Vielversprechender Auftakt

Internationale Klavierakademie Murrhardt: Pianisten arbeiten sich beim ersten Konzert an Bach sowie jüngeren Komponisten ab

Die beiden letzten Wochen der Sommerferien sind in Murrhardt für die Internationale Klavierakademie reserviert. So kommt die Stadt mit den jungen Pianisten aus aller Welt nicht nur in den Genuss eines gewissen internationalen Flairs, sondern auch von insgesamt sechs Klavierkonzerten der Teilnehmer, die mittlerweile ihre feste Fangemeinde mit Besuchern aus Murrhardt und Umgebung haben. Wer auch in die musikalische Arbeit einsteigen möchte, hat die Möglichkeit, den Unterricht zu verfolgen.

Haben die Latte mit ihren Interpretationen hoch gelegt (von links): Soshi Koyama, Yui Takahashi, EunAe Lee, Rachel Kudo, Junjie Zhang, Albertina Eunju Song und Daniel Hyunwoo. Foto: J. Fiedler

Von Petra Neumann

 

MURRHARDT. Zum Auftakt der Teilnehmerkonzerte der Internationalen Klavierakademie Murrhardt stellten sieben Pianisten ihre Interpretationen von Werken großer Komponisten dem Publikum in der Festhalle vor. Dabei stand der Abend im Zeichen von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750).

Die erste Interpretin war Rachel Kudo aus den USA, die dieses Jahr den „Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb“ in Leipzig gewonnen hat. Aus ihrem Repertoire spielte sie die „Französische Ouvertüre h-Moll BWV 831“ des großen Barockkomponisten. Der Auftakt ist gesetzt und klingt durch die Tonart und das Gleichmaß der linken Hand gereift, sodass er zusammen mit der Melodie wie die musikalische Umsetzung des goldenen Schnitts wirkt. Alsbald jedoch erhebt sich eine feine jubilierende Weise über die Schwere und eilt mit einer Klarheit und Größe durch die Welt der Klänge, die ihr den ihr gebührenden Raum überlassen. Rachel Kudo spielte sehr konzentriert und arbeitete souverän durch feinste Nuancierungen die Essenz dieses Œuvres heraus.

Auch der aus England stammende Daniel Hyunwoo setzt sich zurzeit mit dem Komponisten auseinander. Aus dessen Übungswerk „Das wohltemperierte Klavier“ stellte er das „Präludium und Fuge fis-Moll BWV 883“ vor. Die Spielweise wie auch die Interpretation des Pianisten war sehr sensibel. Besonders bei der Fuge verwob er die feinen, ineinanderfließenden Harmonien zu einem kunstvollen Klangbild.

Schließlich trug der Japaner Soshi Koyama die bekannte „Französische Suite Nr. 4 in Es-Dur BWV 815“ vor, und zwar in einer eher legato (gebunden, ohne Unterbrechung) gespielten, unbarocken Art. Auf diese Weise wirkte die Suite in ihrer Zeitlosigkeit ungewohnt aktuell und elegant.

Die weiteren Interpretinnen hatten sich jüngere Werke ausgesucht, die das harmonische Gefüge einer in sich geschlossenen Welt aufbrechen. EunAe Lee kommt aus Südkorea und hatte sich von Franz Liszt (1811 bis 1886) das „Sonnet 104 de Pétrarque“ erarbeitet, dessen Anfangszeilen „Zum Krieg zu schwach, kann ich Frieden nicht finden“ die Schwere der Komposition vorgeben. Die Melodie ist aufwühlend und hochemotional, so sehr, dass jede einzelne Note ihren eigenen Nachhall bildet, der schwingt und zur Unruhe beiträgt, und sich zugleich zu einem neuen Ausdruck verwandelt. Die Pianistin ging gleichsam in der Musik auf, wurde eins mit dem Orkan an singender, klingender Schwingung.

Ihre Landsmännin Albertina Eunju Song trug die dunklen Wolken mit der „Sonate Nr. in d-Moll, Opus 14“ von Sergei Prokofiev (1891 bis 1953) weiter – sie ist nicht nur schwer zu spielen, sondern transportiert auch eine brodelnde, unruhige und zerrissene Stimmung. Die junge Klavierspielerin vermochte dieser ungeheuren Spannung standzuhalten und zeigte eine großartige Leistung.

Claude Debussy (1862 bis 1918) ist viel subtiler in seiner „Suite Bergamasque“. Junjie Zhang aus China konnte dieses flirrende, verwirrende Spiel mit Realitäten ganz wunderbar in zarteste Klangebilde umsetzen. Das „Prélude“ ist fein und von einer glasklaren Reinheit, so sehr, dass sie wie aus einer Parallelwelt zu kommen scheint, und sich der rauen Wirklichkeit entzieht. Erst beim „Menuet“ scheint eine Richtung eingeschlagen zu werden, doch am Ende zersplittert die Melodie in viele Facetten.

Das Konzert beendete Yui Takahashi aus Japan. Ihr Favorit war die „Variation in b-Moll, Opus 3“ von Karol Szymanowski (1882 bis 1937). Sie ist schwermütig wie ein Stück, das von der anderen, dunklen Seite erzählt. Dabei tut sich eine ganz eigene Szenerie auf, die zunächst dahinfließt, doch dann ungestüm die Grenzen des Normalen sprengt. Der Interpretin gelang eine sehr atmosphärische und sphärische Vorstellung.

Dementsprechend zufrieden zeigte sich Professor Felix Gottlieb. „Es war ein sehr gutes Konzert auf einem hohen Niveau. Zwar bin ich nicht immer mit der Interpretation einverstanden, aber der pianistische Aspekt ist ganz groß“, sagte der Gründungsvater der Akademie.