Probleme aus erster Hand erfahren

Der dritte Gemarkungslauf von Oberbürgermeister Frank Nopper bringt bei lockeren Gesprächen viele Erkenntnisse

In vielen Städten und Gemeinden wird es praktiziert: Mal heißt es Sommertour, an anderer Stelle Bürgertour. OB Frank Nopper nennt es ganz unspektakulär „Gemarkungslauf“. Und dieser führte ihn in der dritten Auflage gemeinsam mit dem Leiter des städtischen Baubetriebshofs, Roland Stampfl, vom Süden bis in den Norden der Murr-Metropole.

Vom Heppsee über den Plattenwald zum Stiftsgrundhof: Oberbürgermeister Frank Nopper war gestern bei seinem „Gemarkungslauf“ mit dem E-Bike, zu Fuß und in der Kutsche unterwegs. Fotos: A. Becher

Von Andreas Ziegele

BACKNANG. Es ist noch richtig kühl am frühen Mittwochmorgen, als sich zwei Radfahrer kurz nach sieben Uhr den Heppseen im südlichen Backnang nähern. OB Nopper und Roland Stampfl kommen mit E-Bikes und wollen sich über das Wassertretbecken informieren. Beeindruckt ist Nopper vor allem davon, „dass hier die Stadt überhaupt keinen Einsatz leisten muss, sondern das Engagement für die Pflege und den Betrieb von den Bürgern kommt“.

Viel Zeit bleibt nicht, denn im Alten- und Pflegeheim Staigacker wartet schon ein gemeinsames Frühstück mit Heimbewohnern und Mitarbeitern auf die beiden Vertreter der Stadt. Getrud Buchmüller, die seit zwei Jahren hier wohnt, und Irmgard Schober aus dem Multiple-Sklerose-Haus freuen sich sichtlich über die Gäste. „Derzeit sind 200 Menschen bei uns, die von 400 Mitarbeitern betreut werden“, erzählt Geschäftsführer Eckart Jost. Besonders stolz ist er auf die angegliederte Altenpflegeschule. „Wir bilden hier unseren eigenen Nachwuchs zum staatlich geprüften Altenpfleger aus.“ Daher sieht er zumindest für seine Einrichtung kein nachhaltiges Fachkräfteproblem. Sabine Schneider, Leiterin des Bereiches Pflege, macht aber deutlich, dass es Änderungen bedarf: „Die Pflege gehört anders finanziert, aber das ist für die Politik kein angenehmes Thema.“ 2550 Euro im Monat ist der Eigenanteil pro Heimbewohner. „Das kann sich nicht jeder leisten“, sagt Jost. Etwa 40 Prozent, und das mit steigender Tendenz, müssen durch das Sozialamt getragen werden. „Denn das Ersparte ist in diesem Fall schnell aufgebraucht,“ sagt Jost. Nachdenklich machen sich die Gäste dann auf den Weg zu ihrer nächsten Station.

Abnehmende Tendenz

des Vermüllungsproblems

Am Spielplatz Plattenwald wartet bereits der Gemeindevollzugsbedienstete Bernd Bracher. Einen Moment muss er sich noch gedulden, da zufällig eine Gruppe des Waldkindergartens den Weg kreuzt und der OB mit den Erzieherinnen, Müttern und Kindern ein paar Worte wechselt. Bernd Bracher kann dem Oberbürgermeister danach Erfreuliches berichten: „Seit dem 25. April führen wir hier Streifen durch“, erläutert der Vertreter des Vollzugsdienstes der Stadt. An den Wochenenden werden sie dabei von einem privaten Sicherheitsdienst unterstützt. Über 200 Kontrollen hat es seither gegeben, und die Probleme der Vermüllung und des Vandalismus auf der Anlage haben sich deutlich gebessert. „Wir treffen in rund 80 Prozent der Fälle auf einsichtige und freundliche Menschen, die dann auch unsere Anweisungen befolgen“, sagt Bracher. „Bei den anderen müssen wir schon auch mal Pöbeleien hinnehmen.“ Die Verbesserungen haben auch damit zu tun, dass es in diesem Jahr deutlich weniger Abifeiern gegeben hat, und sich die Beamten bei größeren Feiern von Verantwortlichen die Namen geben lassen. „Dadurch erreichen wir eine deutlich höhere Aufmerksamkeit hinsichtlich des Verhaltens“, ergänzt er. Und Frank Nopper sagt: „Unsere neue Strategie im Umgang mit dieser wunderschönen Anlage hat sich bewährt.“

In Steinbach warten derweil der Ortsvorsteher Martin Holzwarth mit den drei hauptberuflichen Landwirten der Teilgemeinde auf den Besuch von Nopper und Stampfl. Natürlich ist sofort der heiße Sommer ein Thema, das den Landwirten unter den Nägeln brennt. „Normalerweise haben wir um diese Zeit bereits vier Grünschnitte für die Futterversorgung der Rinder gemacht, dieses Jahr sind es erst zwei“, sagt Thomas Heller stellvertretend für seine Kollegen. Er mag trockene Jahre für seinen Betrieb lieber als nasse: „Aber dieses Jahr ist extrem!“ Falls es in der nächsten Zeit nicht zu Landregen „mit 50 bis 100 Litern pro Woche kommt“, sieht er die Fütterung seiner Tiere über den Winter gefährdet. Ein Verkauf der Rinder zur Schlachtung ist im Moment auch keine Option: „Die Rinderpreise sind in diesem Zusammenhang schon so stark gefallen, dass man im Moment keine verkaufen sollte.“

Auch ein verschmutzter Feldweg

ist Thema

Aber ein Problem liegt dann doch allen am Herzen. Es sind die Hundebesitzer, die die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner zwar in den dafür vorgesehenen Tüten sammeln, diese dann aber einfach auf die angrenzende Wiese oder das Obstbaumgrundstück werfen. Im schlimmsten Fall gelangen diese Beutel über das Futter in den Magen der Rinder und können zum Tod, oder bei trächtigen Tieren, zu Missbildungen der Kälber führen. Alles Probleme, bei denen weder der OB noch der Baubetriebshofleiter direkt helfen können. Aber dann kommt eine Nachbarin dazu und erzählt von einem verschmutzten Feldweg. Roland Stampfl greift zum Diktiergerät, der Missstand wird wohl in den kommenden Tagen unbürokratisch beseitigt werden.

Viele Stationen stehen noch auf dem Programm der städtischen Vertretung bei diesem Gemarkungslauf: Von Besuchen bei Firmen über Kindereinrichtungen bis hin zu Gesprächen mit Vertretern der Deutschen Bahn und der Besichtigung der Baustelle auf dem einstigen Klinikareal. Dabei wurde die Fortbewegungsart ebenfalls verändert. Zu Fuß werden jetzt die einzelnen Besuche absolviert. Vom Reitbetrieb Weigleshof geht es dann aber mit einer Kutsche ins Waldremser Industriegebiet. Gerne hätte der OB diese Fortbewegungsart auch für den Rest seiner Tour genutzt. Aber Ella Friedrich vom Reitbetrieb erklärt: „Meine Gäul kennet net so weit laufa wia dr OB!“. Den Abschluss eines langen Tages bildete dann – wieder per pedes – eine Streife der Polizei durch die Innenstadt, der sich der OB am Abend anschloss.