Gefährliche Situationen meistern lernen

Die israelische Verteidigungstechnik Krav Maga findet immer mehr Anhänger Techniken sind einfach zu erlernen

Krav Maga – hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Selbstverteidigungs­technik, die ihre Wurzeln im israeli­schen Militär hat. Sie ist einfach, schnell erlernbar und setzt neben Abwehr­techniken auch auf Vorbeugung, siche­res Auftreten und Verhältnismäßigkeit. In Backnang hat kürzlich bereits die zweite Schule hierfür eröffnet.

Kräftigung und Konzentration: Felix Remppel (rechts) bringt die Truppe rund um Thomas (links) ganz schön ins Schwitzen. Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG. „Ich bin der Bad Guy, ich schlag dich jetzt“, ruft Felix Remppel seinem Schüler zu und macht seine Ankündigung sofort wahr. Der Attackierte reißt die Hände hoch und wehrt den Schlag mit beiden Unterarmen ab. Nach dieser Demonstration sind die rund 20 Kursteilnehmer an der Reihe. In Zweierteams üben sie, wie man einen solchen Angriff abwehrt. Manche gehen etwas zögerlich vor, andere langen kräftig hin. Mugging heißt beim Krav Maga diese Trainingsform, in der die Schüler mit einer Bedrohungssituation wie einem Überfall oder einem Vergewaltigungsversuch konfrontiert werden.

Bei Krav Maga ist keine Körperregion tabu

Das Repertoire der Verteidigung ist vielfältig: Abwehrschläge mit der Faust oder dem Ellenbogen, Tritte mit dem Fuß oder dem Knie, aus sitzender, stehender oder liegender Position. Die Schüler lernen auch, wie man einen Angriff durch mehrere Personen abwehrt. Oder wenn eine Waffe im Spiel ist. Im Gegensatz zu anderen Kampftechniken ist keine Körperregion des Gegners tabu, wenn es darum geht, sich zu wehren, es gilt das Recht auf Notwehr. Besonders realitätsnah wird es beim sogenannten Drill. Dabei wird ein Adrenalinstoß wie in einer realen Gefahrensituation provoziert, indem die Teilnehmer unter Stress gesetzt werden: durch körperliche Erschöpfung, Reizüberflutung oder einen Überraschungseffekt.

Zum Konzept von Krav Maga gehört auch die Prävention. Die Teilnehmer werden darin geschult, es gar nicht erst zu einem Konflikt kommen zu lassen: Wie vermeide ich eine gefährliche Situation? Auf welche Alarmzeichen muss ich achten? Wie weiche ich einem Konflikt aus? Aber auch: Wie begegne ich einer verbalen Belästigung, um eine weitere Eskalation zu vermeiden? Wichtig sind in einer solchen Situation auch die Körperhaltung, das Auftreten, das Selbstbewusstsein. Standing nennt es Felix Remppel, Inhaber der Schule „Krav Maga sicher und schnell“, die kürzlich in Backnang eröffnet hat.

Im Unterschied zu den fernöstlichen Kampftechniken wie Judo oder Karate zählt Krav Maga nicht zu den Sportarten, es finden keine Wettkämpfe statt. Und man muss nicht jahrelang trainieren, um sich wirksam verteidigen zu können, erläutert Felix Remppel. „Die Abwehrtechniken basieren auf Reflexen und Verhaltensmustern, die jeder sowieso hat. Und das Schöne ist: Hier ist die Konstitution sekundär.“ Darum trainieren bei ihm Menschen, die ganz unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen: Anfänger und Fortgeschrittene, Sportliche und weniger Trainierte, Junge und Ältere. Auch ein Polizist und ein Berufssoldat sind unter den Teilnehmern. „Da trainieren auch mal eine 55-Kilo-Frau und ein 120-Kilo-Mann zusammen“, sagt Remppel. Auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen wie etwa einer Vorerkrankung könnten eine gewisse Wehrhaftigkeit erreichen.

Krav Maga ist hebräisch und bedeutet Kontaktkampf. Der Boxer und Ringer Imrich Lichtenfeld entwickelte die Selbstverteidigungstechnik in den 1930er-Jahren in der Slowakei, um den dort lebenden Juden eine Methode an die Hand zu geben, sich gegen antisemitische Übergriffe zu wehren. Nach seiner Emigration nach Israel wurde Lichtenfeld Nahkampfausbilder in der israelischen Armee. In den folgenden Jahrzehnten wurde Krav Maga auch für den zivilen Bereich adaptiert und verbreitete sich weltweit. Auch heute wird die Methode bei der Polizei und beim Militär eingesetzt, etwa bei der Bundeswehr im Rahmen von Einzelkämpferlehrgängen. Privatpersonen nutzen Krav Maga nicht nur zur Selbstverteidigung, sondern auch zur Verbesserung der Fitness und zur Stärkung der Persönlichkeit.

Bei Krav Maga ist keine Körperregion tabu

Zum Beispiel Thomas. Der 27-jährige IT-Fachmann, der früher Taekwondo gemacht hat, begann vor anderthalb Jahren mit Krav Maga und war sofort begeistert. „Das ist eine gute Mischung aus Fitnesstraining, Selbstverteidigungstechniken und Auspowern. Und es macht einfach Spaß“, findet er und fügt hinzu: „Es bringt einiges für einen selbst.“

Diese Erfahrung hat auch Bettina gemacht. Am Anfang hatte die 40-Jährige Bedenken, ob ihre körperliche Kondition ausreicht. Schließlich hatte sie wenig sportliche Vorkenntnisse aufzuweisen. Dann packte sie der Ehrgeiz: „Ich habe knallhart trainiert, bis zum Umfallen“, erzählt sie. Inzwischen hat sie sich dank Krav Maga in ihrer Persönlichkeit weiterentwickelt. „Ich habe es geschafft, über meine Grenzen zu gehen und habe dadurch Freiheit gewonnen. Wenn ich nachts alleine unterwegs bin, weiß ich, dass ich jede Situation meistern kann. Ich habe mich total verändert, bin ruhiger, habe mehr Power, eine andere Körperhaltung. Das hat mir unglaublich viel gebracht.“