Eine geballte Ladung Vielfalt

Murrhardter Sommerpalast geht in seine 22. Runde – Hardy Wieland über Parallelen zwischen dem Kulturfestival und seinen Gästen

Der Sommerpalast blickt auf eine beachtliche Karriere zurück. Das Murrhardter Kulturfestival geht mittlerweile ins 22. Jahr. Für Hardy Wieland ein Grund, stolz zu sein. Der Sommerpalast „zeigt im fortgeschrittenen Alter mehr denn je, auf vielfältigste Weise, sein kleines Universum der künstlerischen und kulinarischen Leckerbissen“, so die Einordnung im aktuellen Programmheft.

Die israelisch-kanadische Sängerin Yael Deckelbaum (in der Mitte links) hat sich mit vielen anderen Frauen in die Bewegung „Woman Wage Peace“ (Frauen wagen Frieden) eingereiht, die sich für ein Friedensabkommen zwischen Israel und Palästina einsetzt. Foto: privat

Von Christine Schick

MURRHARDT.Wenn Hardy Wieland auf den Sommerpalast angesprochen wird, erzählt er erst einmal vom Helfertreffen, von der Spielfeldaufteilung einer Palastküche, vom Libero und wie sich neu hinzugestoßene Aktivisten einreihen und einfuchsen können. Das hat seinen guten Grund, denn das Murrhardter Zeltfestival ist zwar über die Stadtgrenzen hinaus für seine spannenden Gäste aus der internationalen, europäischen und deutschen Kulturszene bekannt, für den Cheforganisator und Palastpapa steht aber vor allem das beispielhafte Miteinander der Ausrichter und Gastgeber im Zentrum. „Der Sommerpalast ist ein Projekt, bei dem Menschen ohne Hierarchiestufen zusammenarbeiten und das dabei im besten Sinne für Vielfalt steht“, sagt er. Rund 180 Helfer braucht es, um die Zeltstadt zu stemmen und die 1000 Essen am Abend an die Besucher zu bringen, sprich Lebensmittel zu organisieren, vorzubereiten, zuzubereiten und zu servieren. Der kleine Arbeitskosmos benötigt viele Ehrenamtliche, und so bleibt es nicht aus, dass Jugendliche neben Erwachsenen und Senioren, Akademiker neben Handwerkern und Verwaltungsleute neben Stadträten stehen, um die Kultur- und Festküche am Laufen zu halten.

„Im Helferteam bildet sich die

komplette Gesellschaft ab“

„Im Helferteam bildet sich eigentlich die komplette Gesellschaft ab. Die Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen arbeiten zusammen, es ist ein produktives, friedliches Miteinander, bei dem man Spaß miteinander hat.“ Über die Jahre hat sich die Palastküche ausdifferenziert, und so gibt es Jobs, die Erfahrung brauchen, genauso wie solche, die auch für einen Neueinstieg geeignet sind. Dahinter steht ein ausgefuchstes System, welches das Miteinander ermöglicht und unterstützt. Der „Finisherbereich“, in dem die edlen Speisen auf einem Besucherteller zusammenfinden, funktioniert beispielsweise mit einem Steckkartensystem, oder der Libero ist derjenige, der in der Palastküche danach schaut, dass es den Köchen gut geht und der auch mal einspringt, wenn sie eine kurze Pause brauchen.

Auch im Vorfeld geht es letztlich um ein gutes Zusammenspiel: Bei den Zutaten für die Speisen achtet das Team darauf, dass so viele Lebensmittel wie möglich von Direktvermarktern und Produzenten aus der Region verwendet werden, was beim Gemüse und Fleisch leichter ist als beim Fisch. Auch Landwirte aus der direkten Nähe hat man schon angesprochen, wobei Kleinbetriebe das Problem haben, dass ihre eigenen Kunden bei einer Belieferung des Sommerpalastes leer ausgehen würden. Eine weitere Idee: Mal über einen gezielten Anbau fürs Festival beispielsweise von Frühkartoffeln nachdenken, aber das ist noch Zukunftsmusik. Für Hardy Wieland ist es immer wieder faszinierend, wie beim Sommerpalast alle so selbstverständlich und eigenverantwortlich – man könnte sagen kulturübergreifend – zusammenarbeiten.

Auf einer anderen Ebene wiederentdeckt hat er all das in einem Video, als es um die aktuelle Programmzusammenstellung ging. Die Rede ist von Yael Deckelbaum&The Mothers, eine israelisch-kanadische Singer-Songwriterin und Friedensaktivistin und ihre Mitstreiterinnen. Die Aufnahmen zeigen die Musikerinnen als Teil der Bewegung „Women Wage Peace“ (Frauen wagen Frieden), die mit einem Marsch durch die Wüste friedlich für ein Friedensabkommen zwischen Israel und Palästina demonstriert und dabei Jüdinnen, Muslima, Christinnen, Israelitinnen und Palästinenserinnen zusammenbringt. Auf ihrer Europatour kommen Yael Deckelbaum&The Mothers (20. Juli) nun auch zum Sommerpalast im Stadtgarten.

Als die Marx Brothers der Klassik bezeichnet werden Luca Domenicali und Danilo Maggio im Programm (18. Juli). Die beiden Italiener, die als Microband ihre Auftritte bestreiten, machen sich mit Hochgenuss und dem dazu notwendigen Können über die heilige Welt der Klassik her – zerfleddern die Kompositionen geradezu, um sie später wieder auf nie gehörte Weise zusammenzusetzen. Die Programmmacher sind überzeugt, dass das Musik-Comedy-Duo nicht nur für Klassikfans ein Hochgenuss ist.

Wer Wortspielereien und Kalauer mag, ist bei den Brüdern Volker und Thomas Martins alias Chaostheater Oropax richtig. Ihr Programm trägt den Untertitel „die Open-H-Air-Spezial-Show“ (19. Juli), was darauf verweist, dass die zwei nicht nur durch Sprachakrobatik, sondern auch durch ungewöhnliche Kostüme und großen Körpereinsatz glänzen.

Apropos Körpereinsatz: Für den Klassiker, das Sommerpalast-Varieté (21. Juli), haben sich acht Artisten angesagt, die ihre Ausbildung vor drei Jahren in der Berliner Artistenschule abgeschlossen haben und nun wieder gemeinsam eine Show in Murrhardt präsentieren. Und beim Jazzfrühschoppen erwartet die Gäste diesmal geballte Frauenpower: Als mobile Band sind die vier Frauen von Brassappeal musikalisch im und mit dem Publikum unterwegs (22. Juli).

Knedl&Kraut (22. Juli), das sind die drei urbayerischen Musiker Toni Bartl, Daniel Neuner und Juri Lex, die mit ihrer „Wirtsstub’n to go“ und den entsprechenden Instrumenten durch die Lande ziehen. Gespannt sein darf man auf die ganz unterschiedlichen Charaktere der drei – genauso wie auf die vielen ungewöhnlichen Arbeitsgeräte, wie das Schaufelcello, die Schubladen- oder Heugabel-E-Gitarre. Auch die Stimme wird virtuos genutzt: Daniel Neuner karikiert in einer Weltreise die verschiedensten Länder und deren Sprache in eigenwilligen Liedern, die allerdings schwerlich zu übersetzen sein dürften.

Ebenso bedacht ist das junge Publikum. Zu Gast ist der Liedermacher Tom Lugo (19. Juli) mit seinem Programm Abenteuermusik zum Mitmachen und Entdecken. Außerdem gibt der Circusverein Neumarkt (20. Juli) eine Vorstellung: Die 20 Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sind alle zwei Jahre mit einer neuen, großen Bühnenshow unterwegs.