Bahn gewinnt gegen Auto

Die Austauschredakteure Achim Kienbaum und Ina Matthes haben sich als Pendler auf den Weg gemacht

Achim Kienbaum und Ina Matthes starten am Backnanger Bahnhof: Er mit dem Auto, sie mit der Bahn.

Von Achim Kienbaum

7.39 Uhr vor dem Backnanger Bahnhof. Der Motor läuft, die Kollegin Ina Matthes ebenfalls – ich, um meinen Wagen anzutreiben, den ich möglichst zügig zu unserem Treffpunkt am Stuttgarter Marienplatz steuern soll, sie zum Bahnsteig, um dort zeitgleich die S-Bahn nach Stuttgart zu nehmen. Der große BKZ-Pendlertest kann beginnen, die beiden Reingeschmeckten sollen am eigenen Leibe erfahren, was für viele Backnanger auf dem Weg zur Arbeit in der City der ganz normale Wahnsinn ist.

Um es gleich mal klarzustellen: Wahnsinn ist was ganz anderes, eure Probleme möchte ich haben, liebe Leute. Die vielsagenden, leise mitleidig oder noch leiser fast hämischen Blicke der heimischen Kollegen bei der Aufgabenverteilung in der Redaktionssitzung in meine Richtung, Matthes die S-Bahn, Kienbaum das Auto, hatten mich deutlich Schlimmeres befürchten lassen als das, was mich dann gestern Morgen auf der rund 35 Kilometer langen Strecke über die B14 in die Stadt tatsächlich erwartet.

Demütige

Lemminge

Sicher, es ist eine Menge los, nachdem ich in Backnang-Mitte auf die Bundesstraße aufgefahren bin. Einsamkeit überkommt mich in den kommenden 70 Minuten zu keiner Sekunde, ich reihe mich ein in den Zug der modernen Lemminge und strebe in Demut und nicht annähernd die Kapazitäten meines Renners ausschöpfend meinem Ziel entgegen. Aber wahr ist auch: Niemals steht man so ganz auf der B14 an diesem Morgen, jedenfalls nicht, bis ich langsam und dann immer langsamer ins Herz von Stuttgart rolle.

Vorher immer mal wieder stockender Verkehr, ja, aber für jemanden, der einen beträchtlichen Teil seiner Lebenszeit in schier endlosen Staus und in schierer Verzweiflung am Westhofener Kreuz vergeudet hat, da, wo sich A1 und A45 in die Quere kommen, erscheint das Durchschnittstempo bis weit hinter Bad Cannstatt geradezu rasant.

Dann allerdings kommt, was wohl in jeder größeren deutschen Stadt kommen muss: Der mehr oder weniger dauerhafte Stillstand. Nachdenklich schweift mein Blick immer wieder ab auf die parallel zur Straße verlaufende Stadtbahnstrecke, wo die Linie 9 der U-Bahn regelrecht an mir vorbeifliegt – ob mich in einem der Wagen gerade die Kollegin auf dem Weg mit einem milden Lächeln im Gesicht überholt hat?

Das aktivierte

Westhofen-Chakra

Aber es nützt ja nichts, ich finde meine innere Mitte, aktiviere mein Westhofen-Chakra, verdränge missgünstige Gedanken, konzentriere mich stattdessen auf den allzu ruhenden Verkehr und fließe schließlich ganz entspannt dem Ziel entgegen. Oder besser gesagt: bis in seine Nähe. Denn bevor ich meinen allenfalls lauwarm erhitzten Kleinwagen rotzfrech und höchst illegal direkt auf dem Marienplatz parke und dabei seine umgehende Konfiszierung riskiere, suche ich einen unbedenklichen Rastplatz für mein Auto und finde ihn, auch hier nach einer im metropolen Vergleich durchaus akzeptablen Zeit. Finale 400 Meter Fußweg weiter, et voilà: Ich steh am Marienplatz. Die Kollegin ebenfalls, sie wartet bereits auf mich (siehe nebenstehenden Artikel).

Rückfahrt in

schlanken 35 Minuten

Wie zügig sich der motorisierte Mensch ohne durch was auch immer verursachte Verzögerungen zwischen Stuttgart und Backnang bewegen kann, zeigt sich anschließend auf der Rückfahrt. In schlanken 35 Minuten bin ich zurück am Ziel, und das unter Einhaltung aller Tempolimits, innerlich aber klammheimlich beflügelt vom Anblick der zahllosen Karossen auf der Gegenfahrbahn, die gerade auf dem Weg in die Stadt nicht annähernd so schnell vorankommen, wie es ihre Lenker gerne würden. Möglicherweise ist da das Westhofen-Chakra lädiert, oder eine generelle Neujustierung des Empfindens für Geschwindigkeit wäre hilfreich – da will ich mich nicht festlegen. Bin ja nicht von hier, und als Verlierer sollte ich mich mit guten Ratschlägen sowieso zurückhalten.

Von Ina Matthes

Das erste Gefühl am Morgen beim Blick aus dem Hotelfenster ist: Neid. Mein Kollege darf mit dem Auto nach Stuttgart fahren. Ich muss die Bahn nehmen. Ausgerechnet heute regnet es in Strömen.

Der Bahnhof in Backnang ist vom Hotel nach zehn Minuten zu Fuß erreicht. Was mir als Erstes auffällt: Am Bahnhof scheint es ausreichend Parkplätze zu geben. Ein großer Platz und noch viele Stellplätze frei. Wenn ich von Frankfurt an der Oder nach Berlin pendeln will, ist die Parkplatzsuche in Bahnhofsnähe meist ein zeitraubendes Problem.

Die erste Hürde am Bahnhof von Backnang bildet dann der Fahrkartenautomat. Ich will mit der S-Bahn nach Stuttgart und dann weiter per U-Bahn zum Marienplatz. Welches Ticket brauche ich? Eine ältere Dame, die auch gerade einen Fahrschein ziehen will, hilft. „Nehmen Sie Stadtmitte.“ 6,50 Euro kostet das Einzelticket. Ich schiebe einen 20-Euro-Schein in den Automatenschlitz. Den schluckt er nicht, nur Zehner. Also erst mal schnell zum Bäcker laufen, Geld wechseln.

„Vielleicht gebe ich ihr doch
besser die Note Zwei“

7.41 Uhr fährt die S3 Richtung Stuttgart–Flughafen/Messe. Die Bahn ist fast leer, nur wenige Leute steigen ein. Der Waggon wirkt sauber, die Sitze sind mit Stoff bezogen. Kein Kunstleder, keine Schmierereien, so wie in Berliner Bahnen, mit denen ich öfter unterwegs bin. Ich suche mir einen Platz in Türnähe. Mein Gegenüber heißt Frank Maahs und will nach Fellbach. Er pendele jeden Tag mit der S-Bahn, erzählt er. Die Hauptverkehrszeit liege zwischen fünf und acht Uhr. Voller sei es in den Waggons, wenn die Schüler pendeln. Aber die seien entweder schon früher am Morgen oder etwas später als 7.41 Uhr unterwegs.

„Wenn ich eine Schulnote vergeben sollte, dann würde ich der S-Bahn eine Drei geben“, sagt Maahs. Die Bahn habe immer mal Verspätung. Wie viel? „Na so zwei bis vier Minuten.“ Aber eigentlich sind die paar Minuten nicht wirklich ein Problem, räumt er dann ein. Seit einigen Jahren verkehren auf der Strecke moderne Züge. Es ist sauber, man sitzt gut. „Also, vielleicht gebe ich ihr doch besser die Note Zwei.“ Für Frank Maahs, der als technischer Redakteur bei einem großen Technologieberatungsunternehmen in Fellbach arbeitet, ist Bahnfahren „einfach ideal“. Teurer als das Auto sei die S-Bahn nicht. Von den Fahrtkosten her lägen beide gleichauf. „Autofahren ist mir zu stressig“, meint er. Im Zug fährt es sich entspannter. In Backnang bekomme man eigentlich auch immer einen Sitzplatz. Nach gut 20 Minuten ruhiger Fahrt ist Fellbach erreicht. Frank Maahs steigt aus – weit hat er es jetzt nicht mehr. Seine Firma liegt gleich am Bahnhof.

Das Display zeigt völlig andere Stationen – ist das der falsche Zug?

Je weiter sich die Bahn Stuttgart nähert, desto voller wird es. Ab Bad Cannstatt müssen die ersten Zugestiegenen in den Gängen stehen. Mein Ziel ist der Hauptbahnhof. Von dort will ich mit der U-Bahn weiter. Ein Display im Zug zeigt mir die nächsten Anschlüsse und die Zeit: 8.18 Uhr, drei Minuten Verspätung. Den Zugang zum richtigen U-Bahn-Gleis finde ich am Hauptbahnhof schnell. Er ist gut ausgeschildert: U12 Richtung Dürrlewang. Zwei Minuten Wartezeit, dann rollt schon der Zug an. Auch hier bin ich angenehm überrascht – moderne, helle Waggons. Es steigen auch keine musizierenden Bettler zu, die oft durch Berliner U-Bahn-Wagen lärmen.

Am Charlottenplatz wechsle ich in die U1 Richtung Vaihingen. Und stutze: Nach drei Stationen müsste der Marienplatz erreicht sein. Das Display mit dem Fahrverlauf aber zeigt nicht den Marienplatz an, sondern völlig andere Stationen. Bin ich auf der falschen Linie? „Die Anzeige funktioniert nicht“, beruhigt eine Mitreisende. „Der Zug fährt nach Vaihingen und normalerweise kommt er auch da an.“

Die nächste Station ist dann bereits der Marienplatz. Geschafft. 8.40 Uhr. Ich habe fast genau eine Stunde gebraucht. Sieg. Der Auto fahrende Kollege trudelt mindestens zehn Minuten später ein. Ich hatte eine entspannte Fahrt, ohne Zugausfall, weil die Türen mal wieder nicht schließen, wie ich das aus Berlin kenne. Gut, dass ich Bahn fahren durfte.