Die Texte erreichen das Herz der Zuhörer

Bernd Hecktor aus Weissach im Tal war zusammen mit anderen Preisträgern des Landschreiber-Wettbewerbs in Neuharlingersiel

Beim fünften, bundesweit ausgeschriebenen Landschreiber-Wettbewerb „Sprache und Elemente“ der Internationalen Gesellschaft für Sondersprachenforschung mit Sitz in Münster hat Bernd Hecktor in der Sparte Mundart mit seinem „Luxusrendner“ den ersten Preis gewonnen. Damit verbunden ist ein Aufenthalt in einer Autorenresidenz bei Neuharlingersiel. Mittlerweile war der Weissacher dort und sagt: „Es war eine ganz anregende, spannende Zeit.“

Die Landschreiber-Preisträger 2017 vor dem Klaus-Störtebeker-Haus beim Schreibaufenthalt in Groß-Holum/Neuharlingersiel (von links): Silvia Lenzing (Preisträgerin 2014, Prosa), Bernd Hecktor (Mundart), Sabine Frambach (Prosa), Jürgen Flenker (Lyrik) und vorne Julia Reiss (3. Platz Prosa).

Von Ingrid Knack

WEISSACH IM TAL. Der gemeinsame Aufenthalt der Gewinner des Landschreiber-Wettbewerbs in dem Warfendorf Groß-Holum bei Neuharlingersiel an der Nordsee ist neben der Möglichkeit zum Austausch mit Gleichgesinnten dazu gedacht, in einer ganz besonderen Atmosphäre literarisch zu arbeiten. Allerdings sollen sich die Ausgezeichneten thematisch und sprachlich an der Küstenregion orientieren.

Bernd Hecktor ist Pfälzer. Geboren in Kaiserslautern, aufgewachsen in Hauenstein in der Südwestpfalz, das im dortigen Dialekt „Hääschde“ heißt. Als auf jeden Fall gefühlter Hääschdner lebt er schon lange im Exil in Schwaben, wie er zuweilen spitzbübisch zu sagen pflegt. Eine Geschichte aus jenem Hääschde brachte Bernd Hecktor zu den „Plattsnackern“, wobei Platt und Platt ja nicht dasselbe sein muss. Auch „Plattdüütsch“ kann sich je nach Region immer wieder anders anhören. Für einen Pfälzer sei Plattdeutsch sehr schwierig, räumt der Preisträger ein. Doch in der Gegend wird auch für alle gut verständliches Deutsch gesprochen... Hecktor schrieb denn auch in seiner Groß-Holumer Zeit vier Geschichten in Standard-Hochdeutsch.

Den Zuschlag bekam er

für den „Luxusrendner“

Inspiriert von der Gegend um das Landhaus aus den für diese Gegend typischen Ziegeln, dachte sich der pensionierte Lehrer und seit einiger Zeit passionierte Autor unter anderem eine Geschichte über die Sprache am Beispiel von Ortsnamen aus. Dass es in Waldfischbach im Landkreis Südwestpfalz „würzige Wälder“ und einen Bach gibt, liegt nahe. „Die Felsen muss man sich dazudenken.“ Das „Siel“ in Neuharlingersiel weist auf einen Gewässerdurchlass in einem Deich hin. Bernd Hecktor sinniert in diesem Zusammenhang: „In der Gegend dort lässt man die Bäume nicht zu Wäldern werden, weil das Land viel zu wertvoll ist. Auf jedem Gehöft und auf jeder Warft stehen fette, knorrige Eichen.“ Er erzählt überdies davon, dass die ostfriesische Stadt Jever einmal an der Nordsee lag, und drückt seine Bewunderung für die Menschen aus, die der See so viel Land abgerungen haben.

Beim Landschreiber-Wettbewerb hatte Bernd Hecktor zwei Geschichten eingereicht. Eine davon war „Alla, die Geheimwaff vumm Pälzer“. Dabei dreht es sich um eine „Sprachgeschichte“, so Hecktor. Und dann war da noch der „Luxusrendner“, für den sich die Jury entschieden hat. „Das ist die Geschichte über meinen Freund Werner“, erklärt der Autor. Sie ist in seinem Buch „Dass lossen mer“ zu finden, das er im Dezember 2015 herausgegeben hat. „De Wärnär“ ist mit 63 in Rente gegangen, dass er deshalb aber als „Luxusrendner“ diffamiert wird, gefällt dem Verfasser ganz und gar nicht. Schließlich hat „de Wärnär“ 49 Jahre „gschafft unn gewiehlt unn in die Rendekasse iebezahlt“. Ganz im Gegensatz zu den Vorständen der 30 Dax-Unternehmen, jeder dieser Leute bekäme im Jahr 2,15 Millionen Euro Betriebsrente. Dagegen seien Werners 1700 Euro im Monat wenig.

Auch in seinen Mundartgeschichten zeigt sich Hecktor also sozialkritisch, so wie man ihn kennt. Er mischt sich ein. In der Friedensbewegung. Bei der Initiative Stolpersteine. Eben wenn es darum geht, auf himmelschreiendes Unrecht oder Ungleichgewicht aufmerksam zu machen.

Hecktor wurde obendrein attestiert, dass er schwierige Sachverhalte in einer einfachen Sprache ausdrücken kann. Zugegeben: Für Nichtpfälzer ist es nicht einfach, die Geschichten zu lesen. Bekommt man sie vorgetragen, versteht man aber „mindestens 80 Prozent“, vermutet Hecktor. Hat man sich einmal eingehört, lösen sich Verständnisprobleme tatsächlich in Luft auf.

Der Münsteraner Sprachwissenschaftler Klaus Siewert, der der Jury des Landschreiber-Wettbewerbs vorsteht, ist überzeugt davon, dass man den Dialekt aus der Heimattümelei-Ecke herausholen muss. Sehr wohl eigne sich Mundart für politische Inhalte – was gerade auch Bernd Hecktor beweise. Dieser weiß: „Das erreicht die Leute im Herzen und nicht nur im Kopf.“ Dass seine Geschichten die Menschen derart ergreifen, das rührt auch ihn. Das war schon bei seiner allerersten Lesung zum Thema starke Frauen nach dem Krieg so. Über 100 Besucher seien gekommen. „Die waren so berührt von der Geschichte. Offensichtlich habe ich den richtigen Ton getroffen.“ Kein Wunder, dass sich sein Buch gut verkauft.

Im hohen Norden redeten die Preisträger aber auch darüber, wie schwierig es ist, die eigenen Werke zu veröffentlichen, „wie die Verlage einen knechten“, und über Möglichkeiten, Lesungen zu veranstalten. Wie die während der Landschreiber-Zeit in Wiarden. Bei den Gesprächsrunden im Klaus-Störtebeker-Haus waren beispielsweise noch Lyrikpreisträger Jürgen Flenker aus Münster, der neben Gedichten Münster-Krimis schreibt, und Sabine Frambach aus Mönchengladbach, die in der Kategorie Prosa den ersten Preis bekommen hat, dabei.

Juryvorsitzender Klaus Siewert ist übrigens selbst Verleger. Der promovierte und habilitierte Sprachwissenschaftler (Germanistik) und Autor zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Publikationen hat den Geheimsprachen-Verlag gegründet. Siewert arbeitet darüber hinaus ehrenamtlich im Gesamtvorstand der Gesellschaft für deutsche Sprache mit und ist Gründer und Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Sondersprachenforschung. Hecktor: „Er hat zum Beispiel ein Buch über die Viehhändlersprache geschrieben.“

Aufarbeitungen von Skandalen

und Konsumkritik

Dass Bernd Hecktor nach all den politischen Reden, die er schon verfasst hat, auch literarisch von sich hören lässt, hängt mit einem Erlebnis bei einem Klassentreffen vor wenigen Jahren zusammen. Hecktor las dort „eine Meditation über einem Felsen am Ort“ vor. Seine früheren Klassenkameraden hätten ihn dann aufgefordert: „Mach was draus. Fang an zu schreiben. Ein halbes Jahr später habe ich bereits die erste Lesung gehalten. Ein Jahr danach war schon das Buch raus.“ Weil er über reale Menschen schreibt, bleiben Auswirkungen auf ihn selbst nicht aus: „Ich habe zu meinen Freunden und zu den Leuten, die ich interviewt habe, einen anderen Zugang gefunden.“ Seine Themen sind zum Teil sogar wichtig für die Geschichte seines Heimatorts. Mit dem erfreulichen Ergebnis: „Touristenführer müssen das Buch haben.“

Bernd Hecktor ist keiner, der sich vor Aufarbeitungen von Umweltskandalen, unschönen Begebenheiten in der Kirche, Erziehungsmethoden noch in den 1950er- und 1960er-Jahren mit Prügelstrafen oder vor Konsumkritik scheut. „Das hat unheimlich eingeschlagen.“ Auch über die „Smardphohn Seuch“ hat er sich Gedanken gemacht. Die Geschichte ist auf seiner CD „Dass lossen mer“ mit von ihm gelesenen Texten zu finden.

Laufend entstehen neue Geschichten. Rund 70 hat Bernd Hecktor schon wieder in der Schublade. Ein zweites Buch soll herauskommen. „Der Künstler hat schon angefangen, Illustrationen zu machen.“ Und: Neben der Veröffentlichung der beim Aufenthalt in Neuharlingersiel geschriebenen Texte in der Regionalpresse stehen noch die Veröffentlichung der ausgezeichneten Texte in Buchform im Jahr 2019 und eine Lesung der Preisträger am 11. November 2018 im Festsaal der Universität Münster an.