Die Waldbahn wird versteigert

Die Diesellok BR212, unterwegs von Schorndorf nach Welzheim, gibt es jetzt in limitierter Auflage als Modellbahnset

Die Diesellok BR212, regelmäßig im Einsatz auf der Strecke der Schwäbischen Waldbahn, gibt es jetzt nebst Personenwaggons als Modellset von der Firma Brawa: limitierte Auflage, 300 Stück weltweit. Der Eisenbahntreff Schweickhardt hat sich das allererste Exemplar gesichert und versteigert das Paket mit der Seriennummer 1/300 zugunsten des Waldbahn-Fördervereins.

Stefan Lau vom Eisenbahn-Treffpunkt Schweickhardt in Beinstein mit einem Exemplar der Waldbahn-Diesellok. Foto: B. Büttner

Von Peter Schwarz

WELZHEIM/WAIBLINGEN.„Keiner ist so gestört wie wir“, sagt Stefan Lau, und weil er sich auskennt in der Szene, wagen wir ihm da nicht zu widersprechen. Lau betreibt eine Art Supermarkt: Regalstraßen wie im Supermarkt, Einkaufskörbe wie im Supermarkt, Sonderangebotsinseln wie im Supermarkt. Nur gibt es hier weder Tiefkühlfischstäbchen noch Dosenpfirsiche.

Sondern Muldenkipp-, Salon- und Niederbordwagen, Dampf- und Dieselloks, fingernagelgroße Gartenmöbel, winzige schwäbische Hausfrauen beim Teppichklopfen, Bürgermeisterdäumlinge beim Fassanstich, Streupulver mittelgrün, Blütenflocken und Belaubungsmaterial, Stoßkupplungen und Tauschradsätze, Signalfernsprecher und Bekohlungsanlagen, Wassertürme und Lokschuppen – alles, was das Kind im Manne auf und neben der Schiene braucht; tausend Quadratmeter Verkaufsfläche. Und als Deko echte Mauerbrocken vom abgerissenen Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs, erworben in Tübingen bei einem interessanten Geschäftsmodell: „Secondhand-Steinehändler“.

Ein besonderes Stück

zum runden Firmengeburtstag

Eigentlich wollte der Laie von der Zeitung nur mal ganz kurz im Beinsteiner „Eisenbahn-Treffpunkt Schweickhardt“ vorbeischauen, um sich schlauzumachen über die Versteigerung der BR212. Die Remshaldener Firma Brawa hat zu ihrem 70-jährigen Bestehen ein besonderes Set herausgebracht: die Waldbahn-Diesellok nebst drei Personenwagen für 420 Euro. Und das allererste Päckchen der auf 300 Exemplare limitierten Auflage geht an den Meistbietenden.

Aber wenn wir schon mal da sind, schauen wir uns um und ruck, zuck ist Stefan Lau am Schwärmen und Schwelgen. Dafür, wie man der Modellbahnleidenschaft verfallen kann, ist er selbst ein gutes Beispiel: Er studierte Politik und Geschichte in Tübingen, lernte dort eine junge Dame aus Beinstein kennen, besuchte mit ihr den künftigen Schwiegervater, betrat dessen Laden und dachte: „Um Gottes willen, wo bin ich hier reingeraten?“ Einen Tag die Woche begann er, im Eisenbahn-Treffpunkt mitzuhelfen. „Und jetzt sind’s halt sechs Tage.“

Aber sagen Sie, Herr Lau, ist das nicht ein aussterbendes Hobby? Er lächelt. Es gibt mehr Leute, die in ihrer Freizeit die Schaffnermütze aufsetzen, als unsere Laienweisheit sich träumen lässt...

Der Waiblinger FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrich Goll: Modelleisenbahner. Hans Peter Stihl: auch. Wenn der Sänger Rod Stewart auf Tournee geht, nimmt er immer Teile seiner Anlage mit und braucht deshalb bei jeder Übernachtung zwei Hotelzimmer (rätselhafterweise heißt sein größter Hit „I am sailing“ und nicht „I am railing“). Wenn Frank Sinatra in seinem Anwesen in Palm Springs eine Cocktailparty veranstaltete, ringelte sich ein Güterzug von Zimmer zu Zimmer und brachte den Gästen die Drinks. Wenn Horst Seehofer nicht gerade die Kanzlerin quält, spielt er im Hobbykeller Stellwerkleiter. Und die Modellbahn des legendären Rockmusikers Neil Young füllt eine komplette Scheune. Und Nachwuchs? Gibt es stetig, sagt Lau. „Viele 40-Jährige“, die einst als Kinder ein Bähnle hatten und danach „durchs Leben gehechelt sind, geheiratet, Karriere gemacht, Kinder gekriegt haben“, fragen sich irgendwann: „Und was ist eigentlich mit mir?“ Und entdecken ihre alte Liebe wieder. Auch „Großväter mit Enkelkindern“ tauchen regelmäßig im Eisenbahn-Treffpunkt auf. In Schorndorf gebe es eine Familie, „da kommt schon die vierte Generation zu uns“.

Der Gartenbahn-Profi steht

neben dem Modell-Eisenbahner

Wer sich einen Eindruck von der Vitalität der Szene verschaffen will, braucht bloß ans Zeitschriftenregal im Eisenbahn-Treffpunkt zu gehen: Da steht der „Gartenbahn-Profi“ neben dem „Modell-Eisenbahner“, der „Eisenbahn-Kurier“ neben dem „Eisenbahn-Journal“, das „Eisenbahn-Magazin“ neben dem „Lok-Magazin“.

In Laus Laden gibt es, und das fasst der Laie nun endgültig nicht mehr, sogar „Landschaftsbau-Seminare“: Zu den Fortbildungen reisen Leute aus Bayern und Hessen, der Schweiz und Kroatien an und basteln gemeinsam en miniature „Weinberge wie im Remstal“. – Aber halt, wir wollten ja über die Versteigerung der BR212 reden.