Erzieherinnen dringend gesucht

Ausbau der Kinderbetreuung erfordert von Städten und Gemeinden zusätzliche Anstrengungen bei der Fachkräftegewinnung

Allerorten bauen die Kommunen die Kinderbetreuung aus. Neue Kitas werden errichtet und zusätzliche Gruppenräume geschaffen. Für eine gute Betreuung braucht es aber nicht nur Baulichkeiten, sondern auch qualifiziertes Personal. Die wachsende Nachfrage macht sich bemerkbar: Der Markt wird enger, geeignete Kräfte zu bekommen wird schwieriger. Anzeichen dafür sind auch in Backnang und Umgebung spürbar.

„Wir haben noch nicht diese Not wie in anderen Städten.“ Regine Wüllenweber, Leiterin des Amts für Familie, Jugend und Bildung der Stadt Backnang

Von Armin Fechter

BACKNANG. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Land spricht bereits von einem Kita-Notstand. Pädagogische Fachkräfte in der Kinderbetreuung würden dringend gesucht, immer mehr Stellen könnten nicht besetzt werden. Folge: Wartezeiten für Krippen- und Kita-Plätze und Abstriche bei den Öffnungszeiten. Und es kommt noch schlimmer: „In den nächsten zehn Jahren wird rund ein Viertel der frühpädagogischen Fachkräfte aus dem Berufsfeld ausscheiden.“ Bis 2025 würden dann landesweit 20000 Fachkräfte fehlen. Auslöser ist der wachsende Betreuungsbedarf mit einem Rechtsanspruch auch für Kinder unter drei Jahren.

„Wir haben noch nicht diese Not wie in anderen Städten“, versichert Regine Wüllenweber. Die Leiterin des städtischen Amts für Familie, Jugend und Bildung stellt aber auch fest, dass die Suche nach geeignetem Personal heute mit mehr Mühe verbunden ist als früher. Die Frage, die sich zunehmend stellt, lautet: Wie ist die Zielgruppe zu erreichen? Man müsse, so Wüllenweber, zusätzlich zur klassischen Annonce in der Tageszeitung auch andere Wege gehen, in Netzwerken agieren, Flyer auflegen und auf Messen wie der Fokus Beruf werben.

Als Beispiel nennt sie die Personal-Akquise für die künftige Kindertagesstätte in der Plaisir. Die neue Einrichtung soll im Herbst – zunächst mit vier Gruppen in Containern, später mit sechs Gruppen in einem großen Neubau – an den Start gehen. Sie hat einen besonderen Schwerpunkt im sportlichen Bereich, daher wurden gezielt Erzieherinnen gesucht, die ein Faible dafür mitbringen. Was lag also näher, als den Schwäbischen Turnerbund unter dem Stichwort „Vorturner gesucht“ als Forum für Werbung einzubeziehen? Auch wenn das Motto „eher retro angehaucht“ war, wie Wüllenweber einräumt, der Ansatz hat funktioniert. Nicht zuletzt auf diesem Weg konnte der Start der Kita personell schon früh abgesichert werden. Immerhin galt es, elf Stellen zu besetzen.

Bewerberinnen orientieren sich
am Profil der Kita

„Es war die Mühe wert. Wir waren überrascht von der starken Resonanz“, bilanziert die Amtsleiterin und führt den Erfolg auch auf die spezielle Ausrichtung der Kita zurück: Wer sich auf die Stellen beworben hat, der hat dies getan, weil er sich für das Profil interessiert und die Chance erkannt hat, sich beim Aufbau selbst zu verwirklichen. Entsprechendes gelte auch im Hinblick auf andere Schwerpunkte: „Es gibt fast zu jedem Thema Plattformen für Fachkräfte“, erklärt Wüllenweber und erinnert daran, dass die Backnanger Kitas reihum ihre jeweiligen Spezialitäten haben.

Wichtig ist aus Wüllenwebers Sicht auch, eigene Nachwuchskräfte auszubilden. Da unternimmt die Stadt Backnang einiges. Im Bereich Kinderbetreuung bietet sie fünf Berufskollegiate für Erzieherinnen an, acht Plätze fürs Anerkennungspraktikum, davon sieben für Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen und einen für Jugend- und Heimerzieherinnen, ferner drei Plätze für die neue praxisintegrierte Ausbildung von Erzieherinnen (Pia) und einen Bachelor-Platz für soziale Arbeit. Darüber hinaus bekommen die jungen Erzieherinnen Gelegenheit, sich zu qualifizieren und weiterzuentwickeln. „Das hat eine positive Wirkung“, erklärt Wüllenweber, denn das gebe ihnen die Bestätigung: „Meine Leistung wird belohnt.“

Hinzu kommt schließlich noch, dass die Stadt als Arbeitgeber auf die sogenannten weichen Faktoren achten muss: Die Mitarbeiter sollen zufrieden sein und ihre Arbeit gern machen. Beim Geld sei man an den Tarif gebunden. Aber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei ein wichtiges Thema, es gelte, flexibel Lösungen zu finden, wenn jemand seine Arbeitszeiten reduzieren möchte, um beispielsweise Angehörige zu pflegen – wobei, keine Frage, in den Einrichtungen dennoch die Verlässlichkeit der Betreuung oberste Regel ist. Wüllenweber sieht aber gerade in der Mitarbeiterpflege einen Bonuspunkt für die Stadt Backnang als Arbeitgeber. Sie ist sich sicher: „Das spricht sich rum.“ Ablesbar sei dies an der hohen Zahl an Blindbewerbungen, aber auch daran, dass immer wieder Leute, die zunächst weggegangen waren, aufgrund ihrer Erfahrungen wieder zurückkommen. Dazu gehört aber auch der Gesundheitsaspekt: Lärm sei in Kitas ein großes Thema. Durch entsprechenden Schallschutz versuche man, die Belastung gering zu halten.

Mehr, als gesetzlich gefordert wird, tut die Stadt laut Wüllenweber in puncto Betreuungsschlüssel. Das mache in den Gruppen für Kinder unter drei Jahren ein Plus von insgesamt sieben Stellen aus. Fachkräfte in möglichst allen Bereichen, eine zweite Betreuungsperson ab dem 16. Kind in der Gruppe, fest angestellte Springer, die bei Ausfällen zum Einsatz kommen, und als Back-up eine lange Liste potenzieller Vertretungsspringer: All das trägt dem Gesundheitsaspekt Rechnung und sichert zudem die Qualität in der Kinderbetreuung, unterstreicht Wüllenweber und fügt hinzu: „Weil wir ein großer Träger sind, haben wir eine größere Jongliermasse.“

Dass es nicht mehr so einfach ist, das gewünschte Personal zu bekommen, haben auch die Gemeinden im Umland erfahren müssen. „Die Auswahl ist nicht mehr so wie früher“, sagt beispielsweise Christine Bintz vom Personalamt in Weissach im Tal: Während ehedem 20 Bewerbungen auf eine Stelle kamen, sind es jetzt noch fünf oder sechs. Trotzdem versichert sie: „Wir hatten nie Probleme, die Plätze zu besetzen.“ Ohnehin gebe es bei den Erzieherinnen wenig Fluktuation, die Gemeinde könne auf viele langjährige Kräfte bauen. Denn, so Bintz: „Das Arbeitsklima passt.“ Auch ein Grund zum Bleiben: Fortbildungen – fünf Tage pro Jahr, freie Auswahl – seien gewährleistet. Freie Stellen könnten häufig mit Bewerberinnen aus der Gemeinde besetzt werden, die davor auswärts, bis hin nach Stuttgart, beschäftigt waren und nun die lange Fahrt nicht mehr auf sich nehmen möchten.

Dass es der Gemeinde bislang gelinge, den Bedarf zu decken, unterstreicht auch der Aspacher Hauptamtsleiter Rolf Kirschbaum. Er setzt aber ein „knapp“ hinzu und bemerkt: „Es ist ein ständiger Kampf.“ Ausfälle hätten überbrückt werden können, ohne Öffnungszeiten einschränken zu müssen, auch dank früherer Mitarbeiterinnen, die als Aushilfen zeitweilig einspringen. Die Gemeinde lege großen Wert auf die Ausbildung eigener Kräfte, in der Erwartung, die jungen Leute hinterher übernehmen zu können. Auf diesem Gebiet sei auch Fachberaterin Katrin Trefz fest eingebunden. Online-Werbung, die Schulfremdenprüfung für ältere Interessentinnen, die sich neu orientieren wollen, Fortbildungsmöglichkeiten, Teilnahme an der Ausbildungsmesse der Conrad-Weiser-Schule: Die Gemeinde sei vielfältig unterwegs.