Belinda überlebt dank zahlreicher Anleger

Akzente-Gemeinde Sulzbach an der Murr gründet Genossenschaft – Anteil an Begegnungs- und Kulturstätte kostet 1000 Euro

Die Sulzbacher Kultdisco Belinda hat eine Zukunft. Die Akzente-Gemeinde gründet eine Genossenschaft, um das komplette Areal erwerben zu können. Über 340 Anteile zu jeweils 1000 Euro sind bereits vergeben, bis Ende des Monats müssen es 500 sein. Der Getränkemarkt wird für kulturelle Veranstaltungen umgebaut, das Gasthaus Sulzbacher Schlösslebräu bleibt bestehen.

Sie treiben die Gründung der Genossenschaft voran und erhalten so die legendäre Rockdiscothek Belinda: Willi Beck (links) und Hansjörg Martin von der Akzente-Gemeinde. Foto: J. Fiedler

Von Florian Muhl

 

SULZBACH AN DER MURR. Das Leben der ältesten Rockdiscothek Deutschlands stand auf der Kippe. Die Belinda schließt für immer die Türen? Das wollten und konnten Willi Beck und drei seiner Mitstreiter nicht zulassen – kurzerhand pachteten sie den Kultkessel. Das war im Juni vergangenen Jahres (wir berichteten). Doch zu viert können die Mitglieder der Akzente-Gemeinde das Projekt auf Dauer nicht stemmen. Ein solides Finanzierungsmodell muss her, das auf einem breiten Fundament steht.

Da hat Willi Beck eine Vision. Denn der Diakon und Theologe, der einst als gelernter Bankkaufmann bei einer Genossenschaftsbank gearbeitet hat, will genau diesen Gedanken aufnehmen und weiterspinnen: die Genossenschaft, also eine allen offen stehende Form der gesellschaftlichen Selbstorganisation, ein Modell der kooperativen Selbsthilfe und Selbstverantwortung. Der 62-Jährige, der mehrere Monate mit dieser Idee schwanger geht, verhandelt mit dem Eigentümer Andreas Walz, diskutiert mit Akzente-Mitgliedern, führt Gespräche mit dem Genossenschaftsverband. Es zeigt sich, dass es kein Kinderspiel werden wird. „Wir hatten überlegt, die Belinda und den Getränkemarkt herauszukaufen. Aber baulich war das nicht möglich“, sagt Beck. Die einzelnen Gebäude auf dem Areal sind miteinander zu sehr verwoben Aus diesem Grund gab es nur die Alternativen: Alles oder nichts.

„Hilfe, was machen wir jetzt?“, dachte Beck damals während der Verhandlungen. Über die Genossenschaftsidee hat er zunächst die Akzente-Mitglieder informiert. „Im Leitungsteam haben wir dann entschieden: Wir machen das, nachdem es innerhalb von nur vier bis sechs Wochen Zusagen für 200 Anteile gab.“ Zum finanziellen Hintergrund und Zeitplan erläutert der Diakon: „Bis Ende März müssen wir 500 Anteile verkauft beziehungsweise die Zusage für den Verkauf haben.“ Ein Anteil kostet 1000 Euro.“ „Aktuell sind wir bei 343“, sagte Beck gestern in einem Gespräch mit unserer Zeitung, „und das ohne oder mit ganz wenig Werbung.“ Von der Bank gebe es die Zusage, dass diese die Differenz zwischen dem Erlös aus den 500 verkauften Anteilen und dem Gesamtkaufpreis plus Investitionskosten finanzieren werde.

„Geholfen hat uns, dass der Eigentümer das Sulzbacher Schlösslebräu langfristig für seinen Stiefsohn pachten will“, sagt Hansjörg Martin. Der 50-Jährige aus Spiegelberg gehört der Akzente-Gemeinde seit 23 Jahren an, ist Mitglied im Leitungsgremium und treibt den Genossenschaftsgedanken mit voran.

Andreas Walz, der zusammen mit seiner Frau 2014 als Investor das ganze Areal übernommen hatte (wir berichteten), hat mehrere Kandidaten an der Hand, die Interesse am kompletten Objekt an der B14 bekunden, darunter ein Modemarkt. Aber insbesondere seiner Frau habe der Gedanke gefallen, dass die Belinda erhalten bleiben könne. So steht Walz der Genossenschaftsidee positiv gegenüber. „Die Zusammenarbeit mit der Akzente-Gemeinde ist hervorragend“, sagt Walz. Der Deal sei, dass auch das Gasthaus bestehen bleibt. Die Sulzbacher Schlösslebräu und Event GmbH, deren Geschäftsführer und hundertprozentiger Gesellschafter Andreas Walz ist, pachtet das Gasthaus für mindestens 15 Jahre. Björn Breuninger, derzeit Koch und Assistent der Geschäftsleitung, soll mit der Zeit Verantwortung übernehmen. „Unser Sohn ist 23 Jahre alt. Er macht noch zwei Jahre Schulung, dann wird er sukzessive meine Gesellschaftsanteile übernehmen. Der Geschäftsführerwechsel wird Ende dieses Jahres sein“, sagt Walz, der große Hoffnungen in die Akzente-Gemeinde setzt, dass die 500 Anteile bis Ende diesen Monats zusammenkommen. Auch Bürgermeister Dieter Zahn ist voll des Lobes ob des Vorhabens von Willi Beck und dessen Mitstreitern: „Auch meine Frau und ich haben uns schon Anteile gesichert“, sagte er gestern auf Nachfrage. Denn so könnte ein ortsbildprägender Treffpunkt erhalten bleiben, in dem seit fast fünf Jahrzehnten junge Leute und junge Erwachsene aus der ganzen Region zusammenkommen. Zahn freut sich, dass die Mitglieder der Akzente-Gemeinde dieses Erbe weiterbetreiben und für die nächsten Generationen bewahren wollen.

Eine schmucke Veranstaltungshalle mit 200 bis 250 Plätzen

 

Doch es geht der Akzente-Gemeinde nicht nur um die Belinda. Im Getränkemarkt soll ebenso ein Schmuckstück entstehen; eine Halle für unterschiedlichste kulturelle Veranstaltungen, in der 200 bis 250 Gäste Platz finden. Dazu soll der Holzdachboden entfernt werden, sodass die Halle bis unters Dach einen großen weiten Raum ergibt. Derzeit werden dort bereits die Gottesdienste mit viel Musik veranstaltet. Beck gefällt der Gedanke schon seit vielen Jahren, dass nicht nur die Leute zur Kirche kommen, sondern auch die Kirche zu den Leuten. Auch deshalb treibt ihn der Genossenschaftsgedanke so an. „Das ist unser Rettungsanker“, sagt der Diakon, „alle anderen Rechtsformen würden scheitern.“

 

  Infoveranstaltungen zur Genossenschaft des Belinda-Areals gibt es wie folgt:

  An den Dienstagen 13., 20. und 27. März, jeweils im alten Belinda-Café um 20 Uhr,

  am Samstag, 17. März, im ehemaligen Getränkeladen an der Belinda, 20 Uhr,

  und am Samstag, 31. März, im alten Belinda-Café um 20 Uhr.