Die Kunst der effizienten Fortbewegung

Mit großem Einsatz, aber auch viel Spaß erlernen Anfänger in Backnang die Kunst der Sport- und Bewegungsart Parkour

Verwundert bleiben die Menschen stehen, die vom oder zum Wochenmarkt unterwegs sind. An der Fassade der Pestalozzischule klettern beziehungsweise hangeln sich Menschen entlang. Es sind die Teilnehmer eines Kurses, die hier die Kunst des Parkours erlernen. Eine Sport- und Bewegungsart aus Frankreich, die immer mehr Menschen fasziniert.

Scheinbar schwerelos über Hindernisse: Wenn man Parkour erst einmal richtig beherrscht, sehen die Übungen ganz locker aus. Bis es jedoch so weit ist, fließt manch ein Tropfen Schweiß. Fotos: A. Becher

Von Andreas Ziegele

BACKNANG. „Die Idee, einen solchen Kurs anzubieten, entstand tatsächlich durch einen Beitrag der Backnanger Kreiszeitung vom vergangenen November“, sagt Claudia Krimmer, stellvertretende Vorsitzende der TSG Backnang Turnen. Sie sah darin die Chance, mit einem neuen Angebot vor allem Jugendliche – und damit die Zielgruppe, die droht, dem Sport verloren zu gehen – abzuholen. Wie richtig die Entscheidung war, zeigte das Interesse von vorwiegend Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Nun fand bereits die vierte von insgesamt zehn Übungseinheiten statt, und die Teilnehmer zeigen, dass sich die Fortschritte, die man macht, schon nach kurzer Zeit einstellen. Geleitet wird das Training an diesem Tag von Jessica Wolf von der Parkour-Community aus Stuttgart. Der eigentliche Trainer, Dennis Eitle, weilte an diesem Wochenende im Urlaub. Wie bei jeder anderen Sportart geht es auch beim Parkour mit dem Aufwärmen los. Wobei Aufwärmen bei Temperaturen von nahezu 30 Grad eine ganz andere Bedeutung bekommt. Die ersten Schweißtropfen fließen hier schon nach kurzer Zeit. Anschließend begeben sich die Sportler zu den Holzbalken im Schatten der Turnhalle bei der Schillerschule. Hier geht es vor allem um Übungen zum Gleichgewicht und der Balance. Zwei wichtige Dinge bei dieser Sportart. Aber es dreht sich nicht nur um den Sport allein, wie Jessica Wolf erläutert: „Wir wollen den Teilnehmern auch Werte vermitteln. Denn Parkour ist nicht nur eine Bewegung, sondern es steckt eine gewisse Philosophie dahinter.“ Achtsamkeit mit sich selbst und für die Umwelt sowie der Respekt vor anderen Menschen sind Werte, die hier sportlich erlernt werden können, erklärt die Trainerin weiter. „Wir wollen auch nachhaltig trainieren. Keiner soll sich bei diesem Training kaputtmachen.“

Laut Wolf ist Parkour keine Fortbewegungsart für das tägliche Leben, sondern die Kunst der effizienten Fortbewegung, auch über Hindernisse hinweg. „Im Alltag kommt man eigentlich nicht in Fluchtsituationen, in denen man Parkour dann auch einsetzt“, erläutert sie mit einem Schmunzeln. Es geht auch darum, zu lernen, mentale Grenzen zu überwinden. Das siebenköpfige Teilnehmerfeld an diesem Trainingstag ist auf jeden Fall mit Eifer bei der Sache. Die Altersspanne reicht von 10 bis 30 Jahre, aber auch ältere Semester könnten diesen Sport ohne Probleme erlernen.

Und die Motivation für die Teilnahme am Kurs ist auch von Teilnehmer zu Teilnehmer unterschiedlich. Jeremy Kühne aus Steinbach hat schon als Jugendlicher Interesse an Parkour gefunden und es auf eigene Faust ausprobiert. „Das hat aber nicht so richtig geklappt, da die Anleitung fehlte“, sagt der heute 25-Jährige. Er ist mit Spaß dabei und möchte nach eigener Aussage auch etwas für seine Fitness und sein Gewicht tun. Auch er hat über den Bericht in der BKZ zu diesem Kurs gefunden.

Der zwölfjährige Florian Ullmann hingegen hat von dem Kurs durch eine Internetrecherche mit seiner Mutter erfahren und sich dann spontan für die Teilnahme entschieden. Der Älteste im Feld ist an diesem Tag der 32-jährige Tobias Hipp. „Mit jeder Einheit merkt man, dass man bei der Balance sicherer wird“, ist seine Erkenntnis aus den vergangenen Trainingseinheiten. Der Backnanger betreibt Parkour vor allem aus Fitnessgründen und als Abwechslung zum Schreibtisch und Büroalltag. Richtig begeistert klingt die zwölfjährige Sara Bohaltea aus Backnang: „Ich habe schon viel mehr Kraft in den Händen bekommen.“ Sie gibt aber auch zu, dass am Anfang die Angst mitgespielt hat. „Aber die geht mit der Zeit weg, je mehr man probiert“, sagt sie und begibt sich zur nächsten Übungsstation.

Außer blauen Flecken
keine Verletzungen

Diese nächste Herausforderung ist die schon erwähnte Fassade der Pestalozzischule. Hier kann es einem beim Zusehen schon etwas mulmig werden. Die Traceure – so nennen sich die Parkoursportler selbst – hangeln sich ohne Sicherung und Schutzausrüstung wie Helm oder Handschuhe an der steinernen Außenwand entlang. Alles kein Problem, wenn man die Trainerin Jessica Wolf fragt. „Wichtig ist die Selbsteinschätzung. Was kann ich und was traue ich mir zu“, sagt sie und ergänzt, dass es in der Zeit, seit sie Trainerin ist – und das sind schon ein paar Jahre – außer ein paar blauen Flecken noch keine Verletzungen gegeben hat. Weitere Stationen an diesem Tag sind noch der Park am Schillerplatz und der Annonaygarten.

„Wenn das Interesse bestehen bleibt, wird es auch weitere Kurse geben“, sagt Claudia Krimmer. Erschwinglich sind die Kurse allemal. TSG-Mitglieder bezahlen für den Kurs 30 Euro und Nichtmitglieder 60 Euro. „Das sind ein beziehungsweise zwei Euro für eine Stunde Sport unter Anleitung“, ergänzt Krimmer.