„Es gibt noch viel zu tun auf der Schiene“

Fahrgastbeirat: Seit sechs Jahren Einsatz für einen attraktiven Schienenpersonennahverkehr – Austausch mit Verantwortlichen

Die Fahrgäste sollen das „Leben in vollen Zügen genießen können“, fordert der Fahrgastbeirat. Dazu gehöre aber unter anderem, dass Bahnhöfe barrierefrei zu erreichen sind, die Pünktlichkeit der Züge gewährleistet ist und die Informationspolitik über Störungen funktioniert. Bei einer Fahrt mit Verantwortlichen auf der Murrbahn in Richtung Gaildorf tauschte man sich aus und blickte auf sechs Jahre engagierten Einsatz des Fahrgastbeirats zurück.

An den neuen Zügen werden der Komfort mit den großzügigen Mehrzweckbereichen und die barrierefreien Einstiegsmöglichkeiten für Rollstuhlfahrer und Reisende mit Kinderwagen an allen Bahnsteigen mit einer Höhe von 76 Zentimetern gelobt. Foto: A. Becher

Von Yvonne Weirauch

BACKNANG/GAILDORF.„Als Rollstuhlfahrer benutze ich seit 40 Jahren die unterschiedlichsten Schienenfahrzeuge“, berichtet Willi Rudolf. Der 73-Jährige ist Kreisbehindertenbeauftragter des Landkreises Tübingen und Mitglied des Fahrgastbeirats Baden-Württemberg. Der Rollstuhlfahrer benutzt die neuen „bwegt“-Züge vom Typ Talent 2 auf der Gäubahn des Öfteren. „Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich einen Zug sicher und selbstständig und ohne fremde Hilfe nutzen.“ Ein Statement, das nicht nur Verkehrsminister Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen) freut. Auch Matthias Lieb, Vorsitzender des Fahrgastbeirats Baden-Württemberg, und David Weltzien, DB-Vorsitzender Regionalleitung Baden-Württemberg, wissen, was es für Menschen mit Handicap bedeutet, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Auf der Gäubahn und Murrbahn werden landesweit die ersten Neufahrzeuge im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) im einheitlichen Landesdesign und mit neuen Standards eingesetzt. Was viele nicht wissen, der Fahrgastbeirat Baden-Württemberg setzt sich seit sechs Jahren für einen attraktiven SPNV ein. Minister Hermann hatte den Fahrgastbeirat 2012 ins Leben gerufen, um den Anliegen und Wünschen der Fahrgäste in Baden-Württemberg mehr Gehör zu verschaffen: „Ich denke, der Fahrgastbeirat begleitet uns kritisch, macht gute Anstöße und bringt konstruktive Beiträge. Wir sind im regen Austausch und das bringt uns auf der Schiene voran. Über den Fahrgastbeirat haben wir einen guten Draht zu den Menschen, die die Züge nutzen“, so Hermann.

Unterwegs in einem der neuen Talent-2-Züge zwischen Stuttgart und Gaildorf-West blickte man auf die gemeinsame Testfahrt im Januar 2014 zurück, bei der verschiedene Fahrzeugmodelle ausprobiert wurden. Jetzt könnten die Fahrgäste mit dem Endergebnis zufrieden sein, meint Hermann weiter. Ganz nebenbei begutachtet man, was der Fahrgastbeirat dazu beigetragen hat. Nach sechs Jahren Lobbyarbeit für einen kundenfreundlichen SPNV blickt der Fahrgastbeirat auf greifbare Ergebnisse seiner Arbeit zurück. Matthias Lieb: „Auf der ersten Sitzung des Beirats haben wir uns für das neue Baden-Württemberg-Design ausgesprochen, in den Folgejahren haben wir uns für ausreichend Beinfreiheit und bequeme Sitze und WLAN in den Zügen engagiert.“ Für die Auswahl der Sitze habe man sogar ein Probesitzen mit verschiedenen Sitzen durchgeführt. „Eine viel zu enge Bestuhlung war zuerst vorgesehen. Da haben wir energisch widersprochen. Jetzt sind annehmbare Sitzabstände gewährleistet“, freut sich Lieb. Unzufrieden ist er jedoch mit der Ausgestaltung der 1. Klasse – hier stehe der geringe Mehrkomfort in keinem Verhältnis zum Mehrpreis.

Forderungskatalog an

Minister Hermann übergeben

Die Aufteilung der unterschiedlichen Klassen wird der Einschätzung des Verkehrsministeriums nach den Bedürfnissen vieler Reisenden allerdings durchaus gerecht. Minister Hermann: „In der Vergangenheit ist insbesondere die 2. Klasse häufig überbelegt gewesen, wohingegen noch freie Plätze im Erste-Klasse-Abteil zur Verfügung standen.“ Bei der Neuaufteilung der Züge falle der Anteil des Erste-Klasse-Bereichs daher nun geringer aus, als dies bisher der Fall war. Zusätzlich wurde auch die Anzahl der Fahrradstellplätze erhöht. Auch im Komfortbereich stellten die neuen Fahrzeuge für die Fahrgäste ein attraktives Angebot dar. Kostenloses WLAN und Steckdosen stehen in allen Fahrzeugen zur Verfügung. Zusätzlich sind die Fahrzeuge nun auch vollständig klimatisiert. „Grundlegende Dinge von unseren Vorschlägen wurden umgesetzt“, so Lieb. Aber es gebe immer noch „viel zu tun auf der Schiene“. Verbesserungsbedarf sei vorhanden: „Erst wenn alles umgesetzt ist, kann sich der Fahrgast im Zug und an den Bahnsteigen wohlfühlen und sein Leben in vollen Zügen genießen.“

Mit Blick auf die Bedürfnisse der Fahrgäste hat Matthias Lieb einen Forderungskatalog an Minister Hermann übergeben. Wichtige Anliegen darin sind für alle Bahnhöfe die Herstellung der Barrierefreiheit für den Zugang zum Bahnsteig und vom Bahnsteig zum Zug, eine umfassende Mobilitätsgarantie und bessere Informationen bei Verspätungen beziehungsweise Störungen. Es sei eine Zusammenstellung der Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein müssten, „aber es eben nicht sind“.

Hermann: „All dies sind keine neuen Forderungen. Wir sind an vielen Themen dran und werden das auch weiter bleiben.“ Man werde dafür sorgen, dass beispielsweise die Bahnhöfe schöner werden, alte Bahnhofsgebäude renoviert werden: „Die Bahnhöfe sollen zu einem Mobilitätsdrehpunkt werden und ein nützlicher Zugangspunkt für das System Schiene sein“, so der Grünen-Politiker.

Und David Weltzien ergänzt: „Mit der reibungslosen und pünktlichen Inbetriebnahme des Netzes Gäu-Murr haben wir bundesweit mit Blick auf die Inbetriebnahme von Ausschreibungen die Latte hoch gehängt, da werden sich andere dran messen lassen müssen. Unser Anspruch ist es natürlich, weiterhin für einen stabilen Betrieb zu sorgen.“ Bei der Pünktlichkeit insgesamt sei man noch nicht, wo man hin wolle. „Es gibt in diesem komplexen und hoch ausgelasteten System zahlreiche Verspätungsursachen und deshalb auch nicht nur die eine Patentlösung. Wir kämpfen um jede Sekunde auf jeder Linie.“ Ausruhen wolle man sich nicht. Es gebe einige Herausforderungen, die es zu bearbeiten gelte, weiß Hermann. Doch manches sei auch nicht umsetzbar. Dem Politiker macht es Bauchschmerzen, nicht an jedem Bahnhof eine Barrierefreiheit gewährleisten zu können.

Es besteht weiter Handlungsbedarf

auf der Murrbahnstrecke

Weiteres Beispiel: ein IC-Halt in Backnang, den sich Oberbürgermeister Frank Nopper wünscht. „Das geht schlichtweg nicht“, sagt Wilfried Klenk (CDU), politischer Staatssekretär im Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg und Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Backnang, abseits des offiziellen Gesprächs: „Da würde der allgemeine Schienenverkehr leiden und vieles durcheinanderbringen.“

Der SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber nahm im Vorfeld Stellung zu den Murrbahnthemen. Er konnte nicht an der Fahrt teilnehmen. Es habe sich durchaus einiges getan in Sachen Barrierefreiheit entlang der Murrbahn, sagt Gruber. Andererseits gebe es dort aber dennoch an verschiedenen Stellen weiter einiges zu tun. Der Handlungsbedarf: Seit 2012 können in Backnang Gehbehinderte das Gleis1 auf einer Rampe erreichen. Dort ist der Bahnsteig hoch genug für einen barrierefreien Einstieg in die S4. Zur selben Zeit machte auch Fornsbach seine Gleise über Rampen zugänglich. Im Jahr darauf erhielt der Bahnhof Maubach einen Aufzug und 2016 war auch in Oppenweiler eine Rampe befahrbar. „Seither ist an den Bahnhöfen nichts mehr geschehen“, konstatiert Gruber.

Und weiter: Sollen Rollstuhl und Kinderwagen zwischen Murrhardt und Backnang ohne fremde Hilfe in einen Zug gelangen können, müssen noch die Bahnhöfe Murrhardt, Sulzbach, Oppenweiler und Backnang ausgebaut werden. In Maubach soll 2019 der Bahnsteig für die S-Bahn erhöht werden; in Sulzbach rechnet man bis 2021 mit der Inbetriebnahme des neuen Bahnsteigs. Die Termine für Oppenweiler und Backnang stehen noch aus. In Backnang, wo zudem drei Aufzüge geplant sind, hat sich der Maßnahmenbeginn aus planerischen Gründen deutlich verzögert, sodass die Große Kreisstadt beim Programm des Landes zur Bahnhofsmodernisierung im Moment nicht mehr zum Zuge kommen kann. Damit sei auch die Mitfinanzierung des Landes noch offen.