Misteln drehen Bäumen den Saft ab

Streuobstwiesen in Gefahr – Gemeinde Weissach im Tal betreibt Verjüngung – Mostviertel plant Kampagne zur Mistelplage

Immer Ende April bis Anfang Mai leuchten die Streuobstwiesen strahlend weiß. Doch das Blütenmeer in der landschaftsprägenden, wertvollen Biotopstruktur der Baumbestände ist in Gefahr: Misteln setzen den Bäumen zu. Die immergrünen Büschel, die im Winter besonders gut zu erkennen sind, haben sich zur echten Plage entwickelt.

Ein schönes Gewächs, aber eine Gefahr für die Streuobstwiesenbestände in der Backnanger Bucht: Experte Ingo Seiter hat ein stattliches Mistelexemplar vom Ast geschnitten. Fotos: J. Fiedler

Von Armin Fechter

WEISSACH IM TAL. Warum ist die Mistel so gefährlich, obwohl sie doch von alters her besonders geschätzt wird? Ingo Seiter, der Streuobstwiesenfachmann aus Berglen, hält gerade ein Exemplar in der Hand: „Die Mistel bedrängt den Baum auch im Winter“, erklärt er. Das immergrüne Gewächs zwingt seine Wirtspflanze das ganze Jahr über dazu, Wasser und Nährstoffe zu liefern. Bei entsprechenden Minusgraden mit tödlichen Folgen. „Der Baum kann erfrieren“, warnt Seiter. Und selbst wenn es nicht dazu kommt: „Irgendwann versorgt der Baum nur noch die Misteln.“ Dann stellt er sein eigenes Wachstum ein und geht zugrunde.

Den Vögeln, die die Mistelsamen verbreiten, mag Seiter aber nicht die Schuld an der Misere geben, die sich immer weiter ausgebreitet hat. „Es gibt nicht mehr Vögel als früher, im Gegenteil.“ Ursache ist aus seiner Sicht vielmehr, dass die Baumpflege nicht mehr so konsequent betrieben wird wie in der Vergangenheit. Das betrifft nicht nur Grundstücke, deren Eigentümer sich aus unterschiedlichsten Gründen – beispielsweise altershalber – nicht mehr darum kümmern können. Auch kommunale Baumstücke sind mitunter betroffen. Denn oftmals dienten Streuobstwiesen als probates Mittel für ökologische Ausgleichsmaßnahmen, wurden dann aber nie mehr richtig gepflegt, schimpft der Experte.

„Heute gehen wir einen anderen Weg“, sagt Seiter und lobt die verbesserte Zusammenarbeit zwischen ehrenamtlichem Engagement im Naturschutz, den Umweltbehörden und den Kommunen. In Weissach im Tal engagiert sich Seiter im Rahmen der Streuobstkonzeption des Landes Baden-Württemberg für die Baumpflege. Das auf fünf Jahre angelegte Projekt, das sich als Angebot insbesondere auch an private Stücklesbesitzer richtet, läuft mittlerweile im dritten Jahr. Jeder gemeldete Baum wird im Projektzeitraum zweimal geschnitten. Pro Schnitt gibt es dazu eine Landesförderung von 15 Euro plus eine Gemeindeförderung von 5 Euro. Bislang wurden dabei 5516 Streuobstbäume geschnitten, 1117 sogar schon zum zweiten Mal. Eine Besonderheit stellt dabei das Projektgebiet Rufenklinge bei Unterweissach dar, wo es um die Verjüngung älterer Bestände geht, teils durch Reaktivierung vergreister Bäume, teils durch Neupflanzungen. Manche Stämme bleiben dabei auch als Totholz stehen. Ziel ist eine gesunde Mischung, die unterschiedlichen Tierarten eine Heimat bietet. Das Gesamtpaket bringt der Gemeinde am Ende voraussichtlich rund 113000 Ökopunkte ein.

An der Pflege der gemeindeeigenen Streuobstwiesen sind in Weissach im Tal auch ehrenamtliche Helfer aus den Obst- und Gartenbauvereinen Cottenweiler und Oberweissach sowie der Gartenfreunde Oberweissach-Bruch beteiligt. Sie verbrachten wieder zig Stunden damit, den Bäumen den richtigen Schnitt zu verpassen. Auch Einzelpersonen wie Werner Mattern aus Wattenweiler und Walter Maier haben, wie die Gemeinde mitteilt, dazu beigetragen, die Obstbäume frühjahrstauglich zu schneiden.

Die Mistelsorgen betreffen freilich nicht allein die Gemeinde Weissach im Tal oder das Weissacher Tal als Ganzes, sondern gehen weit darüber hinaus. Deshalb hat sich jetzt auch der Verein Schwäbisches Mostviertel der Sache angenommen und für nächstes Jahr eine große Kampagne zur Mistelbekämpfung ins Auge gefasst. An deren Anfang soll eine Bestandsaufnahme stehen, welche Flächen befallen sind. Grundstücksbesitzer, Obst- und Gartenbauvereine, ehrenamtliche Helfer und sonstige Interessierte sollen ins Boot geholt werden, um ein Netzwerk aufzubauen. Vorgesehen ist zudem, die Aufklärungsarbeit zu forcieren und Experten für Vorträge zu engagieren. Die Kommunen selbst haben allerdings, wie Sandra Krauß vom Weissacher Bürgermeisteramt erklärt, keine rechtliche Handhabe gegenüber privaten Eigentümern, ihnen bleibt bislang nur, zur Beteiligung an der Baumpflege aufzurufen.