Viel Weltklasse und ein Europarekord

Bewegende Sportmomente 14 Jahre lang sorgt die Elite des europäischen Frauen-Stabhochsprungs für Spektakel in Weissach

Klar, Uli Kohler war in Berlin. Zwei Tage lang fieberte er im Olympiastadion mit, wie Europas Leichtathletikstars um Gold kämpften. „Ich habe extra so geplant, dass ich beim Frauen-Stabhochsprung live dabei bin“, sagt der Mann, der mit DLV-Masseur Werner Sailer im Jahr 1994 ein Meeting begründete, bei dem Weltklasse-Stabhochspringerinnen 14 Jahre lang im Täle zu Höhenflügen ansetzten und sogar ein Europarekord aufgestellt wurde.

Sprang beim Weissacher Meeting vor 21 Jahren Europarekord: Angela Balakhonova. Foto: J. Fiedler

Von Uwe Flegel

„Weissach gehört zu den Geburtshelfern des Frauen-Stabhochsprungs,“ zollte der heutige Schweizer Bundestrainer und einstige DLV-Chefcoach Herbert Czingon (Mainz) den LG-Machern schon vor vielen Jahren ein großes Lob. Eines, das verdient war. In der Tat haben die Organisatoren um das Duo Sailer und Kohler Pionierarbeit geleistet. Dabei hört sich der Versuch, mit begrenzten finanziellen Mitteln eine hochkarätige Veranstaltung auf die Beine zu stellen, die am Ende auch noch einen Gewinn für die Vereinskasse abwirft, schon ein wenig nach Quadratur des Kreises an. Die Schwaben schafften’s trotzdem. Auch weil „der Frauen-Stabhochsprung damals noch in den Kinderschuhen steckte“, weiß Kohler. Doch Werner Sailer hatte beste Kontakte und wusste, dass sich in Zweibrücken und Landau eine Szene mit guten deutschen Springerinnen gebildet hatte. Zudem kannte der Weissacher Sportmasseur den Macher des Eberstadter Hochsprungmeetings, Peter Schramm, sehr gut. Da war es nicht mehr weit zur Idee, dass die Tälesgemeinde für den Frauen-Stabhochsprung das werden sollte, was das Dorf im Unterland für den Hochsprung seit Ende der 70er bereits war.

Schon die erste Veranstaltung war ein Erfolg. Eingebettet in ein Leichtathletikmeeting fieberten über 1000 Zuschauer mit, als sich deutsche Meisterinnen, spätere Weltrekordlerinnen, Medaillengewinnerinnen bei Europameisterschaften und Olympiastarterinnen wie Andrea Müller und Nicole Rieger-Humbert duellierten. Am Ende gewann Müller mit 3,93 Metern und scheiterte an 4,02 Metern und dem damit verbundenen deutschen Rekord nur knapp. Im Jahr drauf klappte es. Müller schaffte 4,06 Meter, stellte die nationale Bestleistung auf und holte sich wenig später in Zittau mit 4,18 Metern den Weltrekord. „Das glaubt dir heute kein Mensch mehr“, blickt Kohler nunmehr 67-jährig zurück und denkt dabei auch an den 27. Juli 1997. Die Ukrainerin Angela Balakhonova sprang an jenem Sonntag mit 4,36 Metern Europarekord und legte Beweis dafür ab, wie rasant sich der Frauen-Stabhochsprung und das Weissacher Meeting entwickelt hatten. Dort präsentierte sich Jahr für Jahr internationale Klasse wie die Tschechin Daniela Bartova, die in den 90ern neunmal den Weltrekord innehatte, oder die isländische Vizeweltmeisterin Vala Flosadottir, die erst in Weissach sprang und kurz darauf in Sydney Olympiabronze gewann. Da juckte es nicht, dass eine Jelena Issinbajewa oder eine Swetlana Feofanowa aus Kostengründen nie da waren.

Welchen Stellenwert das Meeting im Täle dennoch hatte, zeigt der Fakt, dass es für deutsche und ausländische Springerinnen zur Olympiaqualifikation für Sydney (2000) und Athen (2004) sowie für EM- oder WM-Qualifikationen herangezogen wurde. Auch deshalb war es selbstverständlich, dass die zur Weltspitze zählende deutsche Elite startete, und dies trotz mehrmals widrigsten Wetters. Legendär das Springen am 8. Juni 2001, als Christine Adams (Leverkusen) mit 4,35 Metern siegte und sich die damals erst 19-jährige und spätere Vizeweltmeisterin Martina Strutz bei strömendem Regen mit Taucherbrille zu 4,25 Metern aufschwang. „Wasserschlacht mit Höchstleistungen“, titelte unsere Zeitung über die Veranstaltung, bei der die jungen wie Strutz, Nastja Ryshich, Yvonne Buschbaum und Carolin Hingst den arrivierten Kräften wie Adams oder Rieger-Humbert kräftig auf die Pelle gerückt waren.

Aufwand wird stetig größer,

das Meeting immer teurer

Die zweite Generation im Frauen-Stabhochsprung war auf dem Weg nach oben. Und so, wie sich die Leistungen hochschraubten, steigerte sich der organisatorische und der finanzielle Aufwand. Ersteres auch, weil sich Werner Sailer aus dem Organisationsteam verabschiedet hatte. Als 2007 das Ende der Fahnenstange erreicht war, stellte Anna Battke (USC Mainz) mit 4,56 Metern noch einmal einen neuen Meeting-Rekord auf und Macher Uli Kohler fest, dass eine so große Veranstaltung für seinen kleinen Verein nicht mehr zu stemmen war: „Die Leute haben einfach weniger Bereitschaft, sich fürs Ehrenamt zu engagieren, das habe ich in den letzten zwei Veranstaltungen gemerkt.“ Hinzu kam, dass die Springerinnen woanders mehr kassieren konnten, und sich der an einer Stuttgarter Schule als Studiendirektor tätige Kohler aus privaten Gründen nach Donzdorf verabschiedet hatte. Die Arbeit fürs Meeting war zu viel und zu teuer. Schließlich sollte die Veranstaltung Geld in die Klubkasse bringen, und nicht Vereinsbeiträge der Finanzierung teurer Höhenflüge dienen. Selbst wenn am Ende noch ein zweites Mal ein neuer Europarekord herausgesprungen wäre.

  In der neuen Serie Bewegende Sportmomente greift unsere Zeitung Wettkämpfe, Turniere, Spiele und Veranstaltungen auf, die im Murrtal und über die Region hinaus von Bedeutung waren oder große Beachtung fanden. Veranstaltungen, zu denen die Zuschauer strömten, oder die einfach Jahre oder gar Jahrzehnte lang ein fester und wichtiger Bestandteil der Sportszene waren.