Führung zu Blutsaugern und zu einer Domina

Theater Rietenau lädt beim Stück „Hundsnächte“ zum Theaterspaziergang ein – Über 200 Zuschauer aufgeteilt in vier Gruppen

Das Nachtleben im Aspacher Ortsteil Rietenau hat es in sich. Insbesondere in den „Hundsnächten“. Das Theater Rietenau führte am Wochenende das Publikum zu Polarlichtern und Blutsaugern und sogar zu einer Domina.

Im Stück „Hundsnächte“ führen die Theaterleute dem Publikum Menschen vor, die lieben, träumen, aus dem Nachtkästchen plaudern und singen. Foto: J. Fiedler

Von Heidrun Gehrke

ASPACH. Der Theaterspaziergang beginnt mit Mückenspray. „Benutzen Sie es, eine Station ist von Blutsaugern bewohnt“, kündigt Regisseurin und Reiseleiterin Lea Butsch den Gang in die Brutgebiete der Rietenauer Schnaken an. Nicht nur das Stechvieh ist in den Hundsnächten besonders rege, der ganze Ort lebt: Im Stück „Hundsnächte“ führen die Theaterleute dem Publikum Menschen vor, die lieben, träumen, plaudern aus dem Nachtkästchen und singen. „Die Nacht ist ein verführerisches Weib und dazu da, dass etwas passiert, ihr werden schon sehen“, sinniert Dorfbewohner Alfred über das, was den über 200 Zuschauern widerfährt, die in vier Gruppen aufgeteilt in einen Wirbel an Szenen starten, rund ums Thema Nacht, grandios gespielt vom Theater Rietenau in malerischen Ecken des Dorfs und mitten auf der Straße:

Emmy sucht aufgeregt ihren Jakob, der „wie ein Blitz aus dem Bett“ gesprungen ist. Drei jugendliche Frauen rappen und reimen an der Bushaltestelle im Stil eines Poetry Slam über sich und die Welt, weil im Dorf nichts los ist. „Der Nachbar hört mit“ könnte über der Szene „Umverteilung“ stehen: Beim Dorftratsch, dem Facebook von damals, sollte man eben auch darauf achten, dass er nicht in falsche Ohren gelangt. Sonst erledigt ein nächtlicher Einbrecher die Umverteilung des Tresorinhalts des Nachbarn auf seine Weise, wie in der schmissigen Einbruchsszene gezeigt.

Unterwegs begegnet die Reisegruppe weiteren Nachtschwärmern: Ein Mann tritt aus einer Scheune und singt. Geschminkt wie eine Frau und im blauen Abendkleid verkörpert er die verbotene Seite des heimeligen Dorflebens, die nachts rauskommt. Dorfalltag als schräge und schrille Inszenierung, in der hinter gepflegten Fassaden Frauen Frauen lieben und Männer zur Prostituierten „Madame Claire“ gehen: Vor ihr hätten alle „wie Katzen gebuggelt“, berichtet das Clairle von Rietenau posthum von ihrer bewegten Zeit als Inhaberin des Backnanger „Clubs Riffifi“.

„Eros im Wandel der Zeit“ sind vier Szenen im sonst für die Öffentlichkeit unzugänglichen Badpark überschrieben. Die Akteure bespielen ihn als „Mausoleum“. Verstorbene Rietenauer berichten von ihrem Hippiedasein und zeigen eine bewegende „Romeo-und-Julia-auf-dem-Dorf“-Szene rund um eine verhinderte Liebe zwischen einem Mädchen vom Krauterhof und einem geborenen Layher, zwei Familien, die seit Jahrhunderten im Clinch liegen. Auch das habe es immer auf dem Dorf gegeben, wenn auch die Familiennamen frei erfunden seien, wie Lea Butsch sagt.

Die Schuhsohlen sinken im aufgeweichten Untergrund des Parks leicht ein. Es gibt matschige Stellen, die auch über die vielen trockenen Sommerwochen nicht getrocknet sind.

Im Grünen füllen Musiker mit Cello und Akkordeon die einbrechende Dunkelheit mit Klängen

Die Theatermacher haben mit Gittern vorgesorgt, sodass trockenen Fußes die Spielorte erreicht werden, nobel begleitet von Musikern, die mitten im Grünen mit Cello und Akkordeon die einbrechende Dunkelheit klanglich füllen. Mit nachdenklichen Gesichtern, grinsend und herzhaft lachend wandeln die Besucher durch den Park, in dem Insekten flirren. Spätestens jetzt ist klar, warum das Mückenspray nicht zum Spaß verteilt wurde. Am Ausgang wartet das seltene Schauspiel der Polarlichter als Video-Installation auf sie, während sich am Nachthimmel das reale Schauspiel der Mondfinsternis anbahnt.

Sein eigenes Lebensschauspiel verarbeitet jener Herr, der neben einem Holzstoß melancholisch zurückblickt: „Als das Glück verteilt wurde, habe ich nur einen Fingerhut davon abbekommen“. Szenenapplaus für den sensiblen Einblick in die schwäbische Seele, die mit anrührender Wehleidigkeit in der Stimme erklärt, dass alles hätte anders kommen können: Wenn seine Liebe zu einer Griechin nicht von den Eltern unterbunden worden wäre, säße er jetzt auf der schönen griechischen Insel, die er in buntesten Erinnerungen ausschmückt. Jeder hat sein Päckle zu tragen in dieser bis ins Detail durchdachten, stimmigen und austarierten Mixtur aus fiktiver Ortshistorie und realem Kern. Es ist eine der Stärken des Theaters Rietenau, menschliche Schicksale amüsant und tiefsinnig vor der Dorfkulisse zu erzählen und den Figuren mit Dialekt und Wortwahl ein charakterliches Profil zu geben.

Zur lauen Sommernacht gehört unweigerlich die Liebe: Das von einer Männer- und einer Frauenstimme zart gehauchte Liebeslied „Da du min Leevsten böst“ fordert konzentriertes Zuhören. Rotlicht strahlt aus einer Garage. Der Schlüssellochblick führt ran an einen intimen Bereich Rietenaus: Frau und Mann sind zu sehen, die sich eng umschlungen und schmachtend dem Tangotanz hingeben, so mit sich beschäftigt, dass sie ihr Publikum gar nicht registrieren.

Die Zuschauer dürfen eine halbe Minute zuschauen, dann schlägt Reiseleiterin Lea Butsch das Glöckchen, die Tanzszene friert ein, die Zuschauer setzen sich in Bewegung und landen beim Tod. Dieser sitzt, getarnt als einsamer Tugendbold, mit einem Krug Most über einem Buch: „Koiner freut sich, wenn ich anklopfe, dabei bin ich doch nur für den Ausgleich zuständig“, spricht er in Rätseln. Als er die Sense herausholt, ist jedem klar, wen er vor sich hat – dramaturgisch geschickt eingefädelt und umgesetzt. Der kleine Bruder des Todes, der Schlaf, wartet im Kirchgarten: Im Kopf des Betrachters tun sich Blüten der Fantasie auf bei der „Ode an den Schlaf“. Eine Schlafende wickelt sich in weiße Tücher und feine Spitze, die traumhaft schön sind, der Schlaf singt sie zärtlichst in selbigen, ein Augen- und Gehörschmaus zum Träumen.

Mit Oden an die Nacht geht es ins Finale: „Because the night“ von Patty Smith ist in einer fabelhaften akustischen Version zu hören, später singen die Akteure gemeinsam, was jeder im Publikum nach der theatralischen „Hundsnacht“ nur allzu gut bestätigen kann: „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da, die Nacht ist da, dass was geschieht.“