Brücke am Haken wird zum Spektakel

Drei Schwertransporte bringen die Einzelteile der neuen Aspacher Brücke in die Backnanger Innenstadt – Montage der Stahlkonstruktion bereitet keine Probleme

Die drei Einzelteile der neuen Aspacher Brücke sind am Samstag in Backnang angeliefert und innerhalb weniger Stunden über die Murr verlegt worden. Zahlreiche Zuschauer verfolgten das Spektakel, bei dem ein 700-Tonnen-Kran die tonnenschweren Elemente im Zeitlupentempo zentimetergenau in die richtigen Positionen bugsierte.

0:00 Uhr – Beeindruckende Fahrkünste beweisen die Lenker der Schwertransporte, …

Von Matthias Nothstein

 

BACKNANG. Es ist eine der größten Baustellen, die es derzeit in Backnang gibt: der Neubau der Aspacher Brücke. Nach dem Abriss und den nötigen Vorarbeiten wurde am Samstag die neue Brücke angeliefert und über die Murr gelegt. Die Stahlkonstruktion wiegt insgesamt 150 Tonnen. Die Brücke soll bis zum Straßenfest Ende Juni wieder für den Verkehr freigegeben werden. Wenngleich die Straßen vorerst nur provisorisch mit Rampen angeschlossen werden. Bis alle Arbeiten im Umfeld erledigt sind, vergehen noch zwei Jahre. Dazu zählt die Umgestaltung von Teilstücken der Eduard-Breuninger-Straße, der Gerberstraße, der Aspacher Straße und der Talstraße. Am Samstag jedoch drehte sich erst einmal alles um die neue Aspacher Brücke.

 

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Die Anfahrt: Die drei Tieflader stehen seit Freitag auf Parkplätzen neben der Autobahn und dem Autobahnzubringer. Ab 22 Uhr rollen sie im Konvoi in Richtung Backnang. Die zwei Großen fahren an der Krähenbachkreuzung ein Stück die B-14-Rampe hinauf, um dann rückwärts die Aspacher Straße hinabstoßen zu können. Erste Probleme gibt es beim neuen Polizei-Kreisel. Die hinteren sechs Zwillings-Achsen des ersten Tiefladers – sie bilden beim Rückwärtsfahren nun die Spitze – pflügen mitten durch die Insel des Kreisels und bilden tiefe Fahrspuren. Die Ladung quietscht und ächzt, dass einem Angst und Bange werden könnte. Die vorderen Achsen des Transporters fahren nach einigen Manövern seitlich an der Mittelinsel vorbei. Nun kommen jedoch Schilder und Laternenmasten der Fracht gefährlich nahe. Der zweite Transporter meistert die Passage souveräner. Als er die Aspacher Straße hinunter rollt, überragt das Seitenteil der Brücke mit dem vormontierten Geländer die entlang der Straße geparkten Autos nur um wenige Zentimeter. Zum Glück hat niemand einen Van abgestellt. Kurz nach Mitternacht kommt der erste Transporter am unteren Ende der Aspacher Straße an. Der zweite folgt in kurzem Abstand, der dritte fährt ohnehin vorwärts und hat keine Probleme, das Mittelstück der Brücke wiegt lediglich 23 Tonnen und ist bei weitem nicht so breit.

 

Die Vorbereitung: Eigentlich soll die Brückenmontage am Samstagmorgen um 6.30 Uhr beginnen. Doch es gibt Verzögerungen. Kurz nach 7 Uhr bauen Arbeiter die Auflage am rechten Ufer ab. Auf dem riesigen Stahlträger und den fünf Stapeln aus Eisenholz sollte die Brücke abgelegt werden. Doch der Prüfstatiker verlangt eine Änderung. Auf dem Bauch liegend entfernt ein Arbeiter mit einem Schweißbrenner die Schweißnaht, dann wird die Konstruktion weggehievt und durch eine andere ersetzt. Für Tobias Steigerwald vom zuständigen Stuttgarter Ingenieurbüro Schlaich Bergermann und Partner ist die Umplanung nichts Außergewöhnliches, „es handelt sich nur um kleine Anpassungen“. Alle Arbeiter schaffen auch völlig unaufgeregt.

 

Das erste Brückenteil: Mit zwei Stunden Verzögerung beginnt kurz vor 9 Uhr die eigentliche Montage, das erste Brückenteil hängt am Haken und schwebt in Zeitlupe über die Murr. Und in der Tat wird die Statik nun auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Wohlgemerkt die Statik des benachbarten Behelfsstegs. Auf dem stehen die Kiebitze mittlerweile in Zweier- und Dreierreihen, die meisten mit einem Kaffeebecher in der Hand. Auch aus den Fenstern und von den Balkonen der benachbarten Häuser verfolgen viele Anwohner das Schauspiel. Vor seinem Bettenhaus hat Martin Windmüller einen Stand mit Erfrischungsgetränken aufgebaut. Der Erlös kommt dem Weissacher Bazärle zugute. Unter den Zaungästen ist auch Werner Kienzle. Der 78-Jährige erzählt, dass dies die dritte Aspacher Brücke ist, deren Aufbau er erlebt. Nach der Sprengung des Bauwerks in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde zuerst eine Holzbrücke errichtet, die in den 50er-Jahren von dem bisherigen Bauwerk abgelöst wurde. Am Samstag ist Kienzle extra vorbeigekommen, um nun den Aufbau der Stahlbrücke zu verfolgen. Um 10 Uhr liegt das erste Brückenteil an der richtigen Position. Auch Hans Bruss atmet auf. Der Leiter des Stadtbauamts sagt lachend: „Das erste Teil ist immer am schwersten, danach geht alles einfacher.“

 

Das zweite Brückenteil: Wieder dauert es ein wenig, bis das zweite Brückenteil vom 700-Tonnen-Kran der Firma Wiesbauer angehoben wird. Doch 10.45 Uhr ist es soweit. Nur einen Meter an dem Wohnhaus Ecke Talstraße/Aspacher Straße gleitet die 56-Tonnen-Fracht durch die Lüfte. Zwei Arbeiter ziehen mit Seilen an den Enden der eleganten Stahlkonstruktion. Diese dreht sich ganz allmählich einmal um 180 Grad, dann stimmt die Ausrichtung. 20 Minuten später hat der Koloss erstmals Bodenkontakt. Dann wird er von den Monteuren mit Handwinden in die richtige Position gebracht. Nun klafft in der Mitte zwischen den beiden Brückenteilen eine fünf Meter breite Lücke für das Mittelstück. Noch sind die riesigen, gelben Gurtbänder, an denen die Last hängt, auf Spannung. Dann, um 11.40 Uhr, hängen die Gurte durch und werden gelöst.

 

Das Mittelstück: Jetzt rückt der spannendste Moment näher: Passt das Mittelstück in die Lücke? Um 11.50 Uhr wird es vom Tieflader gehoben, um 12.15 Uhr liegt es an Ort und Stelle. Die Beobachter sind beeindruckt. „Es scheint funktioniert zu haben“, sagt seiner. „Wir sind ja nicht Berlin“, frotzelt ein anderer.

 

Die Nacharbeiten: Wer erwartet hat, dass die Brückenteile millimetergenau nebeneinanderliegen, der wird enttäuscht. Mehrere Zentimeter breit klafft ein Spalt zwischen den Einzelteilen. „Die werden in den nächsten Tagen zusammengezogen und verschweißt“, erklärt Steigerwald. Er lobt die Stahlbaufirma Roßlauer Schiffswerft, „die haben prima Arbeit geleistet, wir sind sehr zufrieden“. Den kommenden Zeitplan für das Brückenprojekt bezeichnet Steigerwald als „sehr ambitioniert“. In den nächsten vier Wochen wird die Brücke fertig verschweißt und lackiert. Und die Versorgungsleitungen (Wasser, Gas, Kommunikation) werden durch das Mittelstück verlegt. Dann wird die Brücke als Ganzes mittels hydraulischer Pressen einen Meter abgesenkt und kommt auf den endgültigen Widerlagern zu liegen.