In vier Monaten nur noch FMO-Busse in Backnang

Blau-weiße OVR-Busse fahren nur noch bis Ende Dezember – 100-prozentige Bahntochter aus Schwäbisch Hall erhält bei Ausschreibung fast alle Buslinien

Die blau-weißen Linienbusse des Waiblinger Unternehmens Omnibus-Verkehr Ruoff GmbH (OVR), die seit Jahren in und um Backnang herum pendeln, werden Ende des Jahres verschwinden. Ab Januar sehen die Backnanger nur noch rot. Das ist die Farbe der Busse des Busunternehmens Friedrich Müller Omnibusunternehmen GmbH (FMO) aus Schwäbisch Hall, das den Auftrag zur Personenbeförderung erhalten hat.

Die blau-weißen Busse, die hier vereint nebeneinander im OVR-Betriebshof im Backnanger Gewerbegebiet-Süd stehen, werden im kommenden Jahr nicht mehr auf Backnanger Straßen unterwegs sein. Archivfoto: A. Becher

Von Florian Muhl

BACKNANG. Für Busfahrgäste wird sich nach dem Jahreswechsel nichts oder nicht viel ändern. Vielleicht werden sie nicht einmal bemerken, dass sie im Raum Backnang in Fahrzeugen eines anderen Anbieters unterwegs sein werden. Schuld daran hat unter anderem auch die Europäische Union (EU). Denn auf deren Druck hin müssen Buslinien öffentlich ausgeschrieben werden. Hintergrund der Vergabeverfahren ist der neue Rechtsrahmen der EU-Verordnung 1370, wonach der Aufgabenträger, im Falle der Busverkehre das Landratsamt, vom Gesetzgeber dazu verpflichtet ist, alle ÖPNV-Leistungen bis spätestens 2019 in einem europaweiten Wettbewerbsverfahren zu vergeben.

Bei den letzten Ausschreibungen, die Backnang betreffen, hatte die Bahntochter FMO die Nase vorn. Die beiden Linienbündel 9 (Backnang) und 10 (Backnang/Aspach/Kirchberg an der Murr), die bislang vom OVR betreut wurden, sowie das Linienbündel 11 (Weissacher Tal), dort sind derzeit Busse der Regionalbus Stuttgart (RBS) unterwegs, gingen an FMO. Bei allen Linien der drei Bündel starten die Haller am 1. Januar 2019. Die Aufträge wurden für sechs beziehungsweise neun und acht Jahre vergeben.

Wer den Wettbewerb um die Linien des Bündels 13 (Backnang/Sulzbach an der Murr/Murrhardt) gewinnen wird, auf denen derzeit noch RBS-Busse pendeln, steht noch aus. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Der Wechsel wird auf diesen Linien am 1. August 2019 sein. Der Auftrag zur Personenbeförderung gilt dann für achteinhalb Jahre.

„In der Tat haben die Verluste von Linienbündel ab 1. Januar 2019 zu Auftragsverlusten geführt“, gesteht OVR-Geschäftsführer Horst Windeisen auf Anfrage unserer Zeitung ein. Andererseits habe die OVR ein Linienbündel, das ab 1. August 2019 startet, hinzubekommen. Dabei handelt es sich offensichtlich um das Linienbündel 8 Winnenden/Berglen. Mehr wollte Windeisen zu dem Thema zunächst nicht sagen.

Die Busse der Haller Firma Friedrich Müller Omnibusunternehmen werden in Rot unterwegs sein, so ein Bahnsprecher aus Stuttgart, der auch für das Unternehmen FMO spricht. Demnach sollen jeweils rund 40 Busse im Einsatz sein. Dabei sollen „überwiegend Neufahrzeuge mit Niederflurtechnik und WLAN eingesetzt“ werden. Der Einsatz von Elektrobussen ist nicht geplant.

Die Haller Bahntochter wird offensichtlich nicht das komplette OVR-Betriebsgelände im Gewerbegebiet-Süd in Backnang übernehmen. „Die FMO wird lediglich Sozialräume und Abstellflächen am Betriebshof der OVR anmieten“, sagt der Bahnsprecher. Für den Start am 1. Januar in Backnang verfügt FMO noch nicht über ausreichend Busfahrer. Die Fahrer von OVR und RBS „können sich bei Interesse bei der FMO bewerben“, sagt der Bahnsprecher auf Anfrage. Auch auf der eigenen Homepage wirbt FMO für sich: „Für unsere neuen Einsatzstellen in Backnang (...) suchen wir mehrere sichere, zuverlässige, pünktliche und freundliche Busfahrer/-innen in Vollzeit sowie in Teilzeit zur Abdeckung von Verkehrsspitzen.“ Bei den Ausschreibungen hatte auch die Bahntochter Regiobus Stuttgart das Nachsehen. So werden inzwischen die beliebten Wanderbusse in den Schwäbischen Wald von der Firma Dannenmann aus Weinstadt betrieben.

Die Konzepte aller 13 Bündel werden voraussichtlich im kommenden Jahr umgesetzt sein. Ziel sei vor zwei Jahren gewesen, das Angebot im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auszubauen „wie noch nie“, so Richard Sigel. Das Augenmerk lag dabei besonders auf dem ländlichen Raum, sagte der Landrat bei der Vorstellung des neuen Fahrplans und der verbesserten Busverbindungen des Linienbündels 12 Ende Juli in Murrhardt weiter (wir berichteten).

Schritt für Schritt werden die Ausschreibungen abgeschlossen. „Wir haben dann ein super Busangebot“, ist Kreisverkehrsdezernent Peter Zaar überzeugt. Trotz der erwarteten Ausschreibungsgewinne wird der Landkreis den Busverkehr auch weiterhin mit Millionenbeträgen jährlich bezuschussen müssen. Ob die Ausschreibungen ihre Ziele erreichen, werde sich im Verlauf der Vertragszeiten zeigen. Der Dezernent rechnet dennoch damit, dass für die Busunternehmer die Zeiten schwerer werden. Es gehe um Existenzen, ist er überzeugt. Noch sei nicht abzusehen, ob jeder Anbieter sein Angebot bis zum Ende der Vertragslaufzeit durchhält. Schließlich müsse in neue Busse investiert werden.

Aber die Befürchtungen, die anfangs bestanden, hätten sich nicht bewahrheitet. Als 2007 die EU-Verordnung veröffentlicht wurde, sahen Kommunen und lokale Busbetreiber die internationalen Verkehrskonzerne mit Billigangeboten die gewohnten Busunternehmen aus dem Markt drängen. Es ist nicht so gekommen, sagt Zaar, der inzwischen der Ausschreibungspflicht sogar Gutes abgewinnen kann. Denn das Landratsamt könne Bedingungen stellen, die die Bieter bei ihrer Kalkulation berücksichtigen müssten. Gleichzeitig, so seine Beobachtung, verbilligten sich im Wettbewerb die Angebote. Zudem hätten sich die Kommunen in der Region auf ein Basispaket geeinigt. Dazu gehörten kein Lohndumping, Busmotoren der besten Schadstoffklasse, Barrierefreiheit und eine Mindestzahl von Busfahrten auf einer Linie. „Davon profitieren bei uns vor allem die Gemeinden im ländlichen Raum“, sagt der Verkehrsdezernent.

Darüber hinaus müssen nicht alle Linien europaweit ausgeschrieben werden. In der Vorbereitung zu den Ausschreibungen hatte das Landratsamt ausgelotet, was EU-rechtlich zulässig ist, um weiterhin die gewohnten Busbetriebe beauftragen zu können. Laut Zaar gibt es für kleine und mittelständische Betriebe im Wettbewerbsrecht Ausnahmeregeln. So müssen Linien erst ab einem bestimmten Auftragswert ausgeschrieben werden. Um den Schwellenwert nicht zu knacken, können große Linienbündel in verschiedene Lose aufgeteilt werden, die in Teilen ohne Ausschreibung direkt vergeben werden können. Jüngstes Beispiel: Römer Omnibusverkehr ist alter und neuer Betreiber im Bereich Winnenden/ Leutenbach. Im Rahmen einer Direktvergabe hat der Landkreis das Linienbündel 7 an die Winnender Firma vergeben. Der neue Fahrplan startet zum 1. Januar 2019. Dort gibt es ein verbessertes Angebot im Spätverkehr und am Wochenende.

Bei allen Verbesserungen, die sich durch die neuen Linienvergaben ergeben beziehungsweise ergeben sollen, eines hat der Rems-Murr-Kreis noch nicht: eine Haltestelle für einen Fernbus. Das will Gudrun Wilhelm ändern. Aus diesem Grund schrieb die FDP-Kreisrätin jetzt einen Brief an Landrat Sigel. „Ich würde mich freuen, wenn Sie für den Rems-Murr Kreis aktiv werden und wir diese kostengünstige Art von Mobilität unseren fernreisenden Mitbürgerinnen und Mitbürgern ermöglichen könnten, mit einem Halt in Backnang“, schrieb Wilhelm. Anfragen aus der Bürgerschaft für eine Zusteige- beziehungsweise Einsteigemöglichkeit würden zunehmen, insbesondere aus dem Murrtal und Backnang.