Allzeit bereit für Abenteuer in der Natur

Pfadfinderstamm Wangari Maathai an der Matthäuskirche Backnang – Natur- und Gruppenerfahrungen bilden die Persönlichkeit

Sie gehören zur Sippe Murmeltier oder zur Meute Schwarzer Panther, verbringen die Ferien in Zelten und lassen freiwillig ihre Handys daheim. Zehn Pfadfindergruppen mit insgesamt rund 100 Mitgliedern treffen sich jede Woche in der Matthäuskirche. Sie machen Erfahrungen in der Natur, organisieren sich selbst und lernen früh, Verantwortung zu übernehmen.

Stockbrot über dem Lagerfeuer: Für Pfadfinder kein Problem. Sie genießen das Leben in der freien Natur. Foto: privat

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG.„Wir machen heute Zitronensirup. Ihr müsst 14 Zitronen raspeln“, kündigt Jenny an. Lorena, Jessica, Clara, Janne und Anja machen sich an die Arbeit. Kurz darauf erfüllt ein köstlicher Duft den Raum im Gemeindezentrum der Matthäuskirche. Während sich die Pfadfinderinnen der Sippe Murmeltier mit den Raspeln abmühen, reden sie über Freundinnen und die Schule und Gott und die Welt: Mädchengespräche. Alle tragen dieselbe Kleidung: ein robustes graues Baumwollhemd mit einem blauen Halstuch, das mit einem Lederring zusammengehalten wird. Diese Kluft ist für alle Mitglieder des Backnanger Stammes gleich.

Zu Beginn der Stunde hat Sippenführerin Jenny Dürr Liederbücher verteilt. Dicke Schinken mit Holzeinband, zusammengebunden mit Schnüren, selbst gemacht und ganz offensichtlich viel benützt. Jede Sippenstunde am Freitagnachmittag beginnt mit ein paar Liedern, die Jenny auf der Gitarre begleitet. Dann folgt eine gemeinsame Unternehmung. Mal gehen die Mädchen zusammen zur Murrinsel zum Baden, mal machen sie ein Geländespiel im Plattenwald oder lernen bei einer Schnitzeljagd, die Wegzeichen der Pfadfinder anzuwenden. Oder sie backen einen Bibelkuchen mit Zutaten, die sie aus verschiedenen Bibelstellen zusammensuchen müssen.

Das Prinzip heißt:

Jugend leitet Jugend

Die neun Mädchen der Sippe Murmeltier gehören zum Stamm Wangari Maathai der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands, der seit 2004 an der Matthäusgemeinde besteht. Als Namensgeberin wurde eine afrikanische Umweltaktivistin ausgewählt. Neun Sippen gibt es an der Matthäuskirche, alle sind nach Wildtieren benannt. Die Mädchen und Jungen zwischen 10 und 18 Jahren sind nach Geschlechtern getrennt, nur die Meute Schwarzer Panther ist gemischt. Dort wird der Nachwuchs ab sieben Jahren, die sogenannten Wölflinge, auf das Leben als Pfadfinder vorbereitet.

Jenny Dürr kam als Zehnjährige mit einer Freundin zu den Pfadfindern und hat mit 16 Jahren die Leitung der Sippe Murmeltier übernommen. „Das Prinzip heißt: Jugend leitet Jugend. Man wächst da rein und lernt früh, Verantwortung zu übernehmen“, erklärt die 20-Jährige. Neben den wöchentlichen Treffen gehören zum Pfadfinderleben auch Reisen ins In- und Ausland, Fahrten genannt, die von den Mitgliedern der Sippe eigenständig organisiert werden. Die 15-jährige Jessica erzählt begeistert von der Englandreise der Sippe Murmeltier im vergangenen Jahr: „Ich habe viele neue Leute kennengelernt, alle waren sehr gastfreundlich. Zu manchen habe ich heute noch Kontakt.“

Neben den Fahrten zählen die Ferienlager zu den Höhepunkten im Pfadfinderjahr. Das Lagerleben in den traditionellen schwarzen Zelten erfordert einige Kenntnisse: Zeltbau, Knotenkunde, Feuer machen, Kochen und Erste Hilfe sind Dinge, die man für das Leben in der freien Natur beherrschen muss. Alkohol und Nikotin sind bei diesen Freizeiten tabu, und auch die Handys müssen die Teilnehmer zu Hause lassen. Elektrischen Strom gibt es nicht, gekocht wird über dem offenen Feuer. Statt Taschenlampen werden Kerzen und Fackeln verwendet.

Jonas Ribbeck leitet, zusammen mit Klara Koksch, den Stamm Wangari Maathai. Der 17-Jährige berichtet vom diesjährigen Pfingstlager bei Nördlingen mit 250 Pfadfindern aus ganz Süddeutschland. Neun Tage lang campierten die Jungen und Mädchen in Zelten, veranstalteten Geländespiele, einen Markttag, einen Besuchertag für Eltern und kämpften in zwei Gruppen um den Sieg bei einem Spiel zum Thema Wilder Westen.

Während des Pfingstlagers wartete auf Jonas Ribbeck eine besondere Herausforderung: Er unternahm seine Späheralleinfahrt, die Voraussetzung für den Übergang vom Knappen zum Späher ist. Er wurde weit entfernt vom Lager im Gelände ausgesetzt und musste mithilfe von Karte und Kompass den Weg zurückfinden. Drei Tage war er alleine zu Fuß unterwegs, ausgestattet mit Isomatte, Schlafsack und Kochtopf. Er schlief im Freien und bereitete sich selbst sein Essen zu. Nur für die Übernachtungen tat er sich mit einem anderen Pfadfinder zusammen.