Passt, wackelt nicht und hat keine Luft

Eisenbahnbehelfsbrücke über dem Buchenbach eingesetzt – Strecke ab 20. August wieder für den Bahnverkehr freigegeben

Mit 85 Tonnen wiegt sie etwas mehr als ihre Vorgängerin, schwebt aber genauso filigran durch die Luft und stellt sich ab kommender Woche in den Dienst der Deutschen Bahn: Die Eisenbahnbehelfsbrücke bei Burgstall wurde gestern Vormittag eingesetzt. Sie bleibt bis zum Jahr 2020, dann wird sie durch eine „echte“ Brücke ersetzt.

Die Behelfsbrücke wird in zwei Teilen angebracht. Sie bleibt bis zum Jahr 2020, wird danach durch eine „echte“ Brücke ersetzt. Foto: A. Becher

Von Silke Latzel

BURGSTETTEN. Und wieder schwebt in Burgstall eine Brücke beziehungsweise zwei Teile einer Brücke. Dieses Mal wird sie jedoch nicht vom Gleis auf den temporären Vorplatz gehoben, sondern genau andersherum. Am Montag wurde die alte Eisenbahnbrücke bei Burgstall entfernt (wir berichteten). Verrostet, marode und zu alt – sie hatte ihr Lebensalter erreicht und musste erneuert werden. Weil die „echte neue“ Eisenbahnbrücke aber erst im Jahr 2020 eingesetzt werden kann, muss bis dahin eine Behelfsbrücke die S-Bahnen und Güterzüge über den Buchenbach geleiten.

Jeder Handgriff sitzt, wenn das Team um Marco Henrichs sich um Brücken kümmert. Für den Projektleiter der DB-Netz AG, dem Schieneninfrastrukturunternehmen der Deutschen Bahn, ist das Versetzen von Brücken zwar eigentlich Arbeitsalltag, doch ein Projekt wie das Burgstaller zählt dann doch zu den Außergewöhnlichen. Das liegt vor allem am 1000 Tonnen schweren Raupenkran, der in diesem Fall einsetzt werden muss, weil die Gleise an ein Naturschutzgebiet anschließen und die Bäume und Sträucher nicht entfernt werden dürfen – der Kran hebt die Brücken über die Baumkronen hinweg.

Viel Fingerspitzengefühl beim

Kranführer erforderlich

Nicht nur bei der Entfernung der alten Brücke spielte diese Besonderheit eine Rolle, auch das Einsetzen der neuen gestaltet sich dadurch etwas knifflig. „Grundsätzlich haben wir es heute aber um einiges leichter als am Montag“, so Henrichs. Und tatsächlich geht das eigentliche Einsetzen, ohne Vor- und Nacharbeiten, sehr viel schneller, als man annehmen könnte.

Knapp 40 Minuten dauert es von der ersten Bewegung des Krans mit dem ersten Teil der Brücke am Haken, bis sie dann von den Profis über dem Buchenbach in Position gebracht wird. Eigentlich wäre alles sogar noch etwas schneller gegangen. Aber die Bauarbeiten werden von einem Filmteam des Fernsehsenders „Welt“ (ehemals N24) begleitet und werden Teil einer Reportage zum Thema „Großkräne im Einsatz“. Denn den zehn Millionen Euro teuren Kran, der die Burgstaller Brücken bewegt, gibt es deutschlandweit nur dreimal.

Eine weitere Besonderheit: Bei seinem Einsatz in der Rems-Murr-Gemeinde misst er zwar schon stolze 95 Meter Höhe, kann allerdings noch erweitert werden. „Wenn er zur Montage von Windkraftanlagen eingesetzt wird, kommt noch einmal ein Aufsatz auf den Kran, sodass er am Ende 167 Meter hoch ist“, erzählt Henrichs.

Die Behelfsbrücke einzusetzen bedeutet für den Kranführer viel Fingerspitzengefühl, denn ab einem gewissen Punkt arbeitet er quasi im „Blindflug“. Anweisungen bekommt er nur über Funk, die Sicht bleibt ihm durch die Bäume versperrt. „Die beiden Teile der Behelfsbrücke sind Fertigteile, die aus einem Lager kommen, in dem Brückenteile in jeder Größe und Länge liegen. Sie werden für die Zeit, in der wir sie einsetzen, auch nur gemietet“, erklärt Projektleiter Henrichs.

Insgesamt wiegt die Behelfsbrücke 85 Tonnen und damit etwa 30 Tonnen mehr als ihre Vorgängerin. Das hat auch einen Grund, so Henrichs: „Die Lasten, die eine Brücke heute tragen muss, sind viel höher als noch vor 100 Jahren, als die alte Eisenbahnbrücke gebaut wurde. Diese wurde schon mehrmals ausgebessert, weil sie durch das Gewicht der Züge schon stark beansprucht war.“ Um Nachbesserungen in naher Zukunft zu vermeiden, wurde deshalb von vorneherein schon eine stärkere Behelfsbrücke eingeplant. Und auch bei der Eisenbahnbrücke, die 2020 eingesetzt werden wird und für viele Jahre halten soll, wird gleich eine Mehrbelastung einkalkuliert.

Schweißen, Schotter auffüllen, um die Gleise auf dieselbe Höhe mit der Brücke zu bringen und mehr: Diese Nacharbeiten liegen jetzt vor dem Team rund um Marco Henrichs. Ende kommender Woche müssen die Arbeiten beendet sein, am 20. August wird die Strecke wieder für den Bahnverkehr geöffnet, auch die S4 fährt dann wieder wie gewohnt und ohne Schienenersatzverkehr. Und bis dahin soll auch die alte Eisenbahnbrücke zerlegt und abtransportiert sein.

Die Gesamtkosten für die neue Fachwerk-Stahlbaubrücke und die Behelfsbrücke inklusive der Einbauarbeiten beziffert der Bahnsprecher mit elf Millionen Euro, Stand heute.