„In jeder Krise steckt auch eine Chance“

Neue Perspektiven, neue Wege, neue Möglichkeiten: Kreisdiakonieverband bietet Unterstützung in schwierigen Lebenslagen

Ehekrise, Schuldenfalle, Schulstress – die Mitarbeiter des Kreisdiakonieverbands hören zu und fragen nach. Nicht selten eröffnen sie ihren Klienten so ganz neue Perspektiven. Rund 150Fälle betreuen Anna Blees und Andreas Schwarzkopf derzeit in Backnang.

Die Sozialpädagogen Anna Blees, Barbara Monauni und Andreas Schwarzkopf (von links ) vom Kreisdiakonieverband setzen auf systemische Beratung, um ihren Klienten zu helfen. Foto: A. Becher

Von Bianca Walf

BACKNANG. „Unsere Arbeit ist so spannend wie das Leben“, sagt Barbara Monauni, die den Fachbereich Paar-, Familien-, Lebens- und Sozialberatung beim Kreisdiakonieverband Rems-Murr leitet. „Allein der Name des Fachbereichs zeigt, wie vielfältig unsere Fälle und dementsprechend auch die Herausforderungen sind.“ In Backnang ist Barbara Monaunis Team mit zwei Mitarbeitern vertreten – außerdem in Waiblingen und Schorndorf.

Sozialpädagogin Anna Blees kümmert sich seit Anfang des Jahres um die Backnanger Klienten in der Einzel- und Paartherapie. Zu ihr kommen Ehepaare, Eltern und Teenager, erwachsene Geschwister, aber auch Einzelpersonen, die in einer persönlichen Krise stecken. Andreas Schwarzkopf betreut den Bereich Sozialberatung.

„Die Probleme, mit denen die Menschen zu uns kommen, sind sehr unterschiedlich“, so Anna Blees. Oft spiele dabei eine neue Lebenssituation eine Rolle, mit der es Anpassungsschwierigkeiten gibt. „Etwa eine Trennung, ein Jobwechsel oder die Geburt eines Kindes.“ Der Beratungsansatz des Kreisdiakonieverbands ist stets ein systemischer. „Das heißt, egal, ob ich mit einer Einzelperson arbeite oder mit einem Paar, ich betrachte die Klienten nie isoliert, sondern stets als Teil eines Systems – etwa dem System Familie oder dem System Arbeitsplatz“, erläutert Anna Blees. Das müsse man sich vorstellen wie ein Mobile: „Wenn ein Teil sich bewegt, bewegen sich auch alle anderen – beziehungsweise, wenn eines stillsteht, stehen alle still.“

„Es geht nicht darum, 24 Stunden

am Tag überglücklich zu sein“

Letzteres sei oft problematischer. „Der Leidensdruck ist dann am größten, wenn die Menschen glauben, nicht mehr vor und zurück zu können, keinen Handlungsspielraum zu haben“, erklärt Barbara Monauni. Das sei auch ein gesellschaftliches Problem: „Heute wird einem suggeriert, dass man alles sein und alles haben kann. Das führt zu unrealistischen Erwartungen – etwa an Partnerschaft, Familie oder Beruf“, so Monauni. Die Menschen seien zunehmend an unmittelbare Bedürfnisbefriedigung gewöhnt. „Die Toleranz gegenüber Situationen, in denen es auch mal schwierig wird, sinkt. Dabei ist es wichtig, zu verstehen, dass es nicht darum geht, 24 Stunden am Tag überglücklich zu sein. Leben heißt manchmal eben auch durchhalten.“

Hier sei oft ein Perspektivwechsel wertvoll. „Wir zeigen unseren Klienten durch gezielte Fragetechniken alternative Sichtweisen auf“, beschreibt Barbara Monauni die Methodik. „Beispielsweise frage ich ein Elternpaar: Was glauben Sie denn, wie Ihre Kinder Papa und Mama wahrnehmen?“ Das könne dabei helfen, sich besser in andere hineinzuversetzen und realistischere Erwartungen zu entwickeln. Anne Bees ergänzt: „Die Klienten lernen, sich konstruktiv zu hinterfragen und neue Wege zu gehen.“

Diese neuen Wege seien mit das Spannendste an ihrem Job. „In jeder Krise steckt auch eine Chance. Die zu entdecken, ist unsere Aufgabe. Ich finde es extrem beeindruckend, immer wieder zu erleben, wie meine Klienten gestärkt aus ihren persönlichen Tiefphasen hervorgehen.“ Dieser Aspekt gefällt auch Andreas Schwarzkopf an seiner Arbeit – obwohl er zu bedenken gibt, dass man nicht von jedem Menschen erwarten könne, eine Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. „Aber auch dann können wir helfen, indem wir die Leute begleiten und ihnen zeigen, wie sie sich in der neuen Situation besser zurechtfinden.“

Schwarzkopf kümmert sich beim Kreisdiakonieverband um den Bereich Sozialberatung. Seine Klientel sind vor allem Menschen mit Geldproblemen. „Die Bandbreite reicht vom Jugendlichen mit zu teurem Handyvertrag über die alleinerziehende Mutter bis hin zum Rentner, der von Altersarmut betroffen ist“, erklärt der Sozialpädagoge.

„Frauen nehmen eher

Hilfe in Anspruch“

„Oft hilft es schon, die jeweilige finanzielle Situation zu analysieren – ähnlich wie bei der Schuldnerberatung“, erklärt Schwarzkopf. Doch auch, wenn es um den Kontakt mit Behörden geht, nehmen seine Klienten gerne Unterstützung in Anspruch. „Beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen tun sich viele Leute schwer. Dabei lassen sich dadurch oft kleinere Beträge gutmachen“, so der Experte. Für die meisten gehe es um Existenzsicherung. „Da können schon 20 bis 30 Euro pro Monat etwas bewirken.“

Die Sozialberatung nimmt 80 Prozent von Schwarzkopfs Arbeitszeit in Anspruch. Die restlichen 20 Prozent investiert er in Beratungszeit speziell für Männer. Die sind unter den Schützlingen der Kreisdiakonie deutlich in der Unterzahl. „Frauen nehmen erfahrungsgemäß eher Hilfe in Anspruch. Da scheint die Hemmschwelle, über persönliche Dinge zu sprechen, einfach niedriger zu sein“, sagt Barbara Monauni. Umso wichtiger sei ein Angebot, dass speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist – ebenso wie der passende Ansprechpartner in Person von Andreas Schwarzkopf. „Ich denke, es gibt einfach Dinge, die man besser unter Männern besprechen kann“, sagt er.

Durchschnittlich kommen die Klienten des Kreisdiakonieverbands über einige Monate verteilt ein- bis fünfmal in die Beratung. „Meist reicht das aus, um sie zu stabilisieren“, so Anna Blees. Die Kosten richten sich nach dem jeweiligen Einkommen. „Am Geld soll es bei uns nie scheitern“, so Barbara Monauni. Dennoch habe ihre Arbeit auch Grenzen. „Wenn es darum geht, schwere Traumata zu bewältigen – etwa infolge von Missbrauch –, sind wir nicht mehr die richtige Adresse. Da braucht es psychologische Hilfe und eine engmaschigere Betreuung.“

  Nähere Informationen zur Arbeit des Kreisdiakonieverbands in Backnang sowie konkrete Ansprechpartner sind online unter www.kdv-rmk.de zu finden.