Freiraum für die nächste Generation

Sozialarbeiterin Nicole Martin berichtet über Veränderungen im Jugendzentrum – Publikum ist jünger und weiblicher geworden

Mitte Mai sind es drei Jahre, die Nicole Martin nun als Sozialarbeiterin im Jugendzentrum Murrhardt tätig ist. Was hat sich verändert, wenn sie an ihre ersten Arbeitswochen im Vergleich zu heute denkt? „Im Grunde genommen alles, vor allem die Jugendlichen, also auch das Publikum hat sich gewandelt“, sagt sie mit einem Lächeln.

Nicole Martin erzählt, dass sich im Jugendzentrum richtig viel getan hat. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Es klingt erst einmal logisch: Eine neue Sozialarbeiterin zieht neue Jugendliche an, unter denen auch mehr Juzegängerinnen sind. Aber hinter dieser Veränderung steckt auch eine Menge persönlicher und professioneller Einsatz, und sie passiert nicht von heute auf morgen. Zu Beginn von Nicole Martins Arbeit stand der Wunsch, das Jugendzentrum Murrhardt wieder stärker für jüngere Leute zu öffnen, ihnen Brücken zu bauen. Das hatte auch damit zu tun, dass eine relativ große Gruppe Jugendlicher zwischen 18 und 23 Jahren, viele mit türkischen Wurzeln, noch relativ präsent war, an die die Jüngeren nicht ohne weiteres anknüpfen konnten.

Also führte Nicole Martin einen Teenietag ein, der sich explizit an die Jüngeren richtet. Nach rund einem Jahr erweiterte sie das Angebot um einen zweiten Tag. Die Freude der Clique der Älteren hielt sich in Grenzen. „Sie waren nicht begeistert, weil das bedeutete, dass sie auch ein Stück weit Vorbild für die Jüngeren sein mussten. Aber meine Haltung war, dass das Jugendzentrum nicht ihnen alleine gehört“, erzählt Nicole Martin.

Mit den durchgestandenen Konflikten wächst das Standing

Allmählich findet eine Ablösung, ein Generationswechsel statt. Dieser Umbruch ist mit den ersten Berufserfahrungen der Sozialarbeiterin verbunden. „Es gab natürlich Durststrecken, manchmal bin ich hier auch alleine gesessen“, sagt sie. „Ich hab aber auch viel gelernt in dieser ersten Zeit.“ Als Sozialarbeiterin heißt es, sich nicht alles zu sehr zu Herzen nehmen, sich abzugrenzen, Konflikte durchzustehen. Zu letzterem gehört mittlerweile ein besseres Standing bei den Jugendlichen genauso wie die Einsicht, selbst nicht ganz fehlerfrei (gewesen) zu sein. „Was ich anfangs schwer fand, ist, dass man ganz alleine arbeitet, also keinen Austausch mit Kollegen hat.“ Zwar setzte Holger Mangold, damals noch beim Projekt Brückenschlag, in ihren Anfängen alles daran, sie einzuführen, und auch eine Fachberatung hilft ihr bei der Selbstreflexion, doch im Alltag heißt es trotzdem, alleine seine Frau zu stehen.

Sie muss klare Zeichen setzen, wenn ihr die Bubbeleien zu wild werden oder der Umgang – sei es über Gesten oder Schimpfwörter – Respektlosigkeit ausdrückt. Ihr Durchhaltevermögen zahlte sich aus, es wurden mehr Jugendliche, die ihren Weg ins Jugendzentrum finden. „Die Gruppe ist jetzt gut gemischt, es sind wieder mehr Mädchen dabei, was anfangs nicht so der Fall war.“ Mittlerweile sind es 81 Jugendliche, die regelmäßig vorbeischauen, von ihnen 49 Jungs und 32 Mädels. Generell reicht die Altersspanne bei den männlichen Besuchern von 8 bis 20 Jahre, die Besucherinnen sind zwischen 11 und 18 Jahre alt.

Die Tatsache, dass auch recht junge Gäste ins Jugendzentrum kommen, versucht Nicole Martin mit einer Zweiteilung der Teenietage aufzufangen. Die Anfangszeit ist für die Jüngeren (ab acht Jahre) reserviert, die logischerweise einen anderen Betreuungsbedarf haben als Jugendliche und sich dann um 17.30 Uhr verabschieden müssen. Dies ist auch eine Konsequenz daraus, ebenso den Älteren ihren Frei- und Entspannungsraum bieten zu können – jenseits besagter Vorbildfunktion und einem von Jungstern dominierten Lautstärkepegel. „Eigentlich ist die gewünschte Alterspanne in einem Jugendzentrum zwischen 12 und 18 Jahre, das Durchschnittsalter bei uns liegt um die 14 Jahre.“ Nicole Martin freut sich über den neuen Publikumsschub, auch wenn sich der Alltag dadurch nun wieder verändert hat.

Die Schwierigkeit liegt jetzt darin, die pädagogische Arbeit mit solch einer großen Gruppe zu vertiefen. Was sind überhaupt die Themen, die auftauchen? Zurzeit Musik und Kampfsport. Hip-Hop und Rapp stehen bei den Jugendlichen hoch im Kurs, und wer sich an eigenen Texten versucht, kann sie mit Beats übers Smartphone oder Boxen austesten. Auch die eine oder andere Tanzsequenz wird da schon mal ausprobiert. „Wenn die Jugendlichen im Juze experimentieren und das zeigen, bedeutet das für mich, dass sie sich relativ wohl hier fühlen“, sagt Nicole Martin. Nun gibt es in der Rapperszene Vertreter und Texte, die nicht erst seit dem jüngsten Skandal um den Musikpreis Echo als problematisch gelten. Nicole Martin spricht die frauen- und minderheitsverachtende oder gewaltverherrlichende Botschaften in den Liedern manchmal an. Der Tenor sei dann, dass die Jugendlichen die Lieder zwar – mehr oder weniger bewusst – hören, sich den Aussagen so aber nicht anschließen würden. Gerne würde sie nach Möglichkeit einmal einen Workshop anbieten, bei dem die Jugendlichen ihre eigenen Gedanken zu Papier und Song bringen können und dabei von jemand professionell begleitet werden.

Bei Projekten und Wünschen müssen die Jugendlichen mithelfen

Ein weiteres Thema ist Kampfsport, bei dem die jungen Leute ihrer Beobachtung nach gut miteinander umgehen. „Sie regeln viel unter sich, das ist für mich spannend zu beobachten. Ich muss da ganz selten eingreifen.“

Heute schaut Nicole Martin noch stärker danach, was die Jugendlichen interessiert und möglicherweise als Projekt weiterverfolgen wollen. „Wenn sie etwas wollen, müssen sie mithelfen.“ Das ist auch der mittlerweile großen Gruppe geschuldet, die sich im offenen Treff einfindet. Dadurch, dass sie die Aufsichtspflicht hat, sind die Möglichkeiten einer intensiveren pädagogischen Arbeit begrenzt. „Früher hab ich auch mal jemand bei einem Bewerbungsschreiben geholfen, das geht jetzt so nicht mehr“, sagt Martin. Zwar hat sie mit den Kollegen und Kolleginnen von Arche, Brückenschlag und der Schulsozialarbeit ein Netzwerk aufgebaut, und gemeinsam kann so manches Extraangebot gemacht werden, doch auch bei der Kernarbeit im Jugendzentrum fände sie es wertvoll, ein Stück erweitern zu können. Warum nicht über eine weitere pädagogische Fachkraft nachdenken? Es ist schwer, mit einer Großgruppe von 40 Besuchern beispielsweise eine gemeinsame Kochaktion zu stemmen. Für die Mädchen ist nun ein Workshop (Mädchenzeit) mit Kolleginnen geplant, doch auch die Jungen wären gern berücksichtigt. Nicole Martin fände es schön, die pädagogische Arbeit weiter vertiefen zu können.

Nicht zu vergessen ist die Zusammenarbeit mit dem Vorstand des Jugendzentrumvereins. Das Haus ist eines der noch wenigen selbstverwalteten im Kreis, Martins Stelle wird aber von der Stadt Murrhardt finanziert. „Ich versteh mich gut mit dem Vorstand, habe viel Freiraum bei der Arbeit“, sagt sie, wobei sie auch mal eine moderierende Rolle einnehme. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen des Vorstands bieten selbst Veranstaltungen – offene Abende und Konzerte – an. Mitte Juni wird übrigens das 45-jährige Bestehen des Hauses gefeiert. Zudem kommen die Aktionen und Angebote der Reihe „Vielfalt tut gut“, zu dem das Organisationsteam regelmäßig im Jugendzentrum tagt. Es gibt also genug zu tun...