Wahres Leben im kleinen Gartenkosmos

Kinder von Kigaplus in Kirchberg und der Talschule Backnang erproben beim Anbau von Früchten und Gemüse ihren grünen Daumen

Wenn die Tage länger werden und die Sonne ihre Kraft entfaltet, dann zieht es einen unwillkürlich hinaus ins Freie. Ob farbenfrohe Blütenpracht oder köstliches Gemüse – für den Gartenfreund wird es nun Zeit, sich kreativ oder auch genussorientiert auszutoben. Inzwischen erproben auch immer mehr Kinder ihren grünen Daumen. Nicht nur zu Hause, auch in vielen Schulen und Kindergärten gibt es die Möglichkeit dazu.

Marianne Gerber (links) und Marga Fuchs vom OGV Heiningen/Waldrems/Maubach unterstützen die Kinder der Talschule beim Bepflanzen des Hochbeets mit Kräutern. Foto: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG. In vielen Gärten sind mittlerweile kleine oder auch größere Beete angelegt, in denen angepflanzt wird, was einem schmeckt. Selbst in der Großstadt finden sich auf dem Balkon Tomaten- und Gurkenpflänzchen. Nicht nur die ältere Generation genießt die selbst angebauten Früchte, auch junge Leute oder Familien mit Kindern erproben den grünen Daumen. Und auch in Kindergärten und Schulen finden sich immer mehr Beete, durch die Kinder jeden Alters erleben können, wie aus einem kleinen Samenkörnchen eine Pflanze mit köstlichen Früchten wird.

In Kirchberg an der Murr gibt es seit dem Frühjahr 2014 ein großes Hochbeet auf dem Außengelände des Vorschulkindergartens Kigaplus. Die Entscheidung darüber hat das Erzieherinnenteam gemeinsam gefällt. Denn abgesehen vom meistens unerwartet leckeren und gesunden Ergebnis ist das gemeinsame Gärtnern auch pädagogisch wertvoll. Für Maria Montessori, nach deren Pädagogik verschiedene Elemente in Kigaplus umgesetzt werden, war es ein Bestreben, Kinder verantwortungsvolle Tätigkeiten im Alltag übernehmen zu lassen. Und das Hegen und Pflegen von Pflanzen gehört hier sicher dazu. Die Kinder dürfen mitbestimmen, was angebaut werden soll. Interessanterweise ist der erste Wunsch immer, einen Baum zu pflanzen. Doch auch Beeren, Kräuter und Vespergurken sind sehr beliebt. Jedes Kind darf etwas säen oder pflanzen.

Doch vor der Ernte kommt zunächst die Pflege. Manche Kinder kümmern sich sehr gern und mit großer Begeisterung darum. Auch Rückschläge gibt es. „Im letzten Jahr wurden Radieschen und Kürbisse von den Schnecken aufgefressen“, berichten Kitaleiterin Katrin Barth und Kollegin Ute Ebinger. Manchmal wird gute Pflege auch nicht belohnt.

Besonders schön ist es, dass die Kinder hautnah mitbekommen, wie etwas wächst und auch verwendet wird. Gemüse, Kräuter und Beeren werden gemeinsam geerntet und gemeinsam beim Vesper verzehrt. Barth erklärt: „Kinder haben verschiedene Zugänge zum Garten.“ Einige gehen eher grobmotorisch heran, indem sie beispielsweise mit Hingabe graben und buddeln. Andere dagegen genießen es, auszuputzen oder zu gießen. Und wieder andere bevorzugen das Ernten und Verwerten.

Auch Diskussionen entwickeln sich durch die Gartenarbeit, etwa: Was ist Unkraut und was nicht? Was darf hier wachsen? Zudem gibt es neben den Pflanzen auch viele Tiere zu entdecken, wie Käfer, Ameisen, Schnecken und Regenwürmer – mit einer großen Bandbreite an Reaktionen. Manche laufen weg, andere nehmen die kleinen Tierchen mit großem Interesse in die Hand. Der Umgang mit dem Hochbeet verschafft den kleinen Gärtnern einen anderen Blickwinkel auf viele Dinge. Geduld ist nötig, Rückschläge gehören dazu, und man lernt sich auch selbst besser kennen – was kann ich, was mag ich, was finde ich eklig? Und die Gartenarbeit hat auch etwas Tröstliches, denn jedes Jahr gibt es wieder eine neue Chance.

Gärtnern mit allen Sinnen: riechen,

fühlen, sehen und schmecken

Da seit dem aktuellen Schuljahr die Leitperspektive „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ im Bildungsplan steht, passt es ganz gut, dass in den letzten Jahren immer mehr Schulen eigene Gärten angelegt haben. So auch die Talschule in Backnang. Noch von den Werkrealschülern als Projekt angelegt, nutzen nun die Grundschüler die großzügige Fläche. In jedem Schulhalbjahr wird hier das „Atelier“ angeboten. Altersgemischte Gruppen der Klassen 2 bis 4 kümmern sich ein halbes Jahr lang um verschiedene Bereiche in der Natur, etwa um einen Bienenstock, den Schulteich, Vogelbeobachtung oder eben auch den Schulgarten. Seit 2016 wird die Pflege desselben durch den Obst- und Gartenbauverein Heiningen/Waldrems/Maubach unterstützt. An diesem Donnerstag sind Marianne Gerber und Marga Fuchs vom OGV dabei, zusammen mit Lehrerin Annette Balsacq das frisch zusammengebaute Hochbeet zu befüllen und zu bepflanzen. Das macht den Kindern sichtlich Spaß – mit großer Begeisterung hüpfen sie auf der untersten Füllschicht aus Zweigen herum, um sie zu verdichten. Andere Kinder verteilen Heu um die Erdbeerpflanzen, wieder andere sind gerade damit beschäftigt, die selbst geerntete Kresse auf Frischkäsebroten anzurichten. Ein Duftmemory gibt es auch. In Filmdosen sind Kräuter, die aromatisch duften, die dazugehörigen Pflanzen stehen am Rand des Beetes. Und daneben wiederum befinden sich Stecker mit den Namen. Das muss nun alles zugeordnet werden. Besonders beeindruckt der Coca-Cola-Strauch, der tatsächlich intensiv nach der schwarzen Brause duftet.

„Die Kinder bekommen mit, dass es schon einen Unterschied gibt zwischen gekauftem Gemüse aus dem Supermarkt und selbst angebautem Gemüse“, erklärt Annette Balsacq. Sie hatte sogar schon Kinder dabei, die vorher noch niemals eine Erdbeere gegessen hatten. Doch die Ernte ist nicht nur zum Essen da. Im letzten Jahr etwa wurde mit Roter Bete Papierbatik gemacht. Und aus den angepflanzten Kräutern und Gemüsen wurde ein Suppengewürz hergestellt, das die Eltern geschenkt bekommen haben und das sehr gelobt wurde. Auch in diesem Garten ist immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen. Das im letzten Jahr ausgesäte Getreide ist zuerst erfroren und beim zweiten Versuch wurden die Samen von den Vögeln gefressen. Doch das gehört dazu.

Den elf Kindern der Gruppe gefällt es auf jeden Fall sehr gut. Hier wird das Gärtnern tatsächlich mit fast allen Sinnen erlebt – riechen, fühlen, sehen und, was vielleicht am wichtigsten ist, das verdiente Schmecken.