkräfte in der Jugendgerichtshilfe, im Sozialen Dienst und bei den freien Trägern „lassen aber den Schluss zu, dass es bei diesem Personenkreis keine signifikanten Abweichungen zur Gesamtstatistik gibt“.