Miteinander auf Augenhöhe

Bürgerpreis-Kandidaten 2018: In der Band „The Cool Chickpeas“ musizieren junge Menschen mit und ohne Behinderung

Inklusion gelingt bei „The Cool Chickpeas“ spielerisch – junge Musiker mit und ohne Behinderung formen die Band. Das Hauptziel ist es, so Manager Thomas Wildermuth, Jugendlichen mit Beeinträchtigung eine nachhaltige Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen, bei der sie ihre Talente entfalten können.

Tim Dörfler, Birgit Kneiser und Felix Walter sorgen für den richtigen Sound. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Im Obergeschoss des Bandhauses Backnang herrscht reges Treiben. Es dauert einige Minuten, bis alles bereit ist und die „Cool Chickpeas“ mit ihrer Bandprobe überhaupt starten können. Das Stativ fürs Keyboard muss gerichtet werden, die Trommeln werden in den Ständer eingespannt, Samara Wildermuth ist ein wenig unsicher, ob sie mit ihrer Erkältung überhaupt singen kann. Dann ruft Musiklehrer Stanley McKee seine Schützlinge zur Ordnung und es kann losgehen. Den Song „Havana“ von Camila Cabello haben die Chickpeas neu einstudiert. „Das geht schon viel besser“, erzählt McKee. „Anfangs war es sehr schwer mit der Konzentration.“ Zehn der 13 Bandmitglieder haben eine Behinderung. Dementsprechend wählt Stanley McKee die Lieder, mit denen er langsam, aber stetig das Repertoire der Band erweitert, mit Bedacht aus. „Ich muss mich danach richten, wie gut sie es bewältigen können“, sagt der gebürtige Ire. „Es soll ja ordentlich klingen.“ McKee verzeichnet aber auch große Fortschritte bei seinen Schülern: Um „Havana“ einzuüben, hätten die „Cool Chickpeas“ nur etwa zwei Monate gebraucht – weitaus weniger als für die anderen sechs Lieder in ihrem Repertoire. „Die Lernkurve zeigt nach oben. Vielleicht nicht so steil wie bei anderen Bands, aber das ist okay. Es ist eine enorme geistige Anstrengung, das Gelernte dann auf der Bühne umzusetzen“, stellt der Musiklehrer fest.

Ihren Ursprung haben „The Cool Chickpeas“ in der Schülerband „2cool4school“ der Bodelschwinghschule in Murrhardt. 2015 formierte sich dann unter dem Dach des Forums für Teilhabe der Lebenshilfe Rems-Murr die Band unter dem Namen „The Cool Chickpeas“ (Die coolen Kichererbsen). Die meisten Bandmitglieder waren damals noch im Teenageralter. Thomas Wildermuth, Samaras Vater und Manager der Band, machte sich auf die Suche nach Kooperationspartnern für die musikalischen jungen Leute und fand diese in der Backnanger Jugendmusikschule. Dort dürfen die Kichererbsen nicht nur proben, sie bekamen auch einen erfahrenen Musiklehrer. „Stanley McKee hatte bis dato keine Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Handicap, wollte aber auf seine ganz normale Art und Weise diese Band voranbringen“, erzählt Wildermuth. Seitdem gibt er alle zwei Wochen eine Stunde Unterricht.

Unterstützend haben sich auch noch aus den Reihen der Jugendmusikschule neue Bandmitglieder gefunden. Der Abiturient Eddie Schatz gibt nun am Schlagzeug den Takt vor, an seiner Seite spielt Moritz Hohnerlein ebenfalls Schlagzeug oder Percussion. Der junge Mann mit Downsyndrom kann sich an Schatz orientieren. Carmen Koblinger unterstützt die Band an verschiedenen Stellen, etwa am Keyboard, und Ann-Sophie Schaal singt und spielt Akkordeon. Bei „Havana“ ist Samara Wildermuth beispielsweise noch etwas zögerlich und verlässt sich auf ihre Gesangspartnerin. Dass sie aber auch ganz anders kann, zeigt sie bei der nächsten Nummer „I love Rock’n’Roll“. „Jetzt wird’s ein bisschen lauter“, warnt Stanley McKee, dann schmettern Samara Wildermuth und Ann-Sophie Schaal auch schon los. Das Halsweh scheint vergessen.

Bezüglich des Musikstils sind die „Cool Chickpeas“ nicht festgelegt. Neben Pop und Rock spielen sie auch den einen oder anderen Schlager oder bauen eine Rap-Einlage ein – und sie sind immer mit Feuereifer dabei. „Ziel ist immer, anhörbare Musik mit Lebensfreude und jugendlicher Energie zu präsentieren“, sagt Thomas Wildermuth. Bei „Wahnsinn“ von Wolfgang Petry etwa ruft die ganze Band im Chorus „Hölle, Hölle, Hölle“, Tim Dörfler schüttelt eifrig die Chicken Shakes – ein Percussionsinstrument ähnlich einer Rassel – und tanzt ganz ausgelassen dazu. „Du bist ja wie ein Hooligan drauf heute“, kommentiert Stanley McKee lachend. Der musikalische Leiter weiß die Leidenschaft seiner Schützlinge zu schätzen. „Das machen sie richtig gut: Die lassen die Sau raus!“ Da macht es dann auch nichts mehr aus, wenn mal ein Ton danebengeht.

Das große Ziel der Band ist die Teilnahme am Musikfestival

„Makellos“ in Südkorea 2020

„Sie sind schon eine richtige Band geworden“, beschreibt Birgit Kneiser das Zusammenspiel der 13 jungen Menschen. Kneiser ist sozialpädagogische Leiterin, Coach und Elternbetreuung bei den Chickpeas. Sie ist bei jeder Probe dabei. Wenn, wie an diesem Abend, mal jemand ausfällt, greift sie sogar selbst zu den Percussionsinstrumenten. Die geistig behinderten Musiker begleitet sie schon, seit diese sich in der Bodelschwinghschule zusammengefunden haben. Dass sich nun auch noch drei Musiker ohne Behinderung dazugesellt haben, sieht sie als großartigen Beitrag zur Inklusion. „Carmen hat im Ballettunterricht eine Gruppe von Behinderten gesehen und wollte sich einbringen“, erzählt Kneiser. So sei sie bei den Kichererbsen gelandet und sei nicht mehr wegzudenken.

Inzwischen haben die „Cool Chickpeas“ auch schon diverse Auftritte in der Umgebung gemeistert, beispielsweise bei der Bandnight im Merlin in Backnang, der Weihnachtsfeier des Hauses Elim, beim Jubiläum eines Hospizvereins, bei Vernissagen sowie bei einem Kooperationskonzert mit dem Akkordeonorchester Weissach im Tal. Und sie werden regelmäßig für weitere Gigs angefragt. Am 8.Dezember sollen sie etwa in Schorndorf ein Rolling-Stones-Tribute-Konzert zugunsten der Lebenshilfe eröffnen.

Das große Ziel der inklusiven Band ist jedoch eine Teilnahme am Musikfestival „Makellos“ in Südkorea 2020. „Dafür sammeln wir gerade Geld“, erklärt Bassist Felix Walter. Der junge Mann, der in einer Bäckerei arbeitet, weiß genau, worum es geht. Als Teil der Schulband „2cool4school“ ist er bereits 2014 zum Festival für Menschen mit und ohne Behinderung nach Peking gefahren. „Ich spiele schon seit zehn Jahren in der Band“, verkündet er mit Stolz. Dass manche Songs gar nicht so einfach zu erlernen sind, nimmt Felix Walter mit einem Schulterzucken hin. „Ich habe mich an das alles gewöhnt“, sagt er ganz cool.

  In einer Serie stellt unsere Zeitung die acht Kandidaten vor, die beim Bürgerpreis Rems-Murr für den Leserpreis der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung nominiert sind. Ab dem 16. Juni können die Leser abstimmen und ihren Favoriten wählen.