Vierbeinige Individualisten lehren Geduld

Heike Kirchner hält sich als Hobby ein Eselquartett – Im Umgang mit den Langohren ist Überredungskunst gefragt

Als Hobby, als Ausgleich zum Beruf hält Heike Kirchner seit 25 Jahren Esel. Vier drollige Langohren sind auf der steilen Wiese unterhalb der Straße, die Spiegelberg mit Jux verbindet, zu Hause – darunter zwei reinrassige Pyrenäenesel aus Frankreich, einer davon mit doppelter Staatsbürgerschaft. Ein Besuch bei Individualisten, die den Menschen den Spiegel vorhalten.

Asou in der traditionellen „Arbeitskluft“ der Esel. Als Arbeitstier in der Landwirtschaft ist der Esel in Frankreich wieder im Kommen. Heike Kirchner hält ihre Tiere als Hobby. Fotos: A. Becher

Von Nicola Scharpf

SPIEGELBERG. Clio ist der Kommunikative des Quartetts. Er trompetet, wenn Heike Kirchner ihr Auto zu Hause, am gegenüberliegenden Hang im Wohngebiet um das Schul- und Sportgelände gelegen, anlässt und er den Klang schon von Weitem erkennt. Sarah ist die Spezielle der Truppe. Zickig kann sie „Keinohresel“ spielen, die langen Lauscher also dicht anlegen, wenn sie richtig sauer ist. Wenn sie merkt, dass es ihren Menschen nicht gut geht, ist sie anhänglich und versucht, zu trösten. Sie guckt nach den anderen Mitgliedern der Eselfamilie, besonders nach Oscar. Der kleine Bulgare ist mit seinen 38 Jahren zugleich der Älteste – zäh, schwerhörig und inzwischen vielleicht ein bisschen dement, vermutet Heike Kirchner. Weil es mit dem Beißen nicht mehr so recht klappt, bekommt er Brei aus einem ausrangierten Kochtopf, serviert im Separee – und darauf besteht er. Schließlich ist da noch Asou, der eigentlich 30 Zentimeter kleiner hätte sein sollen, als er tatsächlich ist. Asou, der Sensible, der Angsthase, der Fremden und neuen Situationen mit Skepsis begegnet und der die Futterschüsseln der Eselfamilie apportieren kann.

Wenn Heike Kirchner von ihren Eseln erzählt, vom Wesen der Esel im Allgemeinen oder ihrer Haltung spricht aus ihr Jahrzehnte währende Erfahrung und Liebe. Die Liaison begann, als die 48-Jährige ein Kind war, als das Reiten, Ponys und Pferde angesagt waren. Es gab auch einen Esel. „Ich fand den Esel toll.“ Vor 25 Jahren kam sie über ein Inserat in der Kleinanzeigenzeitung „Sperrmüll“ an Oscar, den ein bulgarischer Händler abzugeben hatte. Damit Oscar nicht alleine war, bekam er einen Eselfreund. Als dieser 2010 starb und Oscars Trauer darüber herzerweichend war, kam Sarah, ein französischer Mischlingsgroßesel, als neue Gesellschaft. Heike Kirchner wünschte sich einen reinrassigen Großesel – italienische, spanische oder französische Rassen wären infrage gekommen. Des Italienischen und Spanischen nicht mächtig, grub sie nach 20 Jahren ihr Schulfranzösisch wieder aus, trat in Kontakt mit einem südfranzösischen Züchter und war schließlich Besitzerin von Asou. Der reinrassige Pyrenäenesel hat mittlerweile die doppelte Staatsbürgerschaft, weil er auch im deutschen Zuchtbuch eingetragen ist. Bei einem Besuch bei einem französischen Züchter hängte sich schließlich Clio, auch reinrassiger Pyrenäenesel, an Heike Kirchners Rockzipfel: „Wenn der Esel sich seinen Menschen aussucht, dann passt es“, kommentiert sie. So kam’s zum Spiegelberger Vierergespann. Seit 2012 ist es auf der steil abfallenden Wiese unterhalb der Straße, die den Hauptort mit Jux verbindet, zu Hause. Dicht säumen Bäume und Büsche das eineinhalb Hektar große Gelände ein. Eine Holzhütte dient als Futterkammer, Lager und den Tieren als Unterstand. Die Vierbeiner haben Trampelpfade angelegt, die das üppige Grasgrün des Hanges durchziehen. Auf die benachbarte Wiese mit Apfelbäumen dürfen sie nicht. Sie fressen gerne Holz und machen die Bäume so kaputt.

Heike Kirchner hält die Tiere als Hobby, um den Stress in ihrem Beruf als Radiologie-Assistentin auszugleichen. „Der Esel spiegelt seinen Menschen“, sagt sie. Er testet seinen Menschen, probiert aus, wo die Grenzen sind. „Esel sind keine Pferde mit langen Ohren.“ Das Pferd sei ein hierarisches Tier. Der Esel entscheide situativ. So gebe es auch kein festes Leittier in der Herde, auch das komme auf die Situation an. Man sagt Eseln nach, dass sie stur und störrisch sind. Das sind sie nicht, so Kirchner. „Der Esel muss seinem Menschen vertrauen. Einem Pferd kann man befehlen, einen Esel muss man überzeugen und mit einem Muli muss man verhandeln.“ Viel Zeit und viel Geduld kostet die Überzeugung des Esels mitunter. „Mal so gschwind läuft nie was. Auch sich etwas Festes mit dem Esel vorzunehmen, geht nicht.“ Es komme nicht von ungefähr, dass Tiertherapie mit Eseln momentan boome. „Esel sind die Delfine an Land. Sie bringen einen runter.“

In Frankreich ist der Esel als Arbeitstier wieder im Kommen, sagt Heike Kirchner. Auf kleinen Parzellen im Bioanbau würde er zum Eggen und Pflügen eingesetzt. Es gebe sogar eine Schule für die Ausbildung von Eseln in der Landwirtschaft. Auch zum Landschaftsschutz werden Esel eingesetzt. Oder als Fotomodell: Clios Vater wurde, ein Aktmodell auf dem Rücken tragend, für einen Kalender der Aidshilfe Trier abgelichtet. Esel sind eben multifunktionale Individualisten.